LEITARTIKEL von

Unsere Sorgen möchten
andere gerne haben

Schön, dass unser Land keine echten Probleme zu haben scheint

Esther Mitterstieler © Bild: News/Ian Ehm

Es gibt eine österreichische Versicherung, die möchte gerne unsere Sorgen haben. Teilt sie uns per Werbung mit. Betrachtet man einige Vorkommnisse der jüngsten Tage, hätte diese Versicherung mangels Arbeitsauftrags wohl wenig Freude. Denn solche Sorgen, wie sie die Grünen in jüngster Zeit beklagen oder ein ehrenwerter Bürger, der sich benachteiligt fühlt, weil für ihn als Konfessionslosen Karfreitag kein Feiertag ist, solche Sorgen lassen eine Gewissheit aufkommen: Es geht uns allen gut.

Vielleicht zu gut. Rekapitulieren wir: Zuerst hat sich die Junge Grüne Flora Petrik nach Ansicht ihrer Mutterpartei zu aufmüpfig verhalten und sogar den Rücktritt von Grünen-Chefin Eva Glawischnig gefordert. Dann hat sich eben diese in der öffentlich-rechtlichen Sendung „Im Zentrum“ (ORF.2) einer einstündigen Diskussion über ureigene Probleme ihrer Partei gestellt. Formidable Ideen schauen anders aus. Wen kümmert das Thema außer ein paar Eingeweihten? Wer hat gewonnen? Echte Sieger sehen anders aus. Daran ändert für Glawischnig auch Petriks Rückzug einen Tag später nichts. Das nächste kleinere Problem der Republik ist die Klage eines konfessionslosen Bürgers vor dem Obersten Gerichtshof (OGH) wegen Diskriminierung. Karfreitag ist nur für Anhänger der evangelischen, altkatholischen und methodistischen Kirche Feiertag, also dürfen sich alle anderen getrost diskriminiert fühlen, so die Argumentation des Wieners. Der OGH hat die heiße Kartoffel an den Europäischen Gerichtshof weitergereicht, der klären soll, ob die gesetzliche Lage in Österreich der EU-Grundrechtecharta entspricht. Andere Sorgen haben wir halt nicht.

Worum geht es hier eigentlich? Arbeitet ein evangelischer Angestellter am Karfreitag, hat er laut Gesetz das Recht, dafür zusätzlich bezahlt zu werden. Schließlich gilt für ihn der Freitag vor Ostern als Feiertag. Wo kämen wir da hin, wenn wir das hinnähmen? Die Wirtschaftskammer weiß es: Ein Feiertag kostet die Wirtschaft 600 Millionen Euro mehr. Aber was kümmert’s den Eiferer, der seinem Nachbarn keinen freien Tag oder Zusatzgeld am Feiertag vergönnt? Eigentlich kennt er ja keinen Gott, oder? Oder doch den einen, der da schnöder Mammon heißt? Nun ist es auch nicht besonders originell, da Österreich sowieso schon Feiertagsmeister in Europa ist und mit 13 Tagen weit vor Deutschland (zehn) und der Schweiz (sieben) liegt.
Apropos Schweiz: Die Eidgenossen haben 2012 gegen eine Verlängerung des Jahresurlaubs auf sechs Wochen gestimmt. Der Grund: Sie fürchteten zu Recht, dass das die Wirtschaft Milliarden kosten und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz schmälern würde.– auf Kosten von Arbeitsplätzen. Das versuche man in Österreich zu erklären.
Wir jammern lieber, anstatt uns zu freuen, dass wir Arbeit haben. Die Freude am Job kommt oft erst dann, wenn es zu spät ist und man selbigen verliert. Betrachtet man die oben genannten Fälle mit Ernsthaftigkeit, können wir getrost einmal wagen, uns darüber zu freuen, wie gut es uns grundsätzlich geht. Leider scheinen Freude oder Zufriedenheit darüber, in einem solch wunderbaren Land zu leben, in unserer DNA nicht vorgesehen. Oder flüchten wir uns nur lieber in Pseudoprobleme, weil wir keine gröberen Sorgen haben? Das wäre eigentlich auch eine schöne Erkenntnis zum Osterfest.