Varianten gewollt: Deutsch-Experte Zehetmair lehnt konkrete Empfehlung ab

"Einheitlichkeit per se war auch gar nicht das Ziel"

Die neuen Rechtschreibregeln werden nach Angaben von Hans Zehetmair, Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung, nicht sofort für einheitliches Schreiben sorgen. "Einheitlichkeit per se war auch gar nicht das Ziel", sagte Zehetmair in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Es sei vielmehr gewollt, dass Zusammensetzungen wie "sitzen bleiben" mal zusammen und mal auseinander geschrieben werden, "und zwar nach ihrem Sinninhalt". Es sei ein klarer Unterschied, ob es dabei um den Verbleib im Sessel oder das Wiederholen einer Schulklasse gehe. Zudem gebe es ein- bis zweijährige Übergangsfristen an den Schulen.

Vor dem Hintergrund dieser inhaltsbestimmten Variation bewertet Zehetmair die Empfehlung für jeweils eine der möglichen Formen, wie sie der neue Duden enthalte, als fraglich und wenig sinnvoll. "Generelle Präferenzen machen es nicht einfacher", ist der frühere bayerische Kultusminister (CSU) überzeugt. "Sprache ist die Übertragung unseres Denkens und richtet sich nun mal nach dem Sinn." Es sei wichtig, dass Schüler für diese Sinnhaftigkeit sensibilisiert würden. "Man kann nur davor warnen, der deutschen Sprache ihre Nuancen zu nehmen, denn dann nimmt man ihr auch die Feinheit des Denkens."

Trotz der derzeit teils weiter anhaltenden Kritik an der neuen Rechtschreibregelung, sie greife zu kurz oder lasse wichtige Fragen wie die Fremdwortschreibung aus, erwartet Zehetmair die Einkehr eines weitgehenden "Sprachfriedens". Zumindest an den Schulen und in der breiten Öffentlichkeit sei man den Streit inzwischen einfach leid und freue sich über die Ergebnisse des Rates als Handlungsgrundlage. In der Sprachwissenschaft werde die Debatte weitergehen, das sei gewollt. "Wir wollen ja die Sprache beobachten und dann sehen wir, ob sich Orthographie oder Orthografie, Spaghetti oder Spagetti durchsetzen und ob man creditcard groß, getrennt oder zusammen schreibt."

Klar sei, dass es zu den vielen Varianten ohne die schwierige Vorgeschichte der Rechtschreibreform gar nicht gekommen wäre. "Wir haben versucht zu glätten, was da geht", beschreibt er die Aufgabe des noch für sechs Jahre berufenen Rates für deutsche Rechtschreibung. Das Gremium nahm im Jahr 2004 auf Bitten der Kultusminister die Arbeit auf, um den anhaltenden Streit um die neue Rechtschreibung zu beenden und die Entwicklung der Schriftsprache zu beobachten und gegebenenfalls weiter zu entwickeln. "Der Rat ist kein Kampfplatz", stellte Zehetmair klar.

Nach Angaben Zehetmairs werden nach den Schulen im gesamten deutschen Sprachraum samt Österreich und der Schweiz vermutlich bis Jahresende auch fast alle Medienhäuser sich der nun verabschiedeten Rechtschreibreform anschließen. Dabei sei aber zu erwarten, dass sie sich Falle von mehreren Varianten an die klassische Form halten. (apa/red)