Wiener Staatsoper von

Von der Faszination der Langeweile

Über Peter Eötvös’ eindrucksvolle Tschechow-Oper "Tri Sestri" ("Drei Schwestern")

"Tri Sestri" in der Wiener Staatsoper © Bild: Michael Poehn

Der Umgang mit den Dramen Anton Tschechows gehört zum Herausforderndsten, was Schauspielern und Regisseuren begegnen kann: Hier ist die Quadratur des Kreises gefordert, das Verwandeln von Langweile in Atmosphäre, von Stillstand in Spannung. Das gelingt dem bedeutenden ungarischen Komponisten Peter Eötvös mit musikalischen Mitteln ganz hervorragend: Seine vielgelobte Vertonung der "Tri Sestri" ("Drei Schwestern") gerät auch der Wiener Staatsoper zum akklamierten Erfolg.

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"Tri Sestri" in der Wiener Staatsoper
© Michael Poehn

Drei Schwestern, die in der russischen Provinz festsitzen und hier langsam verblühen. Moskau ist das unerreichbare Ziel der Sehnsucht und jede handelnde Person auf ihre Weise gescheitert. Eötvös erzählt diese Geschichte ohne Handlung in drei Etappen aus der Perspektive der Schwestern Irina und Mascha und des Bruders Andrej, der von der akademischen Laufbahn in der Hauptstadt träumt. Eötvös bedient sich dabei einer Technik, die der in Auschwitz ermordete Komponist Viktor Ullmann "polytonal'" nannte: Einem hochromantischen Liebesduett und wundersamen, dem Cello und der Bratsche zugeordneten Schmerzenskantilenen stehen scharfkantige atonale Passagen mit halsbrecherischen Konzertmeistersoli (fulminant: Albena Danailova) gegenüber. Auch Elemente aus der Unterhaltungsmusik und dem Jazz werden bemüht, und alles dient der Erzeugung von Atmosphäre und dem Blick nach innen. Das Orchester ist zweigeteilt: Im Graben begeistert unter der Leitung des Komponisten ein kleines Ensemble erstklassiger Solisten; meist verborgen hinter der Bühne grundiert eine größere Abteilung das Geschehen.

"Tri Sestri" in der Wiener Staatsoper
© Michael Poehn

Der amerikanische Regisseur Yuval Sharon und seine Ausstatterin Esther Bialas erbringen eine gediegene Leistung, wie sie an der Staatsoper zuletzt nicht selbstverständlich war. Ein Spiel der toten Seelen findet da statt, die Personen sind ein Teil des Mobiliars, das wie die Ausstattung eines befahrbaren Kuriositätenkabinetts am Zuschauer vorüberschwankt. Sturzbäche geschmolzenen Wachses aus bühnenhoch angebrachten Kerzenleuchtern sind im Fließen erstarrt.

"Tri Sestri" in der Wiener Staatsoper
© Michael Poehn

Dem Ensemble ist nichts Abträgliches nachzusagen. Hier herrscht großteils sicheres, sympathisches Mittelmaß. Aida Garifullina ist eine überaus ansehnliche, sogar berührende Irina, Margarita Gritskova eine tadellose Mascha, Ilseyar Khayrullova, der Countertenor Eric Jurenas, Boaz Daniel, Clemens Unterreiner und Gabriel Bermudez als Andrei ergänzen sehr gut. Die eindrücklichste Gestalt und der avancierteste Sänger auf der Bühne aber ist Norbert Ernst, ein Doktor am Ende aller Illusionen und Verheißungen.

Dem nicht einfachen, aber am Ende doch faszinierenden Werk kann man sich getrost anvertrauen.

"Tri Sestri" in der Wiener Staatsoper
© Michael Poehn

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