UNIT 504

Der Geheimdienst innerhalb Israels Armee

von Peter Sichrovsky © Bild: News/Ricardo Herrgott

Im Herbst 2000 besuchte ich mit Ex-Minister Herbert Scheibner Tel Aviv -trotz des Boykotts der österreichischen Regierung durch Israel. Weder Medien noch Opposition erfuhren davon. Unser Gesprächspartner, Efraim Sneh, stellvertretender Verteidigungsminister, bat Scheibner über dessen Kontakte zu Syrien um Information zu drei von Hezbollah entführten israelischen Soldaten. Nach Gesprächen mit Scheibner in Damaskus stimmte er meinem Vorschlag zu, diese Vermittlung weiterzuführen.

In Tel Aviv saß ich drei Männern gegenüber, die mich für dieses Projekt vorbereiteten. Sie baten mich, zu beobachten, ohne zu bewerten, Meinungen und Vermutungen seien uninteressant. "Zurück im Hotel schreib alles auf", sagte einer, der sich nur mit David vorgestellt hatte, "wer dich abholt, dessen Kleidung, zivil oder Uniform, wo fand das Treffen statt, das Gebäude, der Raum, wer war anwesend, wer hat gesprochen, versuche, Wort für Wort festzuhalten." Nach jedem Treffen in Damaskus flog ich über Zypern nach Tel Aviv. Während meiner Berichte unterbrach man mich, wenn ich von Tatsachen abwich. Meine Eindrücke, meine Einschätzungen interessierte sie nicht. Soweit meine persönlichen Erfahrungen mit Vertretern der israelischen Sicherheitsorgane.

Brasilien

Mossad, Aman und Shin Bet sind die bekannten Geheimdienste Israels. Ein Mythos begleitet sie seit Jahrzehnten mit ihren grenzübergreifenden Aktivitäten, oft weit entfernt von Israel. In den letzten Wochen wurde ein Anschlag in Brasilien auf jüdische Einrichtungen verhindert, ebenso ein Attentat auf das jüdische Zentrum in Athen. Die Ermordung von Mitgliedern terroristischer Gruppierungen in verschiedensten Ländern und Anschläge auf Einrichtungen des iranischen Atomprogramms werde ihnen zugeordnet.

Als selbstständige Organisationen mit einer diversifizierten Infrastruktur agieren sie parallel zueinander, wenn notwendig, kooperieren sie und sind durch einen Dachverband miteinander verbunden, VARASH, der sich aus den Leitern der drei Geheimdienste zusammensetzt.

Mossad ist offiziell der Auslandsdienst mit einem engmaschigen, internationalen Netzwerk von freiwilligen Helfern (den Sayanim), die organisatorische Unterstützung anbieten und Informationen liefern.

Vor Kurzem bekam Mossad den Auftrag, Mitglieder der Hamas weltweit zu finden und zu töten. Die Geschichte dieser Truppe bedeutet, dass dieser Auftrag ausgeführt wird, auch wenn es Jahre dauern würde.

Inland

Shin Bet arbeitet als Inlandsgeheimdienst. Zu seiner Verantwortung gehören Terrorismusbekämpfung, Spionageabwehr, Schutz wichtiger Persönlichkeiten, die Sicherheit der israelischen Botschaften im Ausland und der Schutz der Fluglinie El Al.

Aman ist der Geheimdienst der Armee. Zu seinen Aufgaben zählt die Überwachung militärischer Strukturen im Ausland, vor allem in den arabischen Nachbarländern. Militärische Spionage und Sabotage, Einschätzung von ausländischer Gefahr und Bedrohung.

Innerhalb der militärischen Organisation Aman arbeitet Sajeret Matkal (Späher des Generalstabs) als Spezialtruppe der Armee, mit unterschiedlichen Namen, als Unit 269 oder Unit 504, oft auch nur als "haJechida" - "The Unit" - bezeichnet. Sie untersteht formal der Armeeführung, kann jedoch von jedem Geheimdienst angefordert werden, arbeitet völlig unabhängig als "Armee innerhalb der Armee", verfügt über eigene Waffen-,Nachrichtenund Transportsysteme und eine medizinische Einheit, um Verletzten selbst zu versorgen.

Kandidaten

Potenzielle Mitglieder wurden früher von den Kommandos der Armeeeinheiten vorgeschlagen. Jetzt besteht die Möglichkeit, sich zu bewerben. Zweimal im Jahr werden Kandidaten und Kandidatinnen in einem einwöchigen Stresstest unter extremen Bedingungen überprüft, ob sie für die Ausbildung infrage kommen. Seit September 2023 werden auch Frauen aufgenommen. The Unit ist der kreative Kopf der Armee in Bezug auf moderne technische Entwicklungen, Kampfmethoden und Informationsbeschaffung. Die Mitglieder sprechen mehrere Sprachen und arbeiten oft als verdeckte Agenten im Feindesgebiet.

