Trainer-Held: Domenech als Baumeister
der französischen Kicker-Renaissance!

54-Jähriger auf den Spuren seines Förderers Jacquet

Für die französische Zeitung "Le Figaro" ist Raymond Domenech bereits ein Fall fürs Pantheon. Dort soll er nach dem WM-Coup über den entzauberten Fünffach-Weltmeister Brasilien und dem fünften Einzug in ein WM-Halbfinale einen Platz an der Seite jener Trainergrößen erhalten, die mit der "Equipe tricolore" Vergleichbares schafften: Albert Batteux (1958) und Henri Michel (1986) wurden jeweils Dritte, Michel Hidalgo (1982) war Vierter und Aime Jacquet holte für die "Grande Nation" den bisher einzigen WM-Titel (1998).

Raymond Domenech, der aktuelle Trainer der "Blauen", die mit ihrem unerwarteten Siegeszug während der 18. WM-Endrunde in Deutschland die Fußball-Welt in Erstaunen und ganz Frankreich in ein ähnliches Fußballfieber versetzen wie anno 1998, gilt als Musterschüler Jacquets. Dem einflussreichen Vorsitzenden der Technischen Direktion des Französischen Fußball-Verbandes (FFF) verdankte er in erster Linie auch seinen Job als Teamchef im Juli 2004. Nun wandelt Domenech auf Jacquets Spuren.

Die von Volkes Stimme geforderten Ex-Internationalen Laurent Blanc oder Didier Deschamps hatten das Nachsehen bei der Wahl des Nachfolgers der auf hohem Niveau gescheiterten Roger Lemerre (torloses WM-Aus 2002) und Jacques Santini (EM-Viertelfinal-K.o. 2004). Das ist längst vergessen, die Massen in der Heimat jubeln Domenech zu.

Der als "Marionette" des Verbandes abqualifizierte Jacquet-Günstling strafte die Kritiker Lügen und verschaffte sich mit dem weiten WM-Vordringen Anerkennung und Respekt. Jetzt hält der Baumeister der französischen Fußball-Renaissance selbst die Fäden in der Hand. So wie in den Pressekonferenzen, in denen er keines moderierenden Pressesprechers bedarf. Der Laienschauspieler dominiert die Bühne, auf der er sich mit dem wachsenden Erfolg sichtbar sicherer und lockerer bewegt.

Wie bei seinem Ziehvater Jacquet 1998 müssen die Medien peu a peu Abbitte leisten. Der 54-Jährige genießt dies richtig und beliebt sogar zu scherzen. War sein rhetorisches Repertoire an Ironie, Sarkasmus, Süffisanz und Spott befremdlich und gefürchtet, so verbindet er seine schlagfertigen Wortspiele nun stets mit einem Zwinkern seiner von tiefschwarzen Brauen eingerahmten Augen. Der grau melierte Maskenmann, der aber immer noch genug Rätsel aufgibt, lichtet langsam sein Visier. Er treibt ein listiges Spiel mit für ihn offensichtlich hohem Spaßfaktor. Aus dem zuvor äußerst distanzierten Verhältnis Domenechs zu den Medien wird zwar keine Liebesbeziehung werden. Doch ein von gegenseitigem Respekt geprägtes Verhältnis.

Die Distanz zu seinen Spielern wird mit wachsendem Erfolg geringer. Stießen seine Methoden, Fußballer Fechten zu lassen oder sie mit Rollenspielen der Computerwelt fern zu halten, anfangs noch auf Kopfschütteln, so hat es der Hobby-Astrologe geschafft, neuen Spaß im alternden Kader zu wecken. "Die Spieler müssen mit Lust auf den Platz gehen. Sie müssen Lust auf Erfolg haben, sonst funktioniert das nicht", meint Domenech, der sich auch gern philosophisch gibt.

"Fußball ist wie Theater. Da werden auch nicht die Proben kritisiert", sagte er nach den kläglichen Gruppen-Vorstellungen seines Teams. Und: "Fußball ist wie das Leben. Da weiß man auch nicht, wann das letzte Match kommt." Die weisen Worte waren auf Zinedine Zidanes letztes Spiel gemünzt, was es ja am Mittwoch gegen Portugal noch nicht sein muss. Den Platz im Trainer-Pantheon hat Domenech, der zu WM-Beginn mit seinem Kapitän kaum gesprochen, ihn aber zuletzt geherzt hat, so oder so. (apa/red)