Heumarkt von

"Eine riesige
Blamage für Österreich"

Was es bedeutet, wenn Wien seinen Titel als "UNESCO Weltkulturerbe" verliert

Heumarkt - "Eine riesige
Blamage für Österreich" © Bild: APA/ISAY WEINFELD&SEBASTIAN MURR

Nun ist es fix: Das umstrittene Hochhaus am Wiener Heumarkt wird gebaut. Wien kommt damit auf die rote Liste der gefährdeten Welterbestätten. Und wird zukünftig höchstwahrscheinlich auch seinen Status als UNESCO Weltkulturerbe verlieren. Welche Folgen dieser Verlust mit sich bringt, wissen jedoch die wenigsten.

Es ist eines der umstrittensten Bauprojekte der letzten Jahre: Die Neugestaltung des Heumarkt-Areals direkt in der Wiener Innenstadt. Das historische Zentrum zählt seit 2001 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Durch den mit heute beschlossenen Wohnturm wird dieser Titel jedoch schon bald der Vergangenheit angehören. Bevor dieser aber endgültig aberkannt wird, erfolgt eine Eintragung in die „Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten“. Hier werden diejenigen Natur- und Kulturdenkmäler erfasst, deren Bestand und Geltung durch ernste Gefahren, wie Beschädigung, Zerstörung oder Verschwinden bedroht sind. Die Gründe dafür können vielfältig sein und reichen von Urbanisierung, Naturkatastrophen über kriegerische Auseinandersetzungen bis hin zu Vandalismus oder Vernachlässigung. Allein die Ankündigung durch die UNESCO bald auf dieser Liste sein zu können, setzt in manchen Ländern sofort erhebliche Erhaltungsanstrengungen in Gang. Denn erst, wenn der Grund der Gefährdung zum Eintrag beseitigt ist, kann eine Stätte von der roten Liste gestrichen werden. Ist das nicht der Fall, kommt es in weiterer Folge zur Aberkennung des Titels.

»Der Verlust wurde bewusst in Kauf genommen. Nachsicht seitens UNESCO ist deshalb keine zu erwarten. «

In Österreich hingegen wird man die Pläne nicht noch einmal überdenken. Denn hier wurde heute die entsprechende Flächenwidmung für das Heumarkt-Projekt beschlossen. Das stößt nicht nur bei vielen Bürgern, sondern auch bei Eva Trötzmüller, Pressesprecherin der österreichischen UNESCO-Kommission, auf Unverständnis: "Österreich hat 2001 freiwillig diese Schutzzone ausgesucht und sich damit verpflichtet, auf diese zu achten. Es ist ein Völkerrechtsvertrag, den die Republik damals abgeschlossen und mit heute gebrochen hat. Der Verlust wurde bewusst in Kauf genommen. Nachsicht seitens UNESCO ist deshalb keine zu erwarten."

UNESCO Welterbeliste kein Tourismus-Guide

Obwohl es keine direkten finanziellen Folgen geben wird, denken viele bei den Konsequenzen wohl zuerst einmal an den Tourismus. Doch davon möchte man bei UNESCO nichts hören. "Die Welterbeliste ist keine Tourismusranking-Liste, kein Tourismus-Guide. Es ist ein Instrument, das dazu dient, außergewöhnliche kulturelle Errungenschaften zu schützen. Das Stadtzentrum Wiens wurde wegen der Geschlossenheit der historischen Bebauung in die Liste aufgenommen. Wohlgemerkt: Ein Kriterium, das sich die Stadt damals selbst ausgesucht hat! Alle haben sich dazu verpflichtet, diesen einzigartigen Zustand des zweiten Jahrtausends zu erhalten. Und jetzt passiert genau das Gegenteil", erklärt Gabriele Eschig, Generalsekretärin der Kommission. Dabei wäre man seitens UNESCO offen für Kompromisse gewesen. Lediglich der Turm hätte eine bestimmte Höhe nicht überschreiten dürfen.

© Dossier

Kulturnation Österreich?

Besorgniserregend ist vor allem eines: Es gibt zwar eine Willenserklärung der Politiker, dass es bei einem Hochhaus bleiben wird, laut Eschig entbehrt diese aber jeglicher rechtliche Grundlage. "Wenn die internationale öffentliche Aufmerksamkeit erst einmal weg ist, ist es natürlich einfacher, schnell etwas zu bauen." Trotzmüller sieht das ähnlich: "Jetzt lässt sich nicht mehr sagen, wie Wien in 50 Jahren aussehen wird." Auf die Frage hin, ob es zukünftig theoretisch auch zwanzig Hochhäuser in der Wiener Innenstadt geben könnte meint sie: "Ausgeschlossen ist jetzt nichts mehr."

»Dass gerade Österreich, ein Staat, der sich so gerne als Kulturnation präsentiert, nicht in der Lage ist, sein Welterbe zu erhalten ist eine Blamage«

Ausgeschlossen wird nur Wien sein. In ungefähr einem Jahr wird die Stadt voraussichtlich von der roten Liste auf die Liste der Aberkennungen abgerutscht sein. Diese ist mit zwei Verlusten seit 1971 erstaunlich kurz. Ein Zurück gibt es dann nicht mehr. Denn einmal verloren, lässt sich der Titel nicht wiedererlangen. Auf der Liste steht das Welterbe dann zwar immer noch, jedoch durchgestrichen und mit dem Status „aberkannt“ vermerkt. Eschig scheint sichtlich betroffen: "Dass gerade Österreich, ein Staat, der sich so gerne als Kulturnation präsentiert, nicht in der Lage ist, sein Welterbe zu erhalten ist eine Blamage."