Umstrittene Kunstaktion: Synagoge bei Köln wurde zu "Gaskammer" umgewandelt

Entrüstung nimmt kein Ende: Abbruch gefordert Stadt Köln steht weiterhin voll und ganz hinter Aktion

Umstrittene Kunstaktion: Synagoge bei Köln wurde zu "Gaskammer" umgewandelt

Als eine "Niedertracht sondergleichen" hat der Kölner Autor Ralph Giordano die Kunstaktion in der ehemaligen Synagoge von Pulheim-Stommeln kritisiert, bei der der spanische Künstler Santiago Sierra (39) Autoabgase in das Gebäude geleitet hat. "Hätte Sierra auch nur die kleinste innere Beziehung zu der Welt der Opfer, hätte er sich sein Pulheimer Machwerk verkniffen", sagte der Holocaust-Überlebende und forderte das Ende der Aktion. Sie soll jeweils sonntags bis 30. April stattfinden, Ostersonntag (16. April) ausgenommen.

Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland erneuerte seine heftige Kritik: "Das fiktive und geschmacklose Kunstspektakel verletzt nicht nur die Würde der Opfer des Holocausts sondern der jüdischen Gemeinschaft", sagte Generalsekretär Stephan J. Kramer. Wer mit einer solchen Aktion, noch dazu in einer Synagoge, eine "Gaskammer" simuliere, "missbraucht schamlos die Kunstfreiheit".

Der international in der Kunstszene als Provokateur bekannte Spanier hatte mit der Aktion auf die "Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust" hinweisen wollen. Am Eröffnungssonntag hatten bereits dutzende Besucher den mit tödlichem Kohlenmonoxid gefüllten ehemaligen Synagogenraum mit einer Gasmaske und in Begleitung eines Feuerwehrmannes betreten.

Bei aller Würdigung der Kunstfreiheit sei die Synagogen-Aktion geschmacklos, sagte der Geschäftsführer der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas (Holocaust-Mahnmal) in Berlin, Uwe Neumärker. Eine vom Künstler kritisierte Banalisierung des Holocaust- Gedenkens in Deutschland könne er nicht feststellen, der Staat gehe mit großem Ernst auf diese Fragen ein, meinte Neumärker.

Der Bürgermeister der Stadt Pulheim, Karl August Morisse, sagte der dpa, er bemühe sich um ein Gespräch mit dem Zentralrat: "Ich habe diese Kritik nicht erwartet." Eher wäre man auf Proteste aus "Täterkreisen" eingestellt gewesen. Er und die übrigen Kulturverantwortlichen der Stadt begriffen nicht, dass dies eine Beleidigung der Opfer sein solle. Die Grauen erregenden Tatsachen des Holocaust würden in dem Projekt "offen benannt", meinte Morisse. Die Stadt Pulheim stehe weiterhin "vollkommen" hinter der Aktion, an eine Schließung werde nicht gedacht.

Vielfach habe das Werk bei den Besuchern der früheren Synagoge tiefe Betroffenheit bis hin zu Tränen ausgelöst, sagte eine städtische Kultur-Mitarbeiterin: "Die Kammer provoziert die Reaktion, die jeder in sich hat!"

Die Reaktionen auf Sierras Aktion zeige, dass er mehr Missverständnisse als Verständnis für die Opfer des Holocaust erweckt, kommentierte die nordrhein-westfälische Landesregierung. "Die Kunst ist frei. Aber Sierra muss sich fragen lassen, ob er statt gegen die 'Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust' zu arbeiten, nicht Opfer des Holocaust verletzt und den Holocaust banalisiert", meinte Regierungssprecher Thomas Kemper. Der Holocaust dürfe auch nicht relativiert werden, indem man diese Verbrechen mit Kolonialismus und Ausbeutung auf die gleiche Stufe stelle. Dies hatte Sierra in einem Begleittext zum Projekt getan.

Die Kunstaktion von Pulheim ist für die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München, Charlotte Knobloch, eine weitere "niveaulose Provokation" der Opfer. Das Geschehen reihe sich ein in eine Kette antidemokratischer und antisemitischer Vorfälle: "Hier muss Politik endlich reagieren!"

"Den Ermordeten und den Überlebenden des Holocaust bleibt in Deutschland nichts, aber auch nichts erspart", kritisierte Giordano. Die Aktion von Santiago Sierra habe nicht das Geringste mit Kunst zu tun, sagte der Publizist und Autor ("Die Bertinis"). Der Bürgermeister müsse "dem Spuk ein rasches Ende" bereiten.

Die "Sierra-Verfehlung" und die Reaktion der kommunalen Verantwortlichen von Pulheim machten deutlich, dass eine intensive Diskussion über neue und angemessene Formen der Erinnerungskultur "längst überfällig ist", betonte der Zentralrats-Generalsekretär. Diese Forderung habe der Zentralrat schon bei der Auseinandersetzung um das Holocaust-Mahnmal in Berlin ins Gespräch gebracht. Es gehe dabei um seriöse und angemessene Wege, ohne Schuldzuweisungen bei jungen Menschen ein Verantwortungsgefühl für die Gegenwart und Zukunft zu erreichen, betonte Kramer: "Das Werk Sierras degradiert Geschichte zu einem fiktiven Spektakel und ist dabei nur schädlich." (apa/red)