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Flug MH17: "Schock" und "Empörung" über Umgang mit Leichen

Chaotische Zustände am Absturzort - Westen erhöht Druck auf Russland

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    MH 17

    Rettungsarbeiter aus der Ukraine tragen einen Leichensack an einem Wrackteil vorbei.

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    MH 17

    Ein Kameramann filmt einen abgebrochenen Flügel

Vor dem Eintreffen ausländischer Luftfahrtexperten herrschen an der Absturzstelle der Boeing in der Ostukraine chaotische Zustände. Bewaffnete und teils maskierte Separatisten behinderten die Arbeit der OSZE-Mission östlich von Donezk, so deren Sprecher Michael Bociurkiw. Nach dem mutmaßlichen Abschuss des malaysischen Passagierjets erhöht der Westen den Druck auf Russland. Der niederländische Außenminister Frans Timmermans sowie der ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko äußerten sich "schockiert" und "empört" über den Umgang mit den Leichen, von denen noch immer nicht alle gefunden wurden.

Prorussische Rebellen stehen im Verdacht, das Flugzeug der Malaysia Airlines mit 298 Menschen an Bord am Donnerstag in rund 10.000 Meter Höhe mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen zu haben. An diesem Sonntag wollen 132 malaysische Experten, darunter Ärzte und Militärs, zum Absturzort fahren. Sie waren am Samstag in Kiew gelandet.

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans kam ebenfalls mit einer Gruppe von 15 Experten in der ukrainischen Hauptstadt an. Die meisten der 298 Passagiere an Bord von Flug MH17 waren Niederländer. Etwa 100 Tote wurden bisher nicht geborgen. Ihre Leichen dürften in einem Umkreis von vielen Kilometern verstreut liegen. Im Osten der Ukraine herrschen hochsommerliche Temperaturen.

Auch Deutschland beteiligt sich an der Bergung und Identifizierung der Opfer. Zwei Fachleute des Bundeskriminalamtes reisten am Samstag in die Ukraine. Ein BKA-Sprecher sagte, sie wollten sich in Kiew mit einem größeren Team von Identifizierungsexperten treffen und das weitere Vorgehen besprechen. Sowohl der genaue Einsatzort als auch die Führung der Mission müssten noch geklärt werden.

Fkug MH17
© REUTERS/Maxim Zmeyev

Wird Aufklärung der Katastrophe verhindert?

Es besteht die große Sorge, dass es den beteiligten Kräften in der Ostukraine gelingen könnte, eine Aufklärung der Katastrophe zu verhindern und Täter ihrer Strafe entgehen könnten. Bei dem Absturz waren alle 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder an Bord der Boeing ums Leben gekommen - unter ihnen 193 Niederländer und vier Deutsche.

"Gibt keine Absperrung"

"Das Problem ist, dass es keine Absperrung des Ortes gibt, wie sonst üblich. Jeder kann da rein und womöglich mit Beweisstücken herumhantieren", kritisierte OSZE-Sprecher Bociurkiw. Die Militär-Experten der OSZE-Mission halten sich seit Monaten im Osten der Ukraine auf, um die Gefechte zwischen Rebellen und ukrainischer Armee zu dokumentieren.

"Schockiert" und "empört" über Umgang mit Leichen

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans äußerte sich während eines Treffens mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ebenfalls "schockiert" und "empört" über den Umgang mit den Leichen. Die ukrainische Staatsführung warf den prorussischen Separatisten im Osten des Landes vor, mit Hilfe Russlands "Beweise für dieses internationale Verbrechen zerstören" zu wollen.

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OSZE inspizierte Kühlwaggons mit Verunglückten

Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) haben in Begleitung von prorussischen Separatisten in der Ostukraine die Zugwaggons mit den Verunglückten inspiziert, die sich an einem etwa 15 Kilometer von der Absturzstelle entfernten Bahnhof befanden. Die Separatisten hätten von 167 Opfern in den Waggons gesprochen. Diese Zahl habe aber nicht geprüft werden können.

Leichen abtransportiert

Vom Absturzort der malaysischen Passagiermaschine sind der OSZE zufolge die sterblichen Überreste zahlreicher Opfer zunächst in die ostukrainische Stadt Tores gebracht worden. Drei Kühlwaggons stünden inzwischen auf dem örtlichen Bahnhof, sagte Michael Bociurkiw von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) am Sonntagnachmittag.

