Tschernobyl nach der Atom-Katastrophe: Geisterstadt im Schatten des Sarkophags

Pripyat zählte einst zu den begehrtesten Wohnorten 20 Jahre danach: Rückkehr ist weiter kaum möglich

Sonne fällt auf die unzähligen Balkone der Plattenbauten, hie und da steht ein Fenster offen, lässt klirrend kalte Winterluft in die Wohnungen. Die minus 20 Grad würden sich bei diesem prächtigen Wetter ideal zu einem Spaziergang oder einer Schneeballschlacht eignen. Doch Pripyat bleibt totenstill. Bis zum 26. April 1986 lebten dort 47.000 Menschen. Dann explodierte in drei Kilometer Entfernung Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl.

Pripyat zählte zu den begehrtesten Wohnorten im Sowjetreich, galt als modern, jung, aufstrebend. Das Durchschnittsalter der Einwohner lag bei lediglich 27 Jahren. "Alle waren sehr stolz, dass sie hier leben durften", berichtet Igor Wasiljewitsch Starawatow. Der 34-jährige Angestellte des Atomkraftwerkes Tschernobyl begleitet hie und da Besucher in die Geisterstadt.

0,15 Milli-Sievert pro Stunde beträgt die Strahlung 20 Jahre nach dem Super-GAU in unmittelbarer Nachbarschaft des Reaktors. Eine Rückkehr ist ist somit kaum möglich. Zum Vergleich: In Österreich liegt die erlaubte Durchschnittsbelastung bei vier Milli-Sievert - und zwar pro Jahr.

Geisterstadt vegetiert leise vor sich hin
Der Hauptplatz von Prypiat ist von monumentaler kommunistischer Architektur geprägt. Sternförmig laufen die Straßen am Mittelpunkt der Stadt zusammen, Straßenlaternen stehen Spalier, ebenso wie die Dächer der Hochhäuser sind sie mit Hammer und Sichel verziert. Vor dem Kulturpalast erstreckt sich eine riesige Freifläche, auf der einst Kinder spielten und Mütter plauderten. Was von all dem blieb, ist jede Menge Unkraut, ein Sessel, der schon lange jegliche Daseinsberechtigung verloren hat und Spuren von Hasenpfoten im pulvrigen Schnee.

Jedes lautere Geräusch fängt sich in den gigantischen Häusergerippen und wird als gespenstisches Echo zurückgeworfen. Aus der Ferne ist hie und da einer jeder Züge zu hören, die die Arbeiter des AKW zu ihrer Wirkungsstätte befördern. Mit gedämpfter Stimme und eingehüllt in etliche Schichten wärmender Kleidung erzählt Starawatow vom Tag, an dem sich in Pripyat schlagartig alles veränderte - und zwar für immer: "Alle Einwohner wurden evakuiert - man hat ihnen gesagt, dass sie drei Tage später wieder zurück dürfen. Deshalb haben die meisten auch nur das Notdürftigste mitgenommen." Das war am 27. April 1986, erst einen Tag nach der Atom-Katastrophe.

Plünderer und ein Hagebuttenstrauch
Doch zurück durfte niemand. Zumindest nicht offiziell. Rund ein Jahr nach dem Unfall in Tschernobyl kehrten einige heim in ihre Wohnungen, um zu retten, was zu retten war. Viel vorgefunden haben die Menschen aber nicht. Denn in den Monaten zuvor wurde Pripyat immer wieder von Plünderern heimgesucht, die sich ungeniert am verstrahlten Hausrat der längst in alle Windrichtungen zerstreuten Einwohner bereicherten.

Zu plündern gibt es mittlerweile nichts mehr. Fündig werden nur noch die Vögel. Am Hauptplatz, unweit des vereinsamten Sessels, räkelt sich der einzige Farbklecks Pripyats in der Wintersonne: Ein Hagebuttenstrauch.

(apa/red)