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Die Suche nach dem blinden Fleck

Besonders mysteriös erscheint der Fall zweier vermisster Männer aus Oberösterreich

Fakten - Die Suche nach dem blinden Fleck © Bild: News/Aberle

Akte B2/99016 liegt auf dem meterlangen Schreibtisch der Tatortgruppe im Landeskriminalamt in Linz. Ein Ort, an dem Neonröhren die zwielichtige Aura des Verbrechens grell ausleuchten. Beweismittel in Plastiksackerln, sichergestellte Fingerabdrücke, ein Mikroskop und die gelben Nummerntafeln, die einen Tatort markieren sollen. Dazwischen sitzt der Vermisstenfahnder und blättert durch die Akte. Thomas Löfler, drahtiger Typ, 47 Jahre, davon 27 Jahre bei der Polizei, studiert jede Seite. Immer wieder liest er sich Aussagen durch, fährt mit dem Finger Landkarten ab. In Fernsehsendungen kommt der Kriminalermittler spätestens dann auf eine zündende Idee, die den ganzen Fall löst. In der Realität passiert das nicht. Thomas Löfler steht vor einem Mysterium.

Es ist Freitag, der 11. September 2015, als der Automechaniker Maximilian Baumgartner gegen 16 Uhr Feierabend macht. Mit seinem silbergrauen Citroën BX fährt der 27-Jährige durch die Marktgemeinde Zwettl an der Rodl im oberen Mühlviertel. Vorbei an der Tankstelle, der Raiffeisenbank, dem ordentlich restaurierten Altstadtkern mit seinen denkmalgeschützten Häusern. Dann weiter auf der Landstraße. Felder, Wiesen und ein paar Bauernhäuser fliegen an seinem Fenster vorbei. Er fährt die Einfahrt zum Haus seiner Eltern rauf und parkt. Ein einsames Anwesen mit unverputzter Fassade. Hier ist er aufgewachsen, hier baut er den linken Trakt zu einer eigenen Wohnung um. Den Parkettboden hat er schon verlegt, die neue Küche aufgebaut. Wenn er sich bemüht, wird er in wenigen Wochen fertig sein. Doch dazu wird er nicht mehr kommen.

Bezirksinspektor Thomas Löfler ist kein zwangsneurotischer Polizeiberater wie Monk und kein sarkastisch philosophierender Besserwisser wie der Biologe Grissom aus der amerikanischen TV-Serie CSI. Der Mühlviertler ist ein bodenständiger Mann mit kantigem Gesicht, abgeschorenen Haaren und Brille. Er war jahrelang bei der Antiterroreinheit in Wiener Neustadt. Seit 2005 fahndet er nach Vermissten.

Die meisten seiner Fälle lassen sich schnell lösen. "Wenn in Oberösterreich der berühmte Urfahraner Markt ist, dann weiß ich vorher, dass wir in diesen Tagen mehr Vermisstenanzeigen von Heimkindern haben, die für ein paar Tage ausbüxen." Dann klappert der Fahnder das Umfeld ab, meist ist nach spätestens einer Woche alles aufgeklärt. Wenn er Glück hat, kommt der Vermisste von alleine zurück.

In Österreich werden derzeit etwa 1000 Personen vermisst. Das Bundeskriminalamt weist darauf hin, dass sich diese Zahl minütlich ändern kann. Stabil ist dagegen die Aufklärungsrate: Im vergangenen Jahr lag sie bei mehr als 95 Prozent.

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Thomas Löfler hat fast immer einen Hinweis, der zur abgängigen Person führt, oder -wie er es nennt - "Parameter, die in eine Richtung weisen". Das können Suizidankündigungen sein, ein Streit, Stress bei der Arbeit, Liebeskummer. Dann fragt Thomas Löfler die Angehörigen, wie viel Geld der Vermisste dabeihatte, ob der Reisepass noch zu Hause liegt. Er telefoniert Notaufnahmen und Feuerwehren durch. Irgendwer weiß immer irgendwas. Die Fälle, die er nicht endgültig lösen kann, sind Vermisste, die bei Sportunfällen in den Bergen oder in Seen ums Leben kamen. "Wir haben mal einen vermissten polnischen Taucher im Attersee gesucht und nicht ihn, sondern eine vermisste deutsche Taucherin gefunden, die schon Jahre abgängig war", erzählt der Fahnder.

