Tunesien von

Schreckgespenst Islamismus

Freude über erste freie Wahlen währte für manche nur kurz

Tunesien - Schreckgespenst Islamismus © Bild: APA/EPA/ZACARIAS GARCIA

Die Freude über die ersten freien Wahlen in der Geschichte ihres Landes währte für viele westlich gesinnte Tunesier nur kurz. Im nordafrikanischen Mittelmeerland zeichnet sich nach ersten inoffiziellen Berichten ein deutlicher Wahlsieg der islamistischen Ennahda-Bewegung des 70-jährigen Rachid Ghannouchi ab. Der liberale Bevölkerungsteil fürchtet nun einen für sie dramatischen Wandel des Landes - bis hin zu Kopftuchzwang, Alkoholverbot und getrennten Stränden für Männer und Frauen.

In wieweit diese Sorge berechtigt ist, ist völlig unklar. Im Wahlkampf verkaufte sich die Ennahda-Bewegung als moderne Partei nach dem Vorbild der türkischen AKP. Niemand werde an den Freiheits- und Bürgerrechten rütteln, sagte Ghannouchi. Auf Parteiveranstaltungen saßen Männer und Frauen dennoch meist getrennt. "Dafür haben wir nicht die Revolution", kommentiert eine junge Frau aus Tunis. Der im Jänner gestürzte Langzeitherrscher Zine el-Abidine Ben Ali sei ein korrupter Verrückter gewesen, als Frau habe sie aber damals wenigstens sitzen können, wo sie wolle.

Stark ist die Ennahda vor allem in den sozial schwachen Stadtteilen und in den ländlichen Gebieten. Manche werfen der Partei vor, mit illegalen Spendengeldern aus anderen arabischen Ländern auf Wählerjagd gegangen zu sein. "Es sind zahlreiche Gerüchte über Stimmenkäufe im Umlauf", sagt EU-Wahlbeobachter Michael Gahler. "Wir haben bislang aber noch keinen einzigen nachgewiesenen Fall gehabt."

Kompromisse wohl notwendig
Als kleiner Hoffnungsschimmer für liberale Tunesier gilt derzeit, dass Ghannouchi keine größeren echten Bündnispartner hat. Sollte die Ennahda am Ende deutlich unter der 50-Prozent-Marke liegen, könnten sich die vielen Parteien am anderen Ende des politischen Spektrums zusammenschließen. Die verfassungsgebende Versammlung mit ihren 217 Mitgliedern soll in den ersten Novemberwochen zum ersten Mal zusammenkommen und dann auch einen neuen Übergangspräsidenten wählen.

"Die Ennahda auszuschließen könnte gefährlich sein und die Kluft in der Bevölkerung noch mehr vergrößern", meint Elisabeth Braune von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tunis. "Es ist schade, dass die Religionsfrage zum Identitäts- und Kulturkampf geworden ist."

Sorge in der Tourismusbranche
Mit großer Sorge wird die derzeitige Ennahda-Diskussion vor allem in der Tourismusbranche gesehen. Nach den Revolutionsunruhen brach das Urlaubergeschäft um knapp die Hälfte ein. 22.000 Arbeitsplätze gingen verloren, davon 3.000 Vollzeitstellen. Aus Angst vor neuer Gewalt meiden bis heute manche Europäer die Strände mit türkisblauem Wasser auf Djerba. Bei einer Islamisierung des Landes bestehe die Gefahr, dass die Strände leer blieben, fürchten viele nicht nur in den Touristengebieten.

Das vorläufige Endergebnis der Wahlen soll voraussichtlich am Dienstagabend feststehen.