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US-Behörde will Mensch-Tier-Kreuzungen finanzieren

Mischwesen könnten Organe liefern und bei Erforschung von Krankheiten helfen

Forschungen, bei denen Tier-Embryos mit menschlichen Zellen versehen werden, könnten in den USA künftig staatlich gefördert werden. Das sieht ein Vorschlag der US-Forschungsbehörde NIH vor, der in den nächsten Wochen öffentlich diskutiert werden soll.

Während die Befürworter auf einen Durchbruch bei der Erforschung von Alzheimer, Parkinson oder Unfruchtbarkeit hoffen und mit solchen "Chimären" Organe züchten wollen, verweisen Kritiker auf komplexe moralische Fragen.

Demnach sollen künftig Forschungsprojekte finanziert werden, die menschliche pluripotente Stammzellen in Embryonen bestimmter Tierarten einschleusen - darunter auch Projekte, die das Tiergehirn mit menschlichen Zellen substanziell modifizieren, wie es in einer Erklärung heißt.

Welche Aktivitäten konkret gefördert werden, soll ein interner Steuerungsausschuss überwachen. "Ich bin zuversichtlich, dass die vorgeschlagenen Änderungen es der Forschergemeinde des NIH ermöglichen, dieses vielversprechende Forschungsgebiet verantwortungsvoll nach vorne zu bringen", erklärte Carrie Wolinetz, NIH-Direktorin für Wissenschaftspoltik, in einem Internet-Blog.

Noch vor einem Jahr hatte die US-Behörde ein Moratorium über solche Forschungsprojekte verhängt, weil sie als zu kontrovers galten. Manche Experten reagieren denn auch alarmiert auf den Sinneswandel:

"Stellen wir uns vor, wir hätten Schweine mit menschlichen Gehirnen, die sich dann fragen, warum wir an ihnen experimentieren", sagt der Wissenschafter Stuart Newman vom New York Medical College.

"Und wenn wir Menschenkörper mit Tierhirnen haben, heißt es 'Naja, sie sind keine echten Menschen, wir können Versuche an ihnen vornehmen und Organe entnehmen'." Er entwerfe hier "extreme Szenarien", räumte Newman ein: "Aber vor nicht einmal 15 oder 20 Jahren war es noch ein extremes Szenario, überhaupt solche chimären Embryonen zu erschaffen."

Newman hatte vor fast zwei Jahrzehnten ein Patent auf eine Mensch-Tier-Kreuzung beantragt, um zu veranschaulichen, welche Gefahren lauern. 2005 lehnte das US-Patentamt seinen Antrag ab, was Newman als Sieg verbuchte. Doch nun fürchtet er, seine Warnungen könnten ungehört verhallen: "Die Leute gewöhnen sich allmählich daran. Wir haben keine Gesetze in diesem Land, die diese Sachen aufhalten würden. Meiner Meinung nach sollten wir diesen Weg gar nicht erst einschlagen."

Andere verweisen auf die Chancen: "Wenn wir Schizophrenie, Alzheimer und Depression weiter erforschen wollen, können wir nicht einfach an den Gehirnzellen von lebenden Menschen mit diesen Krankheiten experimentieren", erklärt Robert Klitzman, der den Masterstudiengang Bioethik an der Columbia University leitet. Der NIH-Vorschlag sei ein "großer Schritt in die richtige Richtung mit gewaltigem Potenzial, Millionen Menschen zu helfen".

Trotzdem fordert Klitzman, auch Ethiker in das Kontrollgremium zu berufen. "Mit menschlichen Gehirnzellen müssen wir vorsichtig sein. Was wir nicht wollen, sind Mäuse oder Schimpansen, die plötzlich menschliche Eigenschaften haben. Das schafft enorme moralische Probleme." Welche Rechte hätte ein solches Wesen? Wie sollte es behandelt werden? Was wäre, wenn es aus dem Labor entkäme und sich mit wilden Tieren paart? "Das ist Stoff für Science Fiction."

Dabei gibt es schon viele Jahre zum Beispiel Mäuse mit menschlichem Immunsystem oder auch solche, denen humane Tumore eingesetzt werden. "Diese Art Forschung wird in den USA seit vielen Jahren betrieben, und weltweit ist es ohnehin gängig", sagte der Medizinethiker Samuel Packer von Northwell Health in New York.

Die Forschungsbehörde NIH betont, ihr Vorschlag halte sich an die Richtlinien der Internationalen Gesellschaft für Stammzellenforschung. "Es ist nicht so, als würden wir plötzlich etwas völlig Verrücktes tun", sagte Medizinethiker Packer.

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