Verhandlungen von

Deutschland: Einigung
auf Große Koalition

Union und SPD erzielen Durchbruch in wichtigen Fragen wie Pensionen und Finanzen

Verhandlungen - Deutschland: Einigung
auf Große Koalition © Bild: 2013 AFP/Getty Images

Die Neuauflage der Großen Koalition in Deutschland ist ein riesiges Stück näher gerückt: Nach einer Marathonsitzung bis in den frühen Morgen verständigten sich die Spitzen von Union und SPD auf einen Koalitionsvertrag. Auch die sogenannte große Runde hat rasch zugestimmt - nun müsste nur noch die SPD-Basis positiv abstimmen.

Union und SPD wollen die Aufteilung der Ministerien und ihre Besetzung vorerst offen lassen. Dies solle erst nach dem Votum der SPD-Mitglieder am 14. Dezember geregelt werden, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Mittwoch aus Verhandlungskreisen. Fest steht aber, dass die SPD in einem schwarz-roten Kabinett unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sechs Ministerien bekommen soll, die CDU fünf (plus Kanzleramtsminister) und die CSU drei. SPD und Union waren bereits zwischen 2005 und 2009 unter Merkel gemeinsam an der Regierung. Zuvor gab es zwischen 1966 und 1969 schon einmal eine Große Koalition.

"Knoten durch!"

Den Durchbruch erzielten die Spitzen von Union und SPD in 17-stündigen Dauergesprächen. "Knoten durch! Einigung erreicht", twitterte der parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion, Michael Grosse-Brömer. Ähnlich äußerten sich die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und die stellvertretende CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär. Der CDU-Politiker Peter Altmaier sprach am Mittwochmorgen in Berlin von einem "wunderbaren Ergebnis".

Flächendeckender Mindestlohn

Bei der Neuauflage einer schwarz-roten Regierung unter Kanzlerin Merkel sollen unter anderem ein flächendeckender Mindestlohn eingeführt, die Pensionsleistungen verbessert und die doppelte Staatsbürgerschaft erleichtert werden. Auf Steuererhöhungen für neue Projekte will Schwarz-Rot verzichten. Ab 2015 will man keine neuen Schulden machen. Vereinbart wurde ein Finanzrahmen für zusätzliche Ausgaben und Investitionen bis 2017. Danach sollen für die Projekte einer Großen Koalition zusätzlich 23 Milliarden Euro ausgegeben werden.

SPD-Basis muss noch zustimmen

Nach der Einigung in kleinem Kreis war der Vertragsentwurf noch in der Früh gegen 5.30 Uhr von der großen Runde aus mehr als 70 Unterhändlern bestätigt worden. Über den Vertrag muss nun allerdings noch die SPD-Basis ihr Votum abgeben. Bei einem Ja würden CDU, CSU und SPD Deutschland zum dritten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik gemeinsam regieren. Geplant ist die Regierungsbildung in der Woche vor Weihnachten.

Vertrag soll noch heute präsentiert werden

Im Laufe des Tages wollten die Parteivorsitzenden Merkel, Horst Seehofer (CSU) und Sigmar Gabriel (SPD) den Vertrag präsentieren. Seehofer sagte nach dpa-Informationen vor Unionsmitgliedern, CDU und CSU hätten ihre Wahlversprechen gehalten. Auch die SPD zeigte sich zufrieden. Beide Seiten lösten in der Schlussrunde alle großen Streitpunkte: bei der doppelten Staatsbürgerschaft, beim Mindestlohn, der Rente und der Maut.

Wenn die insgesamt 475.000 SPD-Mitglieder grünes Licht geben, könnte Merkel am 17. Dezember im Bundestag zum dritten Mal zur Kanzlerin gewählt werden. Das neue schwarz-rote Kabinett würde dann noch am selben Tag die Arbeit aufnehmen.

Einig wurde man sich auch über einen gesetzlichen Mindestlohn. Er soll 2015 kommen und bundesweit 8,50 Euro pro Stunde betragen. Allerdings können die Tarifpartner in einer Übergangszeit bis 2017 auch Abschlüsse vereinbaren, die unter 8,50 Euro liegen. Das kommt Union und Wirtschaft entgegen. Die Verständigungen zu Mindestlohn, Pensionen und zur doppelten Staatsbürgerschaft könnten die kritische SPD-Basis beruhigen.