Die Waggons sollen bis zum Eintreffen internationaler Experten in Tores bleiben. Zuvor hatte die russische Staatsagentur Ria Nowosti gemeldet, dass der Zug über Ilowaisk nach Donezk fahren werde. Dem widersprach aber Separatistenanführer Alexander Borodaj. "Wir haben nicht vor, die Körper vor der Ankunft der Experten irgendwohin zu bringen. Die Regierung verzögert aber dieses Eintreffen", sagte er.

MH17 Kühlwaggon
© REUTERS/Maxim Zmeyev Kühlwaggons mit Verunglückten

Die Aufständischen argumentieren, die sterblichen Überreste seien seit dem Absturz am Donnerstag in großer Wärme gelegen und hätten "aus hygienischen Gründen" abtransportiert werden müssen. Hingegen wirft die Führung in Kiew den militanten Gruppen die Vernichtung von Beweisen vor.

Black Boxes offenbar gefunden

Die prorussischen Aufständischen in der Ostukraine haben nach eigenen Angaben am Absturzort der malaysischen Passagiermaschine "Flugzeugteile" gefunden, die "Black Boxes ähneln". Aus Mangel an Spezialisten könnten sie die Teile nicht selbst untersuchen, sagte Rebellenführer Alexander Borodaj am Sonntag in Donezk. Das Material könne "internationalen" Ermittlern übergeben werden.

Ukrainischen Ermittlern brächten die Rebellen "kein Vertrauen" entgegen. Das erklärte Borodaj.

Gegen MH17 genutztes Raketensystem von Russland gestellt

Das malaysische Verkehrsflugzeug mit der Flugnummer MH17 ist nach Einschätzung von US-Außenminister John Kerry mit einem Raketensystem abgeschossen worden, das den prorussischen Separatisten im Osten der Ukraine von Russland gestellt wurde. "Es ist ziemlich klar, dass dieses System von Russland in die Hände der Separatisten gelangte", sagte Kerry am Sonntag dem US-Nachrichtensender CNN.

Hintergründe der Katastrophe weiter unklar

Die Hintergründe der Katastrophe sind weiter unklar. Nach Angaben von US-Präsident Barack Obama sind dafür sehr wahrscheinlich die moskautreuen Kräfte verantwortlich. Die Boden-Luft-Rakete, die das Flugzeug abgeschossen habe, sei aus einem von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiet abgefeuert worden, sagte Obama.

Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, hatte eine Verstrickung Russlands in den Abschuss von Flug MH17 angedeutet. "Wir können nicht ausschließen, dass russisches Personal beim Betrieb dieser Systeme geholfen hat", sagte sie bei einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats in New York.

Die russische Führung wies jegliche Verantwortung von sich und kritisierte Berichte über einen angeblichen Abschuss der Maschine als "voreilig". Damit sollten offenbar Ermittler beeinflusst werden, teilte das Außenministerium in Moskau mit.

196 Leichen geborgen

Von vielen Absturzopfern fehlte auch zwei Tage nach dem Unglück weiter jede Spur. Bislang seien 196 Leichen geborgen worden, teilte der staatliche ukrainische Rettungsdienst mit. Die Suche nach den übrigen Opfern gestalte sich sehr schwierig, da die Wrackteile über etwa 25 Quadratkilometer verstreut seien.

Drohungen gegen Putin

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident Francois Hollande und der britische Premierminister David Cameron haben Russland mit einer Verschärfung der EU-Sanktionen gedroht. Der russische Präsident Wladimir Putin müsse umgehend Druck auf die prorussischen Separatisten in der Ostukraine ausüben.

Den Ermittlern müsse ein ungehinderter Zugang zur Absturzstelle von Flug MH17 gewährleistet werden, betonten der Elyseepalast und die britische Regierung nach Telefonaten am Sonntag. Sollte Russland nicht "unverzüglich die nötigen Maßnahmen ergreifen", werde dies beim EU-Außenministerrat am Dienstag Konsequenzen haben, hieß es in Paris weiter.

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