Über Weihnachtswunder und Kreuzigungen:
Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf Faymann I

news.at-Kommentar zur Angelobung der Regierung Wenn sich Enttäuschungen in Aggression verwandeln

Über Weihnachtswunder und Kreuzigungen:
Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf Faymann I © Bild: news.at

Der Österreicher schlechthin hat etwas Grantiges, insbesondere der Wiener. Er sieht sich in einem Missverhältnis zur Welt, schicksalhaft eingebunden in die undurchschaubaren Verstrickungen des politischen Lebens. Der Grant ist seine einzige Waffe, um sich diesen Verhältnissen zur Wehr setzen zu können. Doch ab und zu ergreift ihn dann doch ein Gefühl der Euphorie. Überschwänglich formuliert er seine Wünsche und Hoffnungen für die kommende Zeit. Und Weihnachten ist prädestiniert für solche Phasen der Euphorie. Punsch und Glühwein bereiten den fruchtbaren Boden für dieses Gefühl der Hoffnung.

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Die Zeit des Raunzens sei nun vorbei, mahnt man in den heimischen Kommentaren. Man solle sich doch endlich dem Gefühl des Aufbruchs hingeben, fordert man. Die neue Regierungsbildung hat tatsächlich in Österreich eine Welle der Euphorie auslösen können. Diese wird sich nicht zu einem Tsunami entwickeln können, der das Vermächtnis der vergangenen Regierungen einfach hinwegfegt. Doch zumindest wird es die immer wieder auftretende Flut sein, in deren lauwarmen Wasser man seine Füße ein wenig wärmen kann.

Österreich hat einen paradoxen Gefühlswandel durchlebt. Nachdem die Regierung Gusenbauer im Ansehen der Bevölkerung auf ein Nullniveau gesunken ist, ruhen auf Faymann I hohe Erwartungen. Eine Umfrage hat festgestellt, dass 66 Prozent der Österreicher diese Regierung höher bewerten als die alte. Vorschusslorbeeren für den sympathischen Neu-Bundeskanzler, der es zu Wege brachte, mit seinem Lächeln einen breiten Konsens herzustellen.

Österreich erwartet sich viel von Faymann I: Mehr Einkommen, um die Nachfrage anzukurbeln, weniger Steuern, für mehr Investitionen und einen Schutz vor den Katastrophen der internationalen Finanzwelt. Kein leichtes Unterfangen für eine Regierung, dessen Zustandekommen auf der Kunst des Formulierens basiert. Kompromisse wurden reduziert auf Kompromissformeln. Die sprachliche Beschwörung einer Einigung verdeckt damit nur das schwelende Konfliktpotenzial zwischen den beiden Regierungsparteien. Und damit droht Faymann I jener problematische Effekt, vor den schon die US-Demokraten nach der Obama-Welle zittern: Enttäuschung kann sich nur zu leicht in Aggression wandeln, auch bei den Akteuren selbst.

Das vorweihnachtliche Österreich ist jedoch noch in einer ganz anderen Stimmung. Jetzt möchte man noch an Wunder glauben. Doch Faymann I ist nicht der Heiland, mit dessen Geburt die Erlösung Österreichs oder gar der gesamten Menschheit eintreten wird. Faymann I wird keine Mysterien vollbringen, sondern sie wird nur ein wenig justieren können, um die schlimmsten Auswirkungen abzufedern. Möglicherweise wird auch sie gekreuzigt, ein Schicksal, das schon Gusenbauer ereilt hat. Doch auch diesmal wird die Heilsgeschichte keinen Millimeter vorwärts kommen.

(Sebastian Baryli)

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