VatiLeaks von

Bitte um Gnade für den Butler

Journalist Nuzzi hofft auf Begnadigung seines Informanten durch den Papst

Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI. © Bild: Reuters/Gentile

Der italienische Journalist Gianluigi Nuzzi bittet den Papst, den zu 18 Monaten Haft verurteilten früheren päpstlichen Kammerdiener Paolo Gabriele zu begnadigen. "Ich bitte den Heiligen Vater, seinen Ex-Mitarbeiter zu begnadigen, der wegen Unterschlagung von Dokumenten verurteilt worden ist, die er mir als Fotokopien zukommen hat lassen", heißt es in einem Artikel Nuzzis, der in mehreren europäischen Tageszeitungen, darunter "Le Monde" und "El Mundo", veröffentlicht wurde.

"Gabriele hat kein diplomatisches, oder militärisches Geheimnis wie im Fall Wikileaks verraten", erklärte Nuzzi. Mit seiner Geste habe der Ex-Kammerdiener "verborgene Wahrheiten des Vatikans ans Licht gebracht, die der Kirche selbst schaden", schrieb der Journalist. "Wenn der Papst Gabriele begnadigt, beweist die Kirche damit, dass sie keine obskure und konservative Einrichtung ist", so Nuzzi.

"Wer hat der Kirche geschadet?

"Wer hat der Kirche geschadet? Paolo Gabriele, der das Vertrauen des Papstes missbraucht und Machtkämpfe in der Kurie bekannt gemacht hat, oder die Protagonisten dieses Komplotts?", fragte der Journalist. In den vergangenen Monaten habe er mit Gabriele wiederholt über seine Verantwortung gesprochen. Gabriele sei überzeugt gewesen, das tun zu wollen, was seiner Ansicht nach "notwendig und richtig" sei.

"Gabriele hat öfters unterstrichen, dass der Heilige Vater nichts mit Komplotten, Machtkämpfen und den Finanzskandalen zu tun hat, die aus den in meinem Buch veröffentlichten Dokumenten hervorgehen. Der Papst hat keinerlei Rolle in diesen Affären. Er scheint im Gegenteil ein Opfer zu sein", so Nuzzi.

Nuzzi ist Autor des Beststellers "Sua Santita" (Seine Heiligkeit), der sich auf Geheimdokumente aus dem Vatikan beruft. Gabriele soll dem Autor geheime Unterlagen des Papstes zugeschanzt zu haben. Deswegen wurde er am Ende eines einwöchigen Prozesses zu 18 Monaten Haft verurteilt. Nuzzi versicherte kürzlich, er würde sich den italienischen Justizbehörden stellen, sollte gegen ihn der Vorwurf der Hehlerei im Zusammenhang mit der Affäre um die Vatikan-Dokumente erhoben werden. "Wenn jemand Fotokopien echter Dokumente erhält, hat er als Journalist die Pflicht, sie zu veröffentlichen", kommentierte Nuzzi.

Suche nach Komplizen geht weiter

Im Vatikan bleibt die Suche nach möglichen Komplizen des Ex-Butlers offen. Der 46-jährige Gabriele hat laut den vatikanischen Richtern als Einzeltäter gehandelt, doch eine von Benedikt eingesetzte dreiköpfige Kommission von Kardinälen hat ihre Ermittlungen in dem Fall noch nicht abgeschlossen. Der Prozess hat zahlreiche Fragen aufgeworfen, die vor allem mögliche Hintermänner Gabrieles betreffen.

Der ehemalige Butler hatte angegeben, in seinem Handeln vom "Heiligen Geist" angeregt worden zu sein und die "Wahrheit" über Vorgänge in der Kurie ans Licht bringen zu wollen. In einem Gutachten wurde Gabriele als psychologisch weitgehend stabil, aber als sehr beeinflussbar beschrieben. Gabriele nannte während des Prozesses sieben Personen, die ihn "beeinflusst" haben sollen, unter anderen die beiden Kurienkardinäle Angelo Comastri und Paolo Sardi, einen italienischen Bischof sowie eine ehemalige Haushälterin und Übersetzerin Benedikts. Den Beziehungen zwischen diesen Personen und Gabriele dürfte der Vatikan jetzt nachgehen wollen.

Kammerdiener sammelte schon seit Jahren

Für Aufsehen sorgte bei dem Prozess auch, wie viel Material Gabriele gesammelt hatte. Die Beamten der Vatikangendarmerie hatten 82 Kartons mit Papieren aus seiner Wohnung im Vatikan beschlagnahmt, darunter auch etwa Tausend vertrauliche Dokumente. Gabriele hatte erklärt, nur in den Jahren 2010 und 2011 Papiere gesammelt zu haben, doch die Ermittlungen ergaben, dass er schon seit Beginn seiner Tätigkeit als päpstlicher Kammerdiener im Jahr 2006 begonnen hatte, Schriftstücke des Papstes zu entwenden, unter anderem die Resultate von Blutanalysen des Heiligen Vaters, wie italienische Medien berichteten.

Gabriele hatte angegeben, "vom Instinkt geleitet" die Dokumente ausgesucht und kopiert zu habe. Dieses Aussagen seien jedoch nicht glaubwürdig, meinten Vatikan-Insider. Mehr Licht ins Dunkel der verworrenen Causa könnte das Verfahren gegen den wegen Begünstigung angeklagten Informatiker Claudio Sciarpelletti werfen, das nach dem Ende der Bischofssynode am 28. Oktober fortgesetzt werden soll. Bei Sciarpelletti, dem Beihilfe vorgeworfen wird, war ein Umschlag mit Papieren gefunden worden, die aber nicht vertraulich waren. Vor einer Woche hatte das vatikanische Gericht beschlossen, Gabrieles Verfahren von jenem Sciarpellettis getrennt zu führen.

Kein Gefängnis im Vatikan

Gabriele kehrte nach dem Prozess zu seinem Alltag unter Hausarrest zurück. Am Sonntag wurde er von einem Gendarmen zur Messe begleitet. Das vatikanische Gericht muss noch über die Haftbedingungen entscheiden. Gabriele würde die Strafe vermutlich in einem italienischen Gefängnis absitzen, da es im Vatikan keine Strafanstalten gibt. Sehr wahrscheinlich wird ihn der Papst jedoch begnadigen.

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