Porträt von

Ursula Stenzel: Von der
Dame zur Hardlinerin

Ursula Stenzel © Bild: APA/MANFRED FESL

Ursula Stenzel ist nicht amtsführende Wiener Stadträtin der FPÖ. "Von dem Job habe ich als Kind nicht geträumt", sagte sie 2016 über ihre Position, von der Politik enttäuscht und desillusioniert. Aktuell regt ihr Auftritt bei einer Kundgebung der rechtsextremen Identitären auf.

  • Name: Ursula Stenzel
  • Geboren: 22. September 1945, Wien
  • Wohnhaft in: Wien
  • Familienstand: verwitwet (war verheiratet mit Heinrich Schweiger, der 2009 verstorben ist)
  • Ausbildung: Matura, nicht abgeschlossenes Studium (Publizistik, Politische Wissenschaften und Zeitgeschichte)

Die Teilnahme von Stenzel an der Identitären-Demo soll nun auch im Nationalrat behandelt werden: So wollen die Neos ihre langjährige Forderung nach Abschaffung der nicht amtsführenden Wiener Stadträte durchsetzen, die den Steuerzahler nur Geld kosten würden. Das dürfte die FPÖ-Politikerin so gar nicht gefallen. Einen Rücktritt hat sie kategorisch ausgeschlossen.

Schon seit Jahren fällt Ursula Stenzel mit ihren Aussagen und Taten aus dem Rahmen: Von der einst konservativen Dame mit oft schrulligen Ansichten und starken Ansagen wandelte sie sich zur rechtsgerichteten FPÖ-Hardlinerin mit teils verbitterten Zügen. So teilte sie im Wahlkampf 2016 gegen Van der Bellen in der Diskussionsrunde auf Puls 4 aus: Es gebe Vermutungen, "dass seine Eltern zumindest geliebäugelt haben mit den Nazis." Ein Schlag unter die Gürtellinie, für den es keine Beweise gibt. Damals hatte Stenzel bereits einige politische Rückschläge einstecken müssen.

Ursula Stenzel
© APA/EXPA/ MICHAEL GRUBER Ursula Stenzel bei einer Kundgebung der rechtsextremen Identitären in Wien, am 7. September 2019

Eine waschechte Wienerin

Die gebürtige Wienerin kommt aus einer Familie mit katholisch-jüdischen Wurzeln. Ihr Urgroßvater war Rabbiner in der Synagoge in der Rotensterngasse. Aufgewachsen ist Stenzel in eben jener Gasse. Ihre Eltern überlebten die Zeit des Nationalsozialismus dank der Hilfe der Pfarre St. Nepomuk. Ihre Matura absolvierte Stenzel im 23. Wiener Bezirk am katholischen Gymnasium St. Ursula. Danach studierte sie Publizistik, Politische Wissenschaften und Zeitgeschichte an der Universität Wien, schloss das Studium jedoch nie ab. Denn da winkte bereits eine Karriere beim ORF.

Knapp 30 Jahre lang arbeitete sie als Redakteurin und Moderatorin beim ORF. Als Korrespondentin und außenpolitische Kommentatorin wurde sie weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Das half Stenzel dann bei ihrem Schritt in die Politik: Für die ÖVP trat sie 1996 bei den Europawahlen an und gewann. Bis 2005 war die streitbare Politikerin EU-Abgeordnete und Delegationsleiterin der ÖVP im Europaparlament. Ihren Schwerpunkten blieb Stenzel treu: Sie war u.a. auch Koordinatorin des EU-Unterausschusses für Sicherheit und Verteidigung, Vorsitzende der Korea-Delegation sowie Präsidentin der Österreichischen Föderation der Europahäuser.

Eine Frau, die polarisiert

2005 wechselte sie die Fronten und zog - parteiintern nicht unumstritten - für die Volkspartei in den Kampf um den Bezirksvorsteher in der Inneren Stadt. Dort konnte sie nicht nur den ersten Platz verteidigen, sondern massiv zulegen: Die Volkspartei kam auf 43,27 Prozent, und damit auf 10,16 Prozentpunkte mehr als 2001. Als City-Chefin war Stenzel nicht weniger polarisierend: So forderte sie etwa ein Aus der Punschhütten, ein nächtliches Fahrverbot in der Inneren Stadt, ein Ästhetik-Manifest für die City, wollte Hausbesitzer bei Hitze zwingen, die Gehsteige besser zu reinigen, um Gestank zu vermeiden oder überlegte die Einführung der City-Maut. 2011 eckte die Bezirksvorsteherin an, weil sie sich gegen eine flächendeckende Ausweitung der Sperrstunde auf 6 Uhr stellte. Daraufhin folgte auf YouTube der Protestsong "Ursula stress ned" - in einer Anlehnung des damaligen Ohrwurms "Barbra Streisand". Die Politikerin nahm das mit Humor: "Als Teenager wurde ich typmäßig oft mit Streisand verglichen und habe im privaten Kreis ihre Lieder gesungen", sagte sie.

