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Ukraine: Blutiger
Kampf um Debalzewe

Stadt weitgehend von Separatisten eingenommen. Ukrainische Truppen eingekesselt.

Ein ukrainischer Panzer rollt durch ukrainisches Krisengebiet. © Bild: REUTERS/Gleb Garanich

Nach monatelangen Gefechten haben die Separatisten die ostukrainische Stadt Debalzewe weitgehend eingenommen. Damit schwindet wenige Tage nach dem Minsker Gipfel so gut wie jede Hoffnung auf baldigen Frieden in der Kriegsregion. "Der Vormarsch verläuft sehr aktiv", so ein Sprecher der Aufständischen am Dienstag. Nun hat die ukrainische Armee erstmals eingeräumt, dass die prorussischen Separatisten "mehrere" Militäreinheiten in der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe im Osten des Landes eingekesselt haben. Es gebe weiter "heftige Kämpfe".

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"Mehrere unserer Einheiten sind eingekreist", sagte Militärsprecher Anatoli Stelmach am Dienstag. Zuvor hatten die Rebellen erklärt, sie hätten Debalzewe zu 80 Prozent unter ihre Kontrolle gebracht. Trotz der seit Sonntag geltenden Waffenruhe drangen sie am Dienstag erstmals in Debalzewe ein und lieferten sich heftige Straßenkämpfe mit den dort festsitzenden Regierungssoldaten.

Großteil von Debalzewe erobert

"Ein großer Teil der Stadt befindet sich unter unserer Kontrolle", sagte der Separatisten-Sprecher. Es gebe "viele Opfer" bei den Regierungseinheiten, dutzende andere Soldaten würden kapitulieren. Separatistensprecher Eduard Bassurin teilte mit, dass etwa 80 Prozent des Ortes bereits erobert seien. "Nur ein paar Wohnviertel sind noch übrig, dann haben wir den Ort völlig unter Kontrolle", sagte Bassurin am Dienstag in Donezk. Er sprach von "zahlreichen Gefangenen und vielen Toten".

Die ukrainische Regierung hat die weitgehende Einnahme von Debalzewe durch die prorussischen Separatisten bestätigt. "Die Terroristen haben Teile der Stadt unter ihrer Kontrolle", teilte das Verteidigungsministerium in Kiew am Dienstag online mit. Die Aufständischen setzten demnach bei den noch immer andauernden Kämpfen Artillerie und Panzertechnik ein. Regierungstreue Einheiten versuchten, den Gegner aufzuhalten.

Bis zu 8.000 ukrainische Soldaten sollen bei Debalzewe eingekesselt sein.

Droht ein Massaker?

"Bild"-Reporter Paul Ronzheimer berichtet derzeit aus Soledar, etwa 40 Kilometer von Debalzewe entfernt. Ein Kämpfer soll laut "Bild" zu ihm gesagt haben: "Es droht ein zweites Illovaisk, ein Massaker gegen die ukrainische Armee. Die Separatisten sind mit schweren russischen Waffen klar überlegen."

Von Seiten der OSZE-Beobachter, die sich ebenfalls in Soledar befinden und dort beraten, gibt es bisher noch keine offizielle Stellungnahme zur Lage, wie Ronzheimer via Twitter mitteilt.

Wie russische Medien berichten, soll der Separatisten-Führer Alexander Sachartschenko bei dem Kampf um Debalzewe verwundet worden sein.

Warum wird um die Kleinstadt Debalzewe gekämpft? Debalzewe liegt an der Fernverkehrsstraße zwischen den Hochburgen der Separatisten, Donezk und Luhansk. Von Russland kommende Eisenbahnlinien nach Donezk verlaufen ebenfalls durch die Stadt. Die Aufständischen brauchen Debalzewe für eine einfachere Verkehrsanbindung an Russland. Zudem würde die strategisch günstige Lage des Ortes neue Routen zu den Städten Artjomowsk und Slawjansk eröffnen, die von Regierungstruppen kontrolliert werden.

Gefechte trotz Friedensabkommen

Die Gefechte gelten als massiver Verstoß gegen ein erst vor wenigen Tagen in Minsk geschlossenes Friedensabkommen. Demnach sollten die Konfliktparteien ab dem heutigen Dienstag eigentlich ihre schweren Waffen aus dem Donbass abziehen. "Es gibt vonseiten der Aufständischen keine wirkliche Waffenruhe, deshalb sind die Voraussetzungen (für einen Abzug) nicht gegeben", sagte Militärsprecher Andrej Lyssenko in Kiew. Die Armee sei weiter bereit zur Bildung einer Pufferzone. "Unsere Stellungen werden aber wiederholt unter Feuer genommen", beklagte er.

Ostukraine: Raketenbeschuss an der Front.
© REUTERS/Gleb Garanich Nahe Debalzewe gerät ein Auto, in dem Journalisten sitzen, unter Beschuss.

"Wir mussten das Feuer erwidern"

In Donezk warf Separatistensprecher Eduard Bassurin den Regierungseinheiten vor, besonders bei Debalzewe die Waffenruhe nicht zu befolgen. "Wir mussten das Feuer erwidern", meinte Bassurin. Der Luhansker Separatistenführer Igor Plotnizki sagte der Agentur Tass zufolge hingegen, seine Truppen hätten mit dem Abzug schwerer Waffen begonnen. "Ich war in der Nacht an der Front, unsere Artillerie und Panzer rückten ab", sagte er. Unabhängige Berichte gab es nicht.

Im Ringen um eine politische Lösung des Konflikts vereinbarte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bei einem Telefonat mit den Präsidenten Russlands und der Ukraine, Wladimir Putin und Petro Poroschenko, "konkrete Schritte", um eine Beobachtung der Lage in Debalzewe durch die OSZE zu ermöglichen. Das teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) soll die Einhaltung der Waffenruhe überwachen. Einzelheiten waren auch auf Nachfrage zunächst nicht zu erfahren.

Massive Behinderung der OSZE

Militärsprecher Andrej Lyssenko beklagte am Dienstag eine massive Behinderung der OSZE im Krisengebiet. Beobachter der Organisation seien erneut nicht in die Kampfzone gelassen worden. Vize-OSZE-Missionschef Alexander Hug erklärte, die Beobachter seien nicht nach Debalzewe gelangt, weil keine Sicherheitsgarantien gegeben worden seien. "Alle Seiten versuchen offenbar, bei Kämpfen neue Tatsachen zu schaffen, aber das widerspricht dem Geist des Minsker Abkommens", sagte der Schweizer.

Wirtschaft geht bergab

Mit der ukrainischen Wirtschaft geht es wegen des Konflikts immer weiter bergab. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) brach von Oktober bis Dezember 2014 um 15,2 Prozent zum Vorjahreszeitraum ein, wie das Statistikamt in Kiew am Dienstag mitteilte. Verglichen mit dem vorangegangenen Quartal ging es um 3,8 Prozent nach unten. Die Regierung befürchtet, dass sich die Abwärtsspirale in diesem Jahr fortsetzt. Sie rechnet mit einem Minus von 4,3 Prozent.

Kommentare

Wie man sieht hat fruchtet das Zusammentreffen der Politgrößen und die Vereinbarung der Waffenruhe in allen Punkten ...

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