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Ukraine: Kramatorsk zurückerobert

Offensive in Ostukraine wird fortgesetzt - Slawjansk als nächste Stadt im Visier

Ukrainische Soldaten haben die Stadt Kramatorsk zurückerobert. © Bild: imago/ITAR-TASS

Die Ukraine ist nach längerer Zurückhaltung am Samstag den zweiten Tag in Folge massiv gegen Separatisten im Osten vorgegangen. Die Regierung in Kiew meldete die Rückeroberung der Stadt Kramatorsk und rückte auch in die Separatistenhochburg Slawjansk vor. Dort ließen pro-russische Kräfte die vor einer Woche festgenommene OSZE-Beobachtergruppe frei, die am Abend in Berlin eintraf.

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"Was wir in der Region Donezk und in den östlichen Regionen sehen, ist kein kurzlebiger Aufstand. Es handelt sich um einen Krieg", sagte der Leiter des ukrainischen Anti-Terror-Zentrums, Wasil Krutow. Besonders schwere Kämpfe tobten am Samstag in der Stadt Kramatorsk, etwa 20 Kilometer südlich von Slawjansk. Ein Fernsehturm sowie mehrere Straßensperren seien wieder in der Hand der Regierungstruppen, berichtete der ukrainische Innenminister Arsen Awakow. Bei der Offensive seien mindestens sechs Separatisten getötet und 15 verletzt worden, hieß es in Kiew.

Separatisten räumen Kramatorsk

Bis auf eines räumten die Separatisten alle besetzten Verwaltungsgebäude in Kramatorsk. Sie teilten mit, sich nun auf die Verteidigung ihrer Hochburg Slawjansk konzentrieren zu wollen. Dort wurden russischen Medienberichten zufolge bei neuen Gefechten elf Zivilisten und vier Bewaffnete getötet. Militante Ultranationalisten hätten im Schutz der ukrainischen Regierungstruppen auf unbewaffnete Bürger geschossen, erklärten Separatisten. Die Regierung hatte den Tod von zwei Soldaten bekanntgegeben.

Mit Kampfhubschraubern und Panzerfahrzeugen gingen Regierungstruppen am Sonntag erneut gegen prorussische Separatisten vor. Der "Anti-Terror-Einsatz" werde fortgesetzt, kündigte Innenminister Arsen Awakow in Kiew an. Moskau befürchtet eine Großoffensive der ukrainischen Sicherheitskräfte. "Wir werden weiter gegen Extremisten und Terroristen vorgehen, die Gesetze ignorieren und das Leben der Bürger gefährden", sagte Awakow. Gemeint sind die prorussischen Aktivisten, die mehr Autonomie für die Regionen im Osten der früheren Sowjetrepublik fordern. Seit Wochen halten die zum Großteil bewaffneten Kräfte in der Region Dutzende Verwaltungsgebäude besetzt, sie haben zudem eine "Volksrepublik Donezk" ausgerufen.

Odessa: Angriff auf Polizeizentrale

Prorussische Kräfte haben unterdessen am Sonntag die Zentrale der Polizei in der südukrainischen Hafenstadt Odessa angegriffen. Die rund 3000 Demonstranten riefen "Faschisten, Faschisten", als sie das Gebäude stürmten. Sie brachen Türen auf und warfen Fensterscheiben ein.

In der Hafenstadt war am Freitagabend die Gewalt zwischen Anhängern der Regierungen in Kiew und Moskau eskaliert. 42 Menschen wurden bei den Zusammenstößen und dem Brand eines Gewerkschaftsgebäude getötet. Der ukrainische Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk bezeichnete die tödliche Gewalt in Odessa unterdessen als Teil eines russischen "Plans zur Zerstörung der Ukraine". EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton rief die Konfliktparteien zu "größtmöglicher Zurückhaltung" auf und forderte eine unabhängige Untersuchung der Gewalt.

