Woodys Edelhure

Der Regisseur über sein neues Meisterwerk, Berlusconis Geld und einen Film in Wien

von

Das Interview findet in Paris statt, doch die Herkunft der Süßware stimmt: Woody Allen, zeitlose 76, stellt hier den Film "To Rome with Love“ vor. Er hat inszeniert und das Drehbuch geschrieben und wirkt selber mit. Schon das hebt den Film turmhoch aus dem spätsommerlichen Überangebot hervor. Als pensionierter Opernregisseur gleicht er Otto Schenk auf Therapie, und auch das weitere Personal ist vom Feinsten: Penélope Cruz als Edelhure, Roberto Benigni als Beamter, der ohne jeden Anlass über Nacht berühmt wird, Alec Baldwin als amerikanischer Star-Architekt und der namhafte italienische Opernsänger Fabio Armiliato als Bestattungsunternehmer, der als Tenor Karriere macht. Allens Filme haben das an sich: Ihr Schöpfer allein würde für eine Luxusbesetzung reichen, aber die teuersten Schauspieler reißen sich darum, sich gegen relativ wenig Geld von ihm an die Wand spielen zu lassen.

Rom-Liebe
Rom liebt er demonstrativ. "Wir Amerikaner sind vernarrt in diese Stadt. Sie ist für uns so exotisch. Eigentlich merkt man als Amerikaner erst in Rom, dass man in Europa ist. Die Stadt ist so vital! Die Römer lieben ihr Leben, ihr Essen, ihre Kleidung. Sie sind immer in der Sonne, sitzen auf den Stufen, treffen einander in Cafés … Und der Verkehr! Fußgänger und Autos bewegen sich im selben Rhythmus!“

"Wien soll zahlen, und ich komme.“
Die Stimme überschlägt sich, und die Begeisterung ist echt: Rom habe ihm das Angebot zur Finanzierung des Films unterbreitet und wollte dafür Schauplatz sein. "Das klang perfekt. Ich schaute in meiner Lade nach, welche Geschichten am besten zu Rom passten. Und ich hätte sie alle dort spielen lassen können“, erklärt er.

Dass Berlusconi damals noch amtierte, kommentiert er mit etwas sündhafter Koketterie: "Ich würde von jedem Geld nehmen. Außerdem ist Berlusconi typisch für Italien und für die Römer: Wie der seine Partys mit all diesen Frauen gefeiert hat. Und all diese Skandale! Es würde sich auszahlen, sein Leben zu verfilmen. Das wäre eine tolle Geschichte. Wenn mir Wien ein Angebot macht“, fügt er pragmatisch hinzu, "drehe ich dort sofort einen Film.“ Nur, dass die Skandale hier eher unterklassig besetzt sind.

Grandioser Benigni
Im Film agiert, grandios, Berlusconis erbitterter Gegner, der Komiker und Regisseur Roberto Benigni. Als Beamter und Familienvater tritt er in einer surrealen Szene vor die Haustür und ist, ohne die Spur eines Grundes, eine von Paparazzi und Fernsehsendern bedrängte Berühmtheit. "Die Menschen brauchen immer jemanden, den sie idealisieren. Früher waren das Schauspieler, Athleten, Politiker, Leute, die etwas geleistet haben. Heute braucht man das nicht mehr. Es genügt, in einer Reality-TV-Show aufzutreten. Aber das wird nicht so bleiben. In zehn Jahren werden wir fragen: Erinnert ihr euch noch an diese Trottel aus den Realityshows?“

"Für mein Alter gibt es nicht mehr so viele Rollen"
Wollte er das Schauspielen nicht einmal aufgeben? "Niemals. Ich bin immer glücklich, wenn ich in einem Film auftreten kann. Aber ich will das nicht forcieren. Für mein Alter gibt es nicht mehr viele Rollen.“ Der von ihm verkörperte exzentrisch-neurotische Opernregisseur Jerry leidet wie ein Vieh unter der Pensionistenexistenz. Mit Grausen vergegenwärtigt sich Allen den Rentnerstatus: "Ein paar meiner Freunde sind in Pension und schätzen das. Die gehen fischen und zum Baseball. Sie reisen und spielen jeden Nachmittag Karten. Ich könnte das nicht.“

"Kann keine Noten lesen"
So gerät ihm auch der panische Opernregisseur denkbar glaubhaft. Der entdeckt einen Leichenbestatter, der grandioser tenoraler Töne fähig ist, allerdings nur unter der Dusche. Also ersinnt Jerry eine im Sinne des Regietheaters avantgardistische "Bajazzo“-Inszenierung, die in einer Duschkabine spielt. Eigene Erfahrungen, im Konkreten mit Puccinis Gaunerkomödie "Gianni Schicchi“ am Opernhaus von Los Angeles, will er nicht leugnen. "Ich wollte nicht, aber man hat mich überredet. Ich kann ja auch keine Noten lesen. Immerhin verstehe ich die Musik.“ Seine Absicht, sämtliche Mitwirkenden als weiße Mäuse auftreten zu lassen, wurde abgelehnt. "Dazu war die Operndirektion nicht bereit. Auch meinen zweiten Entwurf nahmen sie nicht. Da wollte ich das Ensemble als Biogemüse auftreten lassen, und Schicchi, der Bösewicht, sollte eine Zigarette sein.“
Schließlich einigte man sich auf das Setting eines alten italienischen Films, während Hans Neuenfels in Bayreuth "Lohengrin“ mit Sängern im Rattenkostüm inszenierte. Allen zweifelt daran, das Wagnis wiederholen zu wollen. "Ich fühle mich nicht sehr kompetent, das Werk eines anderen zu inszenieren. Und ich will mich schließlich nicht zum Narren machen.“

Filme machen ist etwas anderes
Filme machen sei etwas anderes. "Wenn ich etwas geschrieben habe, dann weiß ich genau, was ich auf der Leinwand sehen will. Bei meinem ersten Film, "Take the Money and run" hatte ich überhaupt keine Probleme. Ich war der Autor und wusste, was ich wollte. Der Film kostete nicht einmal eine Million Dollar. Trotzdem waren alle nervös. Heute kosten Filme über 200 Millionen Dollar. Und je weiter man kommt, desto schwieriger wird alles. Man schafft Figuren, von denen man hofft, dass alle sie mögen. Und dann werden sie gehasst.“

"Dann schalte ich mich weg.“
Schmerzen bösartige Kritiken? "Man sollte sich nicht darum kümmern, das ist ungesund. Man kann es ja nicht ändern. Ich lese auch meine Interviews nicht. Und wenn ich mich am Morgen beim Training im Fernsehen sehe, schalte ich weg. Ich habe nie etwas über meine Filme gelesen. Sobald ich einen Film gemacht habe, schaue ich ihn nicht mehr an. Trotzdem ist es mir lieber, wenn die Leute meine Arbeit mögen. Wenn aber nicht, mache ich trotzdem weiter. Manche meiner Filme sind gut, manche weniger, aber vormachen will ich mir auch nichts: Die wirklich großen Kunstwerke der Filmgeschichte sind, Fahrraddiebe‘ von Vittorio de Sica oder, Citizen Kane‘ von Orson Welles. Ich hab nichts für die Ewigkeit, was ich in diese Reihe stellen könnte. Aber ich arbeite weiter daran. Vielleicht habe ich die Größe gar nicht, aber ich kümmere mich nicht darum. Denn ich bin Realist und kein Masochist.“ So reden diejenigen, die Geschichte geschrieben haben. Den Status quo der Branche aber kann man, präzise von Roberto Benigni verkörpert, im Film abrufen.

Kommentare