Türkei von

Wut auf Erdogan

Bereits drei Tote bei Protesten - Polizei spricht von Umsturzversuch gegen AKP

Erdogan-Protest-Plakat. © Bild: Reuters/STOYAN NENOV

Neun von zehn Mitgliedern der Protestbewegung in der Türkei sind nach einer Umfrage aus Verärgerung über die ihrer Meinung nach autoritäre Haltung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auf die Straße gegangen. Die Proteste forderten unterdessen bereits drei Todesopfer. Auch deshalb nimmt die Kritik an der Regierung Erdogan immer stärker zu.

Die Umfrage der Istanbuler Bilgi-Universität ergab zudem, dass mehr als die Hälfte der Demonstranten zum ersten Mal in ihrem Leben an politischen Kundgebungen teilnehmen, wie türkische Zeitungen am Donnerstag meldeten. Nur 15,3 Prozent der Demonstrant bezeichneten sich demnach als Anhänger einer politischen Partei.

Die Bilgi-Universität befragte per Internet 3.000 Mitglieder der Protestbewegung. Demnach sind zwei von drei Demonstranten jünger als 31 Jahre. Als Ziele der Protestwelle nannten die meisten Befragten ein Ende der Polizeigewalt und mehr Respekt von Regierung und Behörden vor den Freiheitsrechten den Bürger.

Park-Projekt in Istanbul wird fortgesetzt

Trotz massiver Proteste will der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan an dem umstrittenen Bauprojekt in Istanbul festhalten. Er werde die Umgestaltung des Gezi-Parks in der Metropole vorantreiben, sagte Erdogan am Donnerstag in der tunesischen Hauptstadt Tunis laut einer arabischen Übersetzung seiner Äußerungen. Er rückte dabei einen Teil der Protestteilnehmer in die Nähe des "Terrorismus".

Polizei spricht von Umsturzversuch

Dagegen geht die Polizei in der Hauptstadt Ankara nach Medienberichten davon aus, dass die Proteste das Ziel haben könnten, die Erdogan-Regierung zu stürzen. Das gehe aus den Fragen von Ermittlern in den Verhören von mehreren hundert Festgenommenen in Ankara hervor, meldeten Zeitungen am Donnerstag. Einige Dutzend Aktivisten müssen sich demnach wegen des Verdachts auf einen Umsturzversuch verantworten. Sollten die Beschuldigten vor Gericht gestellt werden, drohen ihnen lebenslange Haftstrafen.

Die Proteste hatten am vergangenen Freitag nach einer gewaltsamen Polizeiaktion gegen Umweltschützer begonnen, die ein Bauprojekt in einem Park in Istanbul verhindern wollten. Seitdem haben sich die Proteste auf das ganze Land ausgeweitet. Viele Demonstranten werfen Erdogan vor, in seiner Politik keine Rücksicht auf Andersdenkende zu nehmen.

15 Ausländer bei Protesten festgenommen

Bei den Protesten gegen die türkische Regierung soll die Polizei bisher insgesamt 15 Ausländer festgenommen haben. Darunter seien auch vier Personen mit diplomatischem Pass, berichtete die türkische Zeitung "Zaman" am Donnerstag weiter. Sie stammten aus den USA, Großbritannien, Frankreich und Griechenland.

Die Festgenommenen würden beschuldigt, sich in Istanbul als Provokateure unter die Protestierer gemischt zu haben. Das türkische Außenministerium sagte auf Anfrage, ein solcher Fall sei nicht bekannt. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte zu Beginn der Woche erklärt, hinter den heftigen Protesten steckten auch Gruppen aus dem Ausland, die vom Geheimdienst verfolgt würden.

Bereits drei Tote

Die türkische Polizei geht weiter mit Gewalt gegen Demonstranten vor. Auch am Mittwoch seien rund um den zentralen Kizilay-Platz in der Hauptstadt Ankara Wasserwerfer und Tränengas gegen Protestierer eingesetzt worden, berichteten Aktivisten und türkische Medien. Zuvor hatte die türkische Regierung einen weniger harten Kurs angekündigt..