IDF (Israel Defence Force, Israels Armee) veröffentlichte vor wenigen Tagen zum ersten Mal Informationen über Aktivitäten der Unit 504 in Gaza, dieser wenig bekannten Truppe mit Arabisch sprechenden Soldaten. Unit 504 war die erste Einheit, die den Ort des Überfalls am 7. Oktober erreichte, nahm Hunderte fliehende Hamas-Kämpfer gefangen und verhörte sie in einem eiligst errichteten Zentrum im Süden von Gaza. Mit den Informationen der Terroristen konnten Teile des Tunnelsystems entdeckt werden, versteckte Waffenlager in Krankenhäusern und Schulen, Abschussrampen für Raketen in Wohnhäusern, Kindergärten und Moscheen, Wohnungen und Häuser der Hamas-Kommandanten.

Warnung

Unit 504 übernahm die Vorwarnung der Zivilisten durch Hacken des lokale Telefonsystems, bereitete die Flucht der Bevölkerung in den Süden von Gaza vor. Gleichzeit bietet sie ein anonymes Berichtsystem, das Bewohner von Gaza die Möglichkeit bietet, Informationen per Telefon über die Hamas an Israel weiterzugeben.

"Wir bekamen Tausende Anrufe und Textmessages von verzweifelten Bewohnern, die froh wären, wenn der Terror der Hamas in Gaza beendet werden könnte, sie gaben uns wertvolle Informationen über militärische Verstecke der Hamas und Terroristen, die am Überfall auf Israel beteiligt waren", erklärte ein Offi zier der Unit 504. Unit 504 wird in Israel als die Eliteeinheit besonders respektiert und geachtet. Zahlreiche Politiker wie Premierminister Netanyahu, die Ex-Premiers Barak und Bennett und die ehemaligen Verteidigungsminister Mofaz und Jaalon kommen aus dieser Einheit. Es zeigt die enge Verflechtung in Israel zwischen Armee, Geheimdienst und Politik.

Der Bruder des Premierministers, Yonatan Netanyahu, einer der meist verehrten Kriegshelden in Israel, starb bei der Befreiung jüdischer Geiseln 1976 in Entebbe, Uganda. Er leitete diese Aktion der Unit 504, bei der 102 Frauen und Männer gerettet wurden. Unit 504 ist im aktuellen Gaza-Konflikt sicherlich der gefährlichste Gegner der Hamas. Auf der Grundlage ihrer Informationen über Struktur, Lokalität und Organisation der Hamas bereitet die Armee ihre Einsätze vor.

Syrien

Zurück zu meiner Aktion in Syrien. Sie lief weniger erfolgreich. Nach zahlreichen Treffen in Damaskus -meist mit Verteidigungsminister Mustafa Tlas, der mir stolz die in einer kleinen Holzkiste aufbewahrte Pistole Adolf Hitlers zeigte -informierten mich Vertreter Israels in Jerusalem, dass sie mir keine Ratschläge für weitere Treffen in Syrien geben könnten. Sie müssten davon ausgehen, dass die drei Soldaten nicht mehr am Leben seien. Die Versicherungen der Gegenseite, den Gefangenen gehe es gut, seien einfach Lügen.

"Wie kommen sie zu diesem Ergebnis?", fragte ich. Und zum ersten Mal gab man mir eine konkrete Antwort: "Wir analysieren deine Berichte, die Semantik, die symbolhafte Wiederholung bestimmter Wörter und die Veränderungen von einer Besprechung zur anderen. Zusammen mit anderen Informationen ziehen wir unsere Schlüsse und irren uns selten."

Im Jänner 2004 gab Hezbollah die drei toten Soldaten im Rahmen eines Gefangenenaustauschs an Israel zurück. 2005 zeigte mich die FPÖ wegen Zusammenarbeit mit einem ausländischen Geheimdienstes an. Nach ausführlicher Befragung wurde das Verfahren eingestellt. Eine deutschen Tageszeitung erwähnte meine Aktivität. In Österreich wollte ich durch widersprüchliche Interviews der Diskussion ausweichen. In irgendeinem jüdischen Magazin versuchten ein paar Witzbolde, sich über darüber lustig zu machen. Ich reagierte nicht darauf.

Ich hatte noch Jahre später die Bilder der ängstlichen Eltern in meinem Kopf, die mir Listen mit Fragen mitgaben, die nur ihre Söhne beantworten konnten, um zu erfahren, ob sie noch am Leben wären. In den letzten Tagen erinnerten mich Fotos verzweifelter Angehöriger der Geiseln in Gaza an die Eltern der entführten Soldaten, die bis zuletzt hofften, ihre Söhne wiederzusehen.