Pensionskompromiss

Der erzielte Pensionskompromiss sieht vor, dass die von der SPD geforderte abschlagfreie Rente mit 63 Jahren nach 45 Beitragsjahren und die von der Union versprochene Besserstellung älterer Mütter, die vor 1992 Kinder bekommen haben, zum 1. Jänner 2014 eingeführt werden. Ferner soll eine "solidarische Lebensleistungsrente" für Geringverdiener von bis zu 850 Euro pro Monat ab 2017 kommen.

Auch im Streit um die doppelte Staatsbürgerschaft erzielten beide Seiten eine Verständigung. Danach müssen sich in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern künftig nicht mehr bis zum 23. Geburtstag für einen der beiden Pässe entscheiden. Einen Kompromiss gab es auch bei der umstrittenen Vorratsdatenspeicherung.

Maut-Einigung

Die Maut-Einigung wurde unterschiedlich gewertet. Während die CSU von einem Erfolg für sich ausging, wurde in Kreisen von CDU und SPD die Formulierung für den Koalitionsvertrag lediglich als Prüfauftrag gewertet. Bedingung soll sein, dass die Maut nur ausländische Autofahrer belastet und mit dem Europarecht vereinbar ist. Dazu soll 2014 ein Gesetz verabschiedet werden. Merkel hatte vor der Wahl erklärt, mit ihr werde es keine Pkw-Maut geben.

In der wichtigen Frage des Ausbauziels für erneuerbare Energien soll ein Ökostromanteil von 55 bis 60 Prozent bis zum Jahr 2030 angestrebt werden. Zuvor hatte die Union auf 50 bis 55 Prozent plädiert, die SPD hatte 75 Prozent als Ziel genannt. An der Zahl orientieren sich letztlich auch die Investitionsentscheidungen für neue Windparks, aber auch für neue konventionelle Kraftwerke.

Union und SPD zufrieden mit Ergebnis

Union und SPD haben sich jeweils zufrieden mit dem Ergebnis gezeigt. Die Vereinbarung trage "eine christsoziale und eine christdemokratische Handschrift", sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe Mittwochfrüh in Berlin. "Ich kann festhalten, dass der Koalitionsvertrag ein Spiegel des Wahlergebnisses ist", so CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt.

Die Union sei mit allen wesentlichen Elementen, für die sie gekämpft habe, im Koalitionsvertrag vertreten, sagte Dobrindt. Auch SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles zeigte sich zufrieden: Die SPD habe "hart verhandelt bis zu Schluss" und ihr wichtige Themen wie den flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro und die Pension mit 63 nach 45 Versicherungsjahren durchgesetzt.

Die künftigen Koalitionäre einigten sich laut Nahles auch auf eine bessere Unterstützung der Kommunen und Investitionen in die Bildung. Nach Angaben aus Verhandlungskreisen verursachen die Vorhaben der Großen Koalition in der kommenden Legislaturperiode 23 Milliarden Euro Mehrkosten. Nach Angaben der Unionsseite liegt dies aber im Rahmen der mittelfristigen Finanzplanung des Bundeshaushalts.

Grüne und Linke enttäuscht

Die Grünen und die Linkspartei haben mit Enttäuschung auf den schwarz-roten Koalitionsvertrag reagiert. Die Vereinbarung von Union und SPD sei geprägt von "Zukunftsvergessenheit", sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter am Mittwoch im ZDF.

Die geplante Koalition ziele auf den "Abbruch der Energiewende" ab und bremse Entwicklung der erneuerbaren Energien. Sowohl Union als auch SPD seien "zukunftsvergessene Parteien", kritisierte Hofreiter. Auch Linken-Fraktionsvize Dietmar Bartsch vermisste zukunftsweisende Vereinbarungen im Koalitionsvertrag. "Ich habe gehofft, dass die große Koalition große Probleme angeht", sagte Bartsch im ZDF. "Hier wird verwaltet und nicht etwa in die Zukunft agiert", bemängelte er.

EU-Parlamentarier erleichtert

Erleichtert über den Koalitionsvertrag zeigte sich der konservative Europaabgeordnete Peter Liese. Der Berichterstatter des EU-Parlaments für die Einbeziehung des Flugverkehrs in den Emissionshandel (ETS) erklärte, die Vereinbarung beinhalte positive Elemente auch für den europäischen Klimaschutz und die Energiepolitik.
Bei der alten Regierung sei es angesichts von Differenzen zwischen CDU und Liberalen zu Problemen in diesen Bereichen gekommen. Im Koalitionsvertrag sei nun enthalten, dass Deutschland zumindest 40 Prozent CO2-Reduktion für 2030 anpeile.

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