Ungleiche Bildungschancen in Österreich: Wiener Bezirke bei AHS-Besuch an Spitze

In Bezirk Hermagor nur 1 % von Volksschule in AHS Prozentsatz in Hietzing, Innenstadt, Josefstadt bei 70

Die Bildungschancen in Österreich sind regional ungleich verteilt. Das zeigen Daten aus der letzten Volkszählung. Demnach schwanken die Übertrittsquoten von der Volksschule in die AHS-Unterstufe je nach politischem Bezirk zwischen unter einem Prozent (Hermagor) bis über 70 Prozent (in den Wiener Bezirken Hietzing, Innere Stadt und Josefstadt). Außerdem zeigt sich, dass in jenen Bezirken, in denen verhältnismäßig viele Kinder in die Hauptschule gehen, später auch eine geringere Anzahl an Jugendlichen eine maturaführende Schule besucht.

Anders als in anderen Untersuchungen über die AHS-Übertrittsraten wurden dabei nicht nur die Quoten für die jeweiligen Schulstandorte erhoben, sondern auch jene für die Wohnorte der Kinder. Dabei zeigen sich durchaus überraschende Ergebnisse: So ist etwa nicht Wien (49 Prozent) die Stadt, in der die dort gemeldeten Kinder am häufigsten in die AHS-Unterstufe gehen, sondern Graz und Mödling (jeweils 54 Prozent). Grund sind die zahlreichen Einpendler aus dem niederösterreichischen "Speckgürtel" in die Bundeshauptstadt.

Neben Hermagor (Kärnten) gehen auch in Bezirken wie Deutschlandsberg, Feldbach, Murau und Radkersburg (alle Steiermark) mehr als 90 Prozent aller Kinder in eine Hauptschule. AHS-Übertrittsquoten von nur knapp über zehn Prozent haben außerdem Hartberg (Steiermark), Perg (OÖ), Zwettl (NÖ), Landeck und Schwaz (beide Tirol). Grund ist die mangelnde Verfügbarkeit von AHS in der Nähe des Wohnortes.

"Der räumliche Wohnstandort ist neben Einkommen und sozialer Herkunft der Eltern bzw. persönlicher Begabung einer der drei wesentlichen Faktoren für die Bildungschancen", meinte Univ. Prof. Heinz Fassmann vom Institut für Geographie und Regionalforschung an der Uni Wien gegenüber der APA. Ob das politisch wünschenswert sei, komme auf das jeweils vertretene gesellschaftspolitische Modell an: "Wenn man aber Egalität verfolgt, ist das ein Widerspruch", so Fassmann.

Generell lasse sich sagen, dass "in den peripheren Gebieten Bildungsreserven liegen, die gehoben werden könnten". Die Unterschiede zwischen Hauptschule und AHS-Unterstufe würden in der weiteren Bildungskarriere im Prinzip perpetuiert, bestätigte Fassmann. Wer nicht in der AHS-Unterstufe gewesen sei, gehe nach der Hauptschule auch nicht in die AHS-Oberstufe. Eine "gewisse Entlastung" brächten allerdings die Oberstufenrealgymnasien und die berufsbildenden mittleren und höheren Schulen. Problem: Auch diese sind meist an zentralen Orten angesiedelt, weil sie ein gewisses Einzugsgebiet benötigen. Dies bedeute aber umgekehrt auch, dass Schüler aus peripheren Gebieten einen langen Schulweg hätten: "Wer lange pendeln muss, überlegt sich, ober sich das antun will."

Als politische Handlungslinie bietet sich laut Fassmann an, dass das Netz der Standorte angesichts sinkender Schülerzahlen nicht ausgedünnt werden dürfe. Zwar bestehe im AHS-Bereich dafür noch keine Gefahr, aber: "Wehret den Anfängen."

Das Abgehen von der Trennung in Hauptschulen und AHS-Unterstufe, also eine Gesamtschule, sei dafür nicht nötig: "Das ist aus bildungspolitischer Sicht ein ganz anderes Kapitel, nämlich wollen wir eine frühe Trennung der Schullaufbahnen", so Fassmann. Gemildert werde die Polarität AHS-Unterstufe-Hauptschule durch die Tatsache, dass es in ländlichen Gebieten ohnehin nur eine Schulform (Hauptschule) gebe.
(apa)