Überzeugende feministische "Iphigenie"-Überschreibung im TAG

von Überzeugende feministische "Iphigenie"-Überschreibung im TAG © Bild: APA/APA/TAG/Anna Stöcher

Michaela Kaspar überzeugt als heutige Iphigenie

"Jede Frau trägt ihre Schlachtbank mit sich." Das weiß Iphigenie, die als 14-Jährige von ihrem Vater zwecks Missbrauch an Fremde verkauft wurde und nun schon seit Jahren fern der Heimat als Puffmutter ihre Schützlinge gegen den Zuhälter Thoas verteidigt. Zitiert sie Goethe, gerät sie ins Würgen. In diesem Setting spielt Angelika Messners Überschreibung von Goethes "Iphigenie auf Tauris", die am Mittwoch im Theater an der Gumpendorfer Straße Premiere feierte.

Es ist eine feministische Deutung, in der die Dramaturgin und Regisseurin Messner das literaturhistorische Bild der Frau als wahlweise Hure oder Heilige hinterfragt. "Und von der Schlachtbank wird Frau direkt auf das Podest gehievt", sinniert Michaela Kaspar als drahtige, selbstbewusste Iphigenie. "Aber meine Gefühle, auch wenn ich zur Statue erhoben wurde, verkehren nicht in den Wolkenkuckucksheimen der reinen Menschlichkeit." Was in den folgenden 70 Minuten auf der von Schutt und Dreck übersäten Bühne (Ausstattung: Heike Werner) passiert, gemahnt dann nur mehr in der Rahmenhandlung ans Original.

So gibt Lisa Schrammel mit viel Verzweiflung im Blick eine von der männlichen Gewalt gezeichnete Prostituierte, die Iphigenie anfleht, den Heiratsantrag des brutalen, nach seinem weichen Kern suchenden "Bosses" Thoas (Jens Claßen) anzunehmen, um mehr Einfluss auf das Wohlergehen der Mädchen auf dem Straßenstrich zu erhalten. Doch Iphigenie hat Heimweh und will das Milieu verlassen. Da führt Thoas' äußerst gewalttätiger Gehilfe (Georg Schubert) zwei Männer in den Raum. Wenn Iphigenie sie tötet, ist sie frei. Bald stellt sich heraus: Bei dem schwulen Pärchen handelt es sich um ihren vom Wahn geplagten Bruder Orest (Emanuel Fellmer) und seinen hingebungsvollen Geliebten Pylades (Andreas Gaida), die nach dem Rachemord an der Mutter, die einst ebenfalls aus Rache Iphigenies Vater getötet hatte, auf der Flucht sind. Iphigenie sieht das trocken: "Eine Wiese, eine Spielwiese, eine Familienspielwiese wo mit Pfeilen geworfen wird."

Was folgt, ist ein Ringen um Loyalitäten, eine Abkehr von Abhängigkeit in alle Richtungen: "Schon wieder kotzt einer seine Meinung auf den Boden. (...) Wünsche, Forderungen, Verpflichtungen! Pflicht oder Kür? Wo wir doch sowieso immer den Kürzeren ziehen", fasst Iphigenie auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit pauschal zusammen, wie es so mancher Frau ergehen mag. Angelika Messner ist mit ihrer Bearbeitung ein bei aller Tragik auch unterhaltsamer Abend gelungen, der nicht immer nur mit der feinen Klinge arbeitet, aber heutige Frauenthemen in ihrer Überhöhung auf den Punkt bringt. Die Geschichte - so viel sei verraten - geht bei Goethe anders aus.

(S E R V I C E - "Iphigenie" von Angelika Messner, frei nach "Iphigenie auf Tauris" von J.W. Goethe im Theater an der Gumpendorfer Straße. Mit u.a. Michaela Kaspar, Lisa Schrammel, Emanuel Fellmer und Andreas Gaida. Tuba: Jon Sass. Regie: Angelika Messner, Ausstattung: Heike Werner. Weitere Termine: 2., 3., 13., 14., 16. und 17. Dezember sowie im Jänner. )