Die russische Regierung machte die Führung in Kiew und ihre westlichen Unterstützer für den gravierendsten Zwischenfall seit dem Sturz des von Russland unterstützten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch verantwortlich. Die Regierung in Kiew vermutete dagegen, dass der Kreis um Janukowitsch vom russischen Exil aus die Zusammenstöße organisiert habe. Übergangspräsident Alexander Turtschinow ordnete eine zweitägige landesweite Trauer an.

Hilfe von CIA- und FBI-Spezialisten

Die ukrainische Übergangsregierung wird unterdessen einem Bericht zufolge von Dutzenden Spezialisten des US-Geheimdienstes CIA und der US-Bundespolizei FBI beraten. Die Beamten sollten im Auftrag der US-Regierung dabei helfen, die Rebellion im Osten des Landes zu beenden und eine funktionsfähige Sicherheitsstruktur aufzubauen, meldete die Zeitung "Bild am Sonntag" unter Berufung auf deutsche Sicherheitskreise.

Die Agenten seien aber nicht direkt an den Kämpfen mit den pro-russischen Milizen in der Ost-Ukraine beteiligt. Ihre Tätigkeit beschränke sich auf die Hauptstadt Kiew. Die FBI-Agenten sollten der Übergangsregierung zudem dabei helfen, die organisierte Kriminalität im Lande zu bekämpfen.

OSZE-Beobachter freigelassen

In Slawjansk, das weiterhin zu großen Teilen von den Separatisten kontrolliert wurde, ließen die Rebellen die Inspektorengruppe der OSZE am Samstag frei. "Wie ich es ihnen versprochen hatte, haben wir meinen Geburtstag gefeiert und sie laufenlassen", sagte Separatistenführer Wjatscheslaw Ponomarjow. Der russische Außenminister Sergej Lawrow wertete die Freilassung als Beleg der "Tapferkeit und des Humanismus" der Verteidiger von Slawjansk. Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier dankte "ganz herzlich" dem russischen Sonderbeauftragten Wladimir Lukin für einen Einsatz zur Freilassung der sieben Geiseln.

Die OSZE-Beobachter waren zunächst Lukin übergeben worden, außerhalb der Stadt nahm der Generalsekretär des Europarates, Thorbjoern Jagland, sie in Empfang. Die vier Deutschen sowie ein Däne, Pole und Tscheche wurden dann nach Berlin geflogen, wo sie am Samstagabend landeten. "Die Anspannung war enorm", berichtete der Leiter der Inspektoren, der deutsche Oberst Axel Schneider. Der polnische Major Krzysztof Kobielski sagte, es habe drei Mal "eine reale Gefahr" gegeben, etwa während eines ukrainischen Vormarsches auf Slawjansk. Schneider sprach von einer "ständig steigenden Bedrohung" in den vergangenen Tagen.

Westen: Vorwürfe gegen Russland

Bisher hat der Westen Russland vorgeworfen, seinen Einfluss auf die Separatisten nicht zu nutzen, um auf eine Entspannung der Lage hinzuwirken. Ganz im Gegenteil heize Moskau mit einer martialischen Sprache und der Massierung von Truppen an der Grenze die Lage an. US-Außenminister Kerry erklärte in Kinshasa am Rande einer Kongo-Reise, er habe Lawrow in einem Telefonat erklärt, Russland müsse seine Unterstützung für die Separatisten beenden. Lawrow forderte nach eigenen Angaben die USA auf, ihren Einfluss geltend machen, damit das "Regime in Kiew" sofort seinen Militäreinsatz in der Ostukraine beende.

Kommentare

Die Zeit für Diplomatie ist am Ende. Entweder der Westen bekommt die Interimsregierung in Kiew in den Griff, oder es kommt zum militärischen Eingreifen durch Russland. Die Geduld in Moskau neigt sich immer schneller dem Ende. Daran ändern auch die Sanktionsdrohungen durch die EU nichts.

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