Bisher kamen bei den Zusammenstößen drei Menschen ums Leben. Ein Aktivist sei am Mittwoch seinen Verletzungen erlegen, die er in Ankara erlitten hatte, erklärte der türkische Ärzteverband TTB nach Angaben der Zeitung "Hürriyet". Die Zahl der Verletzten sei inzwischen auf weit über 4000 gestiegen, teilte der Ärzteverband mit. Davon seien 43 in einem kritischen Zustand.

Erdogan-Anhänger gegen Demonstranten

Erstmals seit Beginn der landesweiten Protestbewegung griffen am Mittwoch Erdogan-Anhänger Demonstranten in der Schwarzmeerstadt Rize ant. Die Polizei und der Bürgermeister konnten eine Eskalation verhindern. Erdogan selbst hielt sich in Marokko auf und reiste dann nach Tunesien weiter, von wo er Donnerstagabend in die Türkei zurückkehren wird.

Bei seinem offiziellen Besuch in Marokko wurde Erdogan übrigens nicht von König Mohammed VI. empfangen. Der offensichtliche Affront habe seinen Grund in der Tatsache, dass der türkische Premier 2011 bei seiner Tour durch Länder des "Arabischen Frühlings" Marokko ausgelassen habe, meldete der marokkanischen Radiosender Yabiladi. Aus der Umgebung Erdogans hieß es dazu, König Mohammed sei für 20 Tage außer Landes.

Literaturnobelpreisträger kritisiert Regierung

Der türkische Literatur Nobelpreisträger Orhan Pamuk hat scharfe Kritik an der Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan geübt. In einer Erklärung des Schriftstellers, die am Mittwoch in den Zeitungen "Hürriyet" und "Today's Zaman" veröffentlicht wurde, bezeichnete er die Regierung als "unterdrückerisch und autoritär". Er gab auch ein Beispiel aus einem seiner Bücher und verglich Istanbul und den Gezi-Park auf dem Taksim-Platz mit einem Kastanienbaum, der geschützt werden müsse.

Pamuk warf der Regierung vor, mit dem geplanten Bau einer osmanischen Artilleriekaserne auf dem Taksim-Platz mitten im Stadtzentrum von Istanbul die einzige dortige Grünfläche zum gewöhnlichen Einkaufszentrum umbauen zu wollen.

Gezi-Park zu alkoholfreier Zone erklärt

Am neunten Tag der Demonstrationen gegen die Umgestaltung des zentralen Taksim-Platzes im Istanbul ist im besetzten Gezi-Park das islamische Fest "Lailat al-Miraj" (Türkisch: Mirac Kandili) mit Koran-Lesungen begangen worden. Dabei wird der "Nachtreise" des Propheten Mohammed nach Jerusalem und in den Himmel gedacht. Unter den Teilnehmern wurden die für dieses Fest gebackenen "Kandil simidi”-Brezeln verteilt. Zugleich wurde der Gezi-Park für die Nacht zur alkoholfreien Zone erklärt.

Wie "Hürriyet Daily News" am Mittwoch weiter berichtete, begründeten die sozialen Netzwerke ihre Kampagne mit dem Argument, damit solle die Solidarität mit allen Sektoren der Gesellschaft vertieft werden. Sollte der islamische Festtag ignoriert und Alkohol konsumiert werden, könnte dies von Anhängern der religiös ausgerichteten AKP genutzt werden, um die Protestbewegung zu dämonisieren, hieß es.

Weiters erklärten die Demonstranten einen Weg im Gezi-Park zur "Hrant-Dink-Straße". Der armenisch-türkische Publizist Dink war im Jänner 2007 von einem türkischen Nationalisten ermordet worden. Das Verbrechen löste eine große Protestwelle in der Türkei aus. Die Hrant-Dink-Straße mündet in einen neuen "Friedensplatz". Zu dessen Eröffnung wurden Lieder in türkischer und kurdischer Sprache gesungen.

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