Die Suche beginnt

Es ist 17 Uhr, als Maximilian Baumgartner Besuch von drei Freunden bekommt, darunter sein bester Freund Andreas Leitner. Ein zurückhaltender Typ. Einer, der mit 27 Jahren keinen Führerschein hat und bei den Eltern wohnt, weil er arbeitslos ist und sich keine eigene Wohnung leisten kann. Er bittet noch seine Mutter, ihn später abzuholen, doch die hat an diesem Abend Besuch und lehnt ab. Also muss Andreas Leitner bei seinem Freund übernachten. Die Männer kennen sich seit der Schulzeit, sind fast auf den Tag gleich alt. Sie sind ein eingeschworenes Team. Vielleicht Sonderlinge, weil sie anders sind, als Generation Facebook es vorlebt. Sie prahlen weder mit Frauengeschichten, noch hängen sie ständig am Smartphone oder reisen um die Welt. "Für meinen Bruder war Linz schon eine Sensation", sagt Monika Baumgartner, die Schwester von Maximilian.

An diesem ersten kühlen Abend nach dem langen Sommer sitzen sie zu viert in der Stube der Baumgartners. Die Eltern sind nicht zu Hause, der Eiskasten ist gut gefüllt mit Bier. Die Männer spielen mit Schnapskarten. Gegen Mitternacht sind zwei Freunde müde. Sie verabschieden sich von Maximilian und Andreas. Es ist das letzte Mal, dass sie die beiden lebend sehen.

Thomas Löfler kennt die Akte B2/99016 auswendig. Der Mutter von Andreas Leitner fiel zuerst auf, dass die Männer verschwunden waren. Sie hatte ihren Sohn am Samstagmorgen bei den Baumgartners abholen wollen. Als dort niemand war und sie Andreas auch nach Stunden nicht telefonisch erreichen konnte, ging sie zur Polizei. Maximilians Vater erst am Sonntagabend. Er war vorher verreist.

Thomas Löfler betont, dass man keine Fristen abwarten muss, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. "Das ist eine Erfindung des Fernsehens. Die wichtigsten Stunden sind die ersten Stunden."

Die Polizisten im größeren Nachbarort Bad Leonfelden scannten zwei Fotos der Vermissten und leiteten die Infos an eine Datenbank weiter. Name, Alter, Herkunft, Adresse und Fingerabdrücke erschienen sofort auf den Bildschirmen sämtlicher Sicherheitsbehörden in Österreich. Die Beamten schauten sich im Haus der Baumgartners um, riefen in Krankenhäusern an. Nichts. Zwei Tage nach dem Verschwinden alarmierten sie den Fahndungsexperten in Linz. "Meinen Kollegen schien der Fall dubios, weil es überhaupt keine Hinweise gab", sagt Thomas Löfler. Er übernahm die Ermittlung. Als Erstes informierte er seine tschechischen Kollegen über die beiden Vermissten. Denn Zwettl an der Rodl liegt nur 13 Kilometer von der Grenze entfernt. Der Fahnder fragte nochmals Familien und Freunde. Mithilfe der Angehörigen suchte er alle Daten zusammen, die er in die Finger bekam: SMS-Nachrichten, E-Mails, Bankbewegungen. Vom Zahnarzt der Vermissten ließ er sich das Röntgenbild ihrer Zähne übermitteln. Thomas Löfler nennt das ein primäres Merkmal. So wie DNA und Fingerabdrücke, mit denen er schließlich die Daten von unbekannten Leichen vergleicht. Die Wohnhäuser der Vermissten durchsuchte er nicht, denn hier stoßen auch Leute wie Thomas Löfler an ihre Grenzen. "Unsere Vermissten haben nichts angestellt, deshalb befinden wir uns im Sicherheitspolizeigesetz. Das schränkt uns in unseren Möglichkeiten ein", sagt der Fahnder. Nur mit dem Einverständnis der Hauseigentümer darf er in die Wohnungen rein.

"Eine volljährige Person darf gehen, wohin sie will, ohne dass sie jemanden darüber informieren muss." Thomas Löfler erinnert sich an einen Fall, bei dem die Eltern ihren 30-jährigen Sohn vermisst meldeten. Der Fahnder fand ihn in Deutschland. Der Vermisste wollte aber keinen Kontakt mehr mit seinen Angehörigen. Also musste Thomas Löfler den Eltern ausrichten, dass es ihrem Sohn zwar gut ginge, aber er ihnen nicht verraten darf, wo der sich aufhält.

