Verkehrsrecht von

Mitschuld am Verkehrsunfall

Dr. Maria In der Maur-Koenne © Bild: NEWS

Ich hatte vor einiger Zeit einen Motorradunfall, bei dem ich mich auch verletzt habe. Das vor mir fahrende Auto hat plötzlich einen Bogen nach rechts gemacht und ist einer Radkappe, die mitten auf der Straße lag, ausgewichen. Sofort, als ich das bemerkt habe, habe ich scharf gebremst und kam deshalb zu Sturz. Das haben alle so gesehen, und es steht so auch im Polizeibericht. Jetzt hat mir ein Anwalt geschrieben, dass ich nicht so stark hätte bremsen dürfen - wenn ich leichter gebremst hätte, wäre nichts passiert. Es ging aber alles so schnell, da habe ich an langsames Bremsen gar nicht gedacht. Trifft mich eine Mitschuld?
Hans L., Salzburg

Lieber Herr L.!
Der Lenker eines Fahrzeugs hat die Fahrgeschwindigkeit den gegebenen und durch Straßenverkehrszeichen angekündigten Umständen, insbesondere den Straßen-, Verkehrs- und Sichtverhältnissen anzupassen. Außerdem ist immer ein solcher Abstand zum Vordermann einzuhalten, dass Sie jederzeit rechtzeitig anhalten können, wenn das vor Ihnen fahrende Fahrzeug plötzlich bremst.

Ihrer Anfrage entnehme ich, dass Sie offenbar nicht zu schnell waren und den notwendigen Sicherheitsabstand eingehalten haben, zumindest wird Ihnen nichts Gegenteiliges vorgeworfen. Offenbar war es Ihnen nicht möglich, die Radkappe schon früher zu sehen, sondern erst, nachdem das Auto vor Ihnen dieser ausgewichen war.

Grundsätzlich sind Sie verpflichtet, Ihre Fahrgeschwindigkeit so zu wählen, dass Sie auch solche Hindernisse in Betracht ziehen, die plötzlich auftauchen, mit denen Sie aber rechnen müssen. An völlig unberechenbare Hindernisse, insbesondere auch auf Hindernisse, die auf Grund nicht rechtzeitig erkennbarer Verkehrswidrigkeiten anderer Verkehrsteilnehmer in die Fahrbahn gelangen, müssen Sie Ihre Fahrgeschwindigkeit aber nicht anpassen.

Auch wenn Ihre Reaktion auf die auf der Fahrbahn liegende Radkappe rückblickend objektiv falsch war und der Unfall bei richtiger Reaktion - offenbar einer weniger starken Bremsung - unterblieben wäre, trifft Sie kein Mitverschulden an dem Verkehrsunfall. Der Oberste Gerichtshof hat bereits festgehalten, dass dann, wenn ein Verkehrsteilnehmer bei einer plötzlich auftretenden Gefahr zu schnellem Handeln gezwungen ist und er in dieser Situation unter dem Eindruck der Gefahr eine - rückschauend betrachtet - unrichtige Maßnahme ergreift, ihm diese unrichtige Handlung nicht als Mitverschulden angerechnet werden kann.

Wenn Ihr einziger "Fehler" darin bestand, aufgrund des plötzlich vor Ihnen auftauchenden Hindernisses unrichtig reagiert und zu stark abgebremst zu haben, wodurch Sie erst zu Sturz kamen, trifft Sie kein Mitverschulden an dem Verkehrsunfall.

Haben Sie eine Frage? Schreiben Sie mir bitte: siehabenrecht@news.at

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