Vatileaks von

Gefallener Diener

Gabriele im Prozess: Vatikan-Kenner mutmaßen, dass er nur Handlanger war

Papst benedikt XVI © Bild: Reuters

"Paoletto" war Benedikt XVI. so nah wie nur ganz wenige - und hat ihn schmählich verraten. Der Ex-Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, muss sich seit Samstag in der Enthüllungsaffäre "Vatileaks" verantworten, die das Machtzentrum der katholischen Kirche schwer erschüttert hat. Bis zu vier Jahren Haft drohen Gabriele bei einem Schuldspruch, der Papst könnte ihn dann begnadigen.

Im Gerichtssaal wirkt der 46-Jährige angespannt, blass, aber beherrscht. Er hält die Hände gefaltet. Sein Blick fällt auf das Foto des Papstes über dem Kopf des Staatsanwalts. In einer Pause scherzt er mit seiner Anwältin. Den Blick ins Publikum vermeidet er. Das berichten die wenigen vom Vatikan zugelassenen Journalisten nach der Verhandlung. Nicht einmal Angehörige Gabrieles sind dabei, als in schwarzen Roben die drei Richter unter Vorsitz von Giuseppe Dalla Torre den holzvertäfelten, mit Stuck verzierten Saal betreten. Es gibt nur 18 Plätze.

In grauem Anzug, weißem Hemd und grauer Seidenkrawatte stellt Gabriele sich dem Tribunal. Gut angezogen zu sein, gehörte zu seinem Job, begleitete er doch den Papst auf Reisen und war auf Bildern oft hinter ihm zu sehen. Er half Benedikt beim Ankleiden, bereitete sein Schlafzimmer - und stahl hinter dessen Rücken geheime Dokumente aus den Gemächern. Über Monate hinweg landeten Indiskretionen in den Medien, Informationen über Intrigen und Missstände sickerten durch die sonst so undurchdringlichen Mauern.

Nach Festnahme geständig

Der untreue Diener hat gleich nach seiner Festnahme im Mai gestanden, seine Taten bereut und den Papst um Gnade gebeten. Hunderte vertraulicher Unterlagen soll der Kammerdiener mitgenommen, kopiert und weitergegeben haben - daran gemessen scheint der Anklagevorwurf schwerer Diebstahl eher geringfügig. Bis heute ist nicht ganz klar, was den streng gläubigen Vater dreier Kinder trieb. Offenbar glaubte der 46-Jährige, seiner Kirche mit den Indiskretionen zu dienen.

"Ich glaube nicht, dass es der Kirche schadet - ich glaube, dass es zum Nachdenken bringt", sagte er Monate vor seiner Festnahme in einem anonym geführten Interview mit dem Buchautor Gianluigi Nuzzi. Nuzzi, der seine Quelle "Maria" taufte, hat viele Dokumente in dem Buch "Seine Heiligkeit" veröffentlicht. Gabriele, dessen Gesicht bei dem Gespräch verdeckt blieb, sagte, er wolle die Wahrheit sagen und sei bereit, die Konsequenzen zu tragen. Es gebe etwa 20 Gleichgesinnte im Vatikan.

Nur ein Handlanger?

Vatikan-Kenner mutmaßen, dass Gabriele nur Handlanger war. Ein psychiatrisches Gutachten bescheinigte ihm eine eher einfache Intelligenz; er wird als leicht beeinflussbar beschrieben. Vermutet werden interne Machtkämpfe im Vatikan. Unter den Namen, die in den Dokumenten immer wieder auftauchten, war der des umstrittenen Kardinalstaatssekretärs Tarcisio Bertone.

Der Vatikan ist um Transparenz bemüht. Vor dem Prozess gab es Pressekonferenzen, im August veröffentlichte er einen gut 30-seitigen Untersuchungsbericht. Der Papst berief eine Kardinalskommission. Sie arbeitet aber unabhängig von dem Gericht, und was sie herausfindet wird nicht öffentlich werden. Kirchliche und juristische Aufklärung bleiben streng getrennt.

Zeugen geladen

Inwieweit der Prozess die Hintergründe von "Vatileaks" aufdecken wird, ist ungewiss. Polizeibeamte und eine Hausdame sind als Zeugen geladen - und der päpstliche Privatsekretär Georg Gänswein. Ob er aber überhaupt in der Verhandlung befragt wird, ist derzeit unklar.

Schon wird über einen kurzen Prozess spekuliert. Beim Hinausgehen nach der gut zweistündigen Verhandlung sagte Richter Dalla Torre, evenutell könnten vier Verhandlungstage reichen. Dann wäre ein Urteil Ende nächster Woche nicht ausgeschlossen - noch vor dem Start einer wichtigen Bischofssynode am Sonntag mit der Erklärung von Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin und dem Beginn des "Jahres des Glaubens".

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