Trauerbekundungen für Saddam Hussein:
Zahlreiche Menschen in Stadt Tikrit gepilgert

Entstehung des Exekutionsvideos wird untersucht Zahl getöteter Zivilisten im Irak ist am Höchststand

Trauerbekundungen für Saddam Hussein:
Zahlreiche Menschen in Stadt Tikrit gepilgert

Auch am zweiten Tag nach der Beisetzung des irakischen Ex-Diktators Saddam Hussein sind zahlreiche Menschen in die Stadt Tikrit gepilgert, um dem hingerichteten ehemaligen Machthaber die letzte Ehre zu erweisen. Die Regierung in Bagdad will untersuchen, wie ein offensichtlich per Handy erstelltes Video von der Exekution zustande kam, das weltweit Empörung hervorgerufen hat.

Die Behörden wollten herausfinden, wie die Bilder trotz Anwesenheit von Sicherheitskräften aufgenommen werden konnten, zitierte das Staatsfernsehen einen Sprecher des Schiitenbündnisses "Vereinigte Irakische Allianz", das die Mehrheitsfraktion im Parlament stellt.

Hinrichtung in voller Länge
Das Video zeigt die Hinrichtung Saddams in voller Länge. Unter anderem sind Hochrufe auf den radikalen Schiiten-Prediger Muktada al-Sadr zu hören, dessen Miliz "Mahdi-Armee" für zahlreiche Verbrechen und Racheakte verantwortlich gemacht wird. Als der Ex-Staatschef bereits am Galgen hängt, bricht Jubel unter den Anwesenden aus. Saddam Hussein war im Morgengrauen gehängt, das Video ins Internet gestellt worden.

Zahlreiche Sunniten in Tikrit
Die Anhänger der nach Saddam Husseins Entmachtung durch die US-Militärintervention 2003 verbotenen Baath-Partei waren teilweise bewaffnet; die Polizei schritt nicht ein. Der ehemalige Präsident war in seinem Geburtsort Auja in der Nähe von Tikrit beigesetzt worden. Dort sind auch seine Söhne Udai und Kusai beerdigt, die im Juli 2003 von der US-Armee in Mossul getötet worden waren.

Neuer Rekordstand an toten Zivilisten
Die Zahl der durch politische Gewalt ums Leben gekommenen Zivilisten im Irak hat nach Angaben aus Kreisen des Innenministeriums in Bagdad im Dezember einen neuen Rekordstand erreicht. Die nur inoffiziell verfügbaren Zahlen weisen für den vergangenen Monat 1.930 Todesfälle etwa durch Bomben und Schießereien aus. Todesfälle, die auf gewöhnliche Kriminalität zurückgeführt werden, sind nicht berücksichtigt.

Fernsehsender geschlossen
Die Regierung hat einen beliebten unabhängigen Fernsehsender schließen lassen. Der Sender Sharkiya habe "Falschnachrichten" verbreitet und die Spaltung der Bevölkerung gefördert, sagte ein Regierungssprecher. Auf die Frage, ob das Verbot etwas mit der Berichterstattung über die Hinrichtung Saddams zu tun habe, sagte er: "Wenn man in den vergangenen drei Tagen den Kanal verfolgt hat, konnte man sehen, dass sie die Menschen zur Gewalt anstacheln und die Spannung zwischen Volksgruppen verstärken." Welche Berichte genau beanstandet wurden, teilte der Sprecher nicht mit. Der Sender vertritt nach dem Empfinden vieler Zuschauer eher eine sunnitische Sicht.

Italien will Abschaffung der Todesstrafe
Italien will sich in der UNO dafür verwenden, die Frage eines weltweiten Todesstrafen-Moratoriums auf die Tagesordnung zu setzen. Das teilte das Büro von Ministerpräsident Romano Prodi in Rom mit. Italien ist seit 1. Jänner für zwei Jahre nichtständiges Mitglied des Weltsicherheitsrates. Die Abschaffung der Todesstrafe müsse international Priorität haben, damit diese "Barbarei" ein Ende habe, betonte Außenminister Massimo D'Alema. In Frankreich hat Präsident Jacques Chirac die Verankerung der Abschaffung der Todesstrafe in der Verfassung angekündigt. Die Verfassung von 1958 soll durch einen Artikel ergänzt werden, welcher lautet: "Niemand darf zum Tod verurteilt werden". Frankreich hatte erst 1981 nach dem Wahlsieg der Linken unter dem sozialistischen Staatspräsidenten Francois Mitterrand die Todesstrafe abgeschafft. Damals befürworteten über 60 Prozent der Franzosen die Todesstrafe, heute sind es nach einer neuesten Umfrage noch 52 Prozent.

Chance zur Aufklärung vertan
Mit der Hinrichtung Saddams sei die Chance vertan, den Ex-Diktator und dessen Helfer für weitere schwere Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen, erklärte die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Die Massenmorde, auch an Kurden, Yeziden und Turkmenen hätten in ihrem ganzen Umfang dokumentiert und aufgeklärt werden müssen. Die GfbV verwies insbesondere auf die Mitwirkung europäischer Firmen am Bau der irakischen Giftgasfabriken. Nach Auffassung der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen (GÖAB) wurde mit der Hinrichtung Saddams "keines der zahllosen Probleme des heutigen Irak nur um einen Millimeter einer Lösung näher gebracht". GÖAB-Generalsekretär Fritz Edlinger erklärte in Wien: "Der Irak, von einer von den ausländischen Truppen völlig abhängigen schwachen Regierung geführt, steht am Abgrund, und es ist eigentlich nur eine semantische Frage, die Situation als Bürgerkrieg oder knapp davor zu charakterisieren. Das Land wird von religiösen Fanatikern, verantwortungslosen Warlords und korrupten 'Politikern' dominiert".

(apa/red)