Der Protestsong aus dem Jahr 2011:


Auch wenn sie damals schon mit ihren teils eigensinnigen Ideen aneckte, so konnte man noch über die polarisierende Bezirksvorsteherin schmunzeln. Das änderte sich jedoch.

Blauer Wandel

© FOTO: APA/HERBERT PFARRHOFER Die Bussi-Bussi-Zeiten sind vorbei: Strache und Stenzel am 1. September 2015

Sie sagte einmal: Die Volkspartei sei "zu liberal" und verschrecke dadurch Wähler. Als Beispiel nannte sie die Zustimmung der Volkspartei zur eingetragenen Partnerschaft für Homosexuelle. Zur Kandidatur des (damaligen, Anm.) Salzburger Jung-VP-Chefs und Muslim Asdin El Habbassi für den Nationalrat äußerte sie sich ebenfalls skeptisch. Für die Wien-Wahl 2015 wurde sie schließlich von der ÖVP abgesägt, ein herber Schlag für Stenzel. Als schwarzer Spitzenkandidat wurde der junge Markus Figl nominiert, die ÖVP sprach von einem "Generationenwechsel".

Stenzel wechselte quasi mit fliegenden Fahnen zur FPÖ. Bei der Angelobung von Figl zitierte sie zum Abschluss Edith Piaf und Frank Sinatra mit "Je ne regrette rien" und "I did it my way". Dennoch erhoffte sie sich nun in der FPÖ einen Posten zu bekleiden, der ihr entspricht. Als blaue Kandidatin konnte sie den Vorsteher-Posten jedoch nicht verteidigen, die FPÖ landete bei der Bezirksvertretungswahl hinter der ÖVP und der SPÖ auf dem dritten Platz. Als Trost gab es ein Mandat im Stadtparlament. Und auch bei der Präsidentschaftswahl 2016 wollte man Ursula Stenzel nicht als Kandidatin. Sie muss sich letztendlich mit dem Job der nicht amtsführenden Wiener Stadträtin begnügen. Zurück bleibt eine politische enttäuschte und desillusionierte Stenzel.

Bis auf kleinere Eklats wird es relativ ruhig um die FPÖ-Politikerin. 2017 sorgte sie für Schlagzeilen als ein jiddisches Straßenschild in der Taborstraße enthüllt wurde. Sie startete bei der Veranstaltung eine Protestrede und verteidigte die FPÖ.

Die Teilnahme an der Kundgebung der Identitären war nicht der erste Vorfall, den sich Stenzel 2019 leistete. Im April verglich sie den Interviewstil des ORF-Moderators Armin Wolf mit den Richtern des Volksgerichtshofs (ein Sondergericht zur Aburteilung von Hoch- und Landesverrat gegen den NS-Staat). Ex-Bundespräsident Heinz Fischer bezeichnete die Äußerung als inakzeptabel.

Stenzel hat sich nach der Teilnahme an der Identitären-Demo in einer Aussendung für ihren Auftritt in Wien entschuldigt. "Dass auch Vertreter der Identitären Bewegung anwesend gewesen sein sollen, war mir nicht bewusst", sagte Stenzel. "Hätte ich davon Kenntnis erlangt, hätte ich diese Veranstaltung selbstverständlich nicht besucht." Sie entschuldige sich dafür und wolle ihre "klare Ablehnung der Identitären Bewegung zum Ausdruck bringen". Sie sei, wie in den vergangenen Jahren zur Veranstaltung "zum Gedenken an die Befreiung Wiens von den Türken 1683" eingeladen worden. Die Erinnerung an dieses Datum sei für sie "gerade in Zeiten der Ausbreitung des politischen Islam in Europa und der Allmachtsphantasien des türkischen Präsidenten Erdogan von enormer Bedeutung".