Letzte Spur: Tschechien

Diese Möglichkeit schließt der Fahnder für die vermissten Oberösterreicher aus. "Sie haben keine Pässe dabei und kein Geld." Auch für einen Suizid hat der Ermittler keinen Hinweis. Was in den Stunden nach Mitternacht passierte, konnte Thomas Löfler anhand der Handydaten ermitteln.

Um 0.57 Uhr ruft Maximilian Baumgartner bei einer Freundin an. Die Männer wollen sie überreden, auf ein Getränk vorbeizukommen. Sie lehnt ab. Um 1.41 Uhr rufen sie ein weiteres Mal bei ihr an. Sie schläft, bemerkt den Anruf erst am nächsten Morgen. Kurz vor zwei Uhr telefonieren Maximilian und Andreas mehrere Taxiunternehmen durch. Niemand hat Zeit, niemand kann sie fahren. Wohin sie wollen, sagen sie nicht. Etwa um halb drei Uhr fahren sie auf der Böhmerwald-Bundesstraße in Bad Leonfelden in Richtung Tschechien. Dann verliert sich ihre Spur. Zunächst.

Thomas Löfler versuchte, sich in die Vermissten hineinzuversetzen. Wo wollten sie hin? Was könnten sie vorgehabt haben? Zu Beginn glaubte der Fahnder an einen Unfall. "Das haben wir schon gehabt. Da lag das Auto der Vermissten so tief in einem Graben, dass man es nicht gesehen hat." Also forderte er den Polizeihubschrauber an und ließ sich über das Grenzgebiet fliegen. Das war im Herbst, das Laub war von den Bäumen. Thomas Löfler hatte eine gute Sicht. Trotzdem hat er nichts gefunden.

Die Familien waren enttäuscht. Sie liefen selbst durch den Wald. Kilometer für Kilometer marschierten sie. In Österreich, in Tschechien. Sie druckten Flyer mit Fotos von Maximilian und Andreas, setzten eine Belohnung von 1000 Euro für zielführende Hinweise aus und verteilten die Flyer in den Städten im Grenzgebiet. Auch ohne Erfolg.

Sogar der ehemalige Wiener Vermisstenfahnder Christian Mader wurde auf den Fall aufmerksam. Mit seinem Verein "Österreich findet euch" versuchte er die Familien zu unterstützen. Er erklärte ihnen die Polizeiarbeit und die Gesetze und schlug ihnen vor, mit der Suche in die Medien zu gehen. Denn das darf Thomas Löfler von sich aus nicht, wenn die Vermissten erwachsen sind. Obwohl auch für ihn jeder Bericht wichtig ist, eine Chance auf einen neuen Hinweis.

Nachdem ORF-"Thema" über das Verschwinden von Maximilian Baumgartner und Andreas Leitner berichtet hatte, meldete sich tatsächlich ein Zeuge. Er habe das Auto der Vermissten am Samstag, dem 12. September, um vier Uhr in der Früh auf dem Parkplatz mitten in Vyšší Brod in Tschechien gesehen. Eine Kleinstadt direkt an der Grenze, in der sich mehrere Herní, zu Deutsch Glücksspiellokale, aneinanderreihen. "Dem Zeugen war ein Aufkleber auf der Heckscheibe aufgefallen. Das passte. Denn das Auto, mit dem die Burschen unterwegs waren, hatte wirklich so ein Pickerl", sagt Thomas Löfler. Der Zeuge habe Maximilian und Andreas zwar nicht sehen können, aber er habe gehört, dass sie im Mühlviertler Dialekt gesprochen haben. Für den Ermittler ein fester Hinweis.

Er würde am liebsten selbst die vielen asiatischen Barbetreiber befragen, die in Vyšší Brod die Kasinos dominieren. Aber er darf dort nicht fahnden. Das müssen seine tschechischen Kollegen übernehmen. Der Polizist und die Angehörigen müssen auf mehr Hinweise hoffen. Thomas Löfler wird wieder und wieder die Akte B2/99016 durchblättern. Und wenn der Ausdauersportler dann nach Feierabend mit seinem Mountainbike die Berge erklimmt, denkt er: "Aufgeben gibt es nicht. Niemals."

Hinweise an das Landeskriminalamt Oberösterreich unter 059133/40/0.

Kommentare

Ist dort nicht an der Tschechischen Grenze zurzeit eine Crystal Meth Hochburg? Vielleicht sind sie in falsche Kreise gekommen?!

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