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Wie es Tianjin vier Monate
nach der Katastrophe geht

Chemielager explodiert: Viele Anrainer fühlen sich von Regierung im Stich gelassen

Tinajjin © Bild: 2015 Getty Images/ChinaFotoPress

Im August explodiert im chinesischen Tianjin ein Chemielager. Die Aufräumarbeiten laufen immer noch auf Hochtouren. Doch viele Anrainer fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen.

Herr Zhao läuft im dicken Wintermantel durch seine Firma. "Die Heizung ist seit der Explosion hinüber, aber das ist längst nicht mein einziges Problem", sagt der chinesische Unternehmer und zeigt auf eine Außenwand hinter ihm, in der ein mehr als drei Meter breites Loch klafft. Zhao hat es notdürftig mit einer Plane abgedeckt. "Hier kann niemand mehr arbeiten. Ich habe meine Mitarbeiter schon vor Monaten nach Hause geschickt und warte seitdem auf Hilfe der Regierung. Aber es passiert einfach nichts."

150 Menschen sind umgekommen

Mehr als vier Monate sind vergangen, seitdem die chinesische Millionenmetropole ihren schwärzesten Tag erlebt hat und es auch international zu trauriger Berühmtheit brachte. Wegen nicht eingehaltener Sicherheitsregeln explodierte am 12. August ein Chemielager im Hafen von Tianjin und richtete noch in mehreren Kilometern Entfernung eine gewaltige Verwüstung an. mehr als 150 Menschen starben bei der Katastrophe, 17.000 Häuser und Wohnungen in der Nähe wurden durch die Druckwelle laut Behördenangaben beschädigt oder zerstört.

"Im ersten Moment dachte ich, es ist Krieg und die Japaner haben eine Atombombe über uns abgeworfen", beschreibt Zhao den riesigen Feuerball über dem Hafen, den er noch immer genau vor Augen hat. Viel hat sich seit der Detonation getan. An Gebäuden in der Nähe des Explosionsortes stehen Baugerüste, überall glänzen die neuen Metallrahmen ausgetauschter Fenster. Und auch direkt im Epizentrum der Katastrophe ist sichtbar Ordnung eingekehrt. Dort, wo auf Luftaufnahmen direkt nach der Katastrophe ein Trümmerfeld und ein riesiger Krater zu erkennen waren, liegt jetzt eine brache Fläche so groß wie fünf oder sechs Fußballfelder.

Hunderte Säcke mit abgetragener, wohl von Chemikalien kontaminierter Erde, warten auf ihren Abtransport. Männer in weißer Schutzkleidung laufen umher und nehmen Bodenproben. An der Straße sind Schiffscontainer aufgestapelt, die die Druckwelle beschädigt hat. Mit ihren tiefen Beulen und Dellen erinnern sie an eingedrückte Cola-Dosen.

»Wenn wir keine Hilfe kriegen, sieht es schlecht aus.«

Doch genau wie Herr Zhao, sind längst nicht alle Anlieger damit zufrieden, wie die Aufräumarbeiten vorangehen. Besonders kleine Firmen rund um den Hafen fühlen sich allein gelassen. "Ich habe diese Räume vor zehn Jahren gekauft und zahle immer noch Kredite ab", sagt Zhao. "Wir sind ruiniert, wenn wir nicht entschädigt werden." Zhao versucht bereits seit Monaten, die Regierung auf seine Lage aufmerksam zu machen. "Wir werden von Behörde zu Behörde geschickt, und niemand fühlt sich zuständig. So geht es auch Herrn Jiang, dem eine Logistikfirma nebenan gehört. "Unser Gebäude ist zu stark beschädigt. Wenn wir keine Hilfe kriegen, sieht es schlecht aus."

Bilder der Explosion:

  • explosions at the Binhai new district in Tianjin, China
    Bild 1 von 9 © Bild: imago/China Foto Press

    Die gewaltige Explosion in Chinas Hafenstadt Tianjin erinnerte an eine nukleare Explosion

  • Explosion von Tianjin, China
    Bild 2 von 9 © Bild: imago/China Foto Press

    Die gewaltige Explosion in Chinas Hafenstadt Tianjin erinnerte an eine nukleare Explosion

Ebenfalls schwer getroffenen hat es einen lokalen Immobilienentwickler. Ein von ihm gebautes, 20-stöckiges Gebäude war kurz vor der Fertigstellung, als die Detonation die gesamte Front wegriss. Firmen, die bereits Büros in dem Hochhaus gekauft hatten, müssen noch immer auf den Einzug warten. "Wenn wir keine Hilfe kriegen, bleibt das hier für immer eine Ruine. Wir haben der Regierung vertraut, wir haben der Partei vertraut", steht auf großen Bannern, die über mehrere Stockwerke an dem Gebäude hinabhängen.

Menschen fühlen sich im Stich gelassen

Auch Menschen, die in der Nähe des Hafens wohnen, fühlen sich im Stich gelassen. Dabei hatte die Stadtverwaltung nur Tage nach der Explosion allen betroffenen Anrainer Entschädigungen in Aussicht gestellt. Wohnungen, die zu stark beschädigt wurden, sollten zurückgekauft, alle anderen repariert werden.

"Die haben bestenfalls kosmetisch was gemacht", sagt die Anrainerin Frau Song. Zwar wurden die Fenster in ihrer Wohnung hastig ausgetauscht. "Die Wände haben aber noch heute Risse, die kalte Luft durchlassen." Auch der Fahrstuhl ihres Hauses ist noch immer nicht repariert, erzählt die Pensionistin. Nachbarn, deren Wohnungen von der Regierung zurückgekauft wurden, seien ebenfalls sauer. Zwar lag der gezahlte Preis in der Regel um 30 Prozent über dem Kaufpreis. "Aber was kann man dafür schon in einer Stadt kaufen, in der die Immobilienpreise seit Jahren abheben?"

Langzeitauswirkungen immer noch nicht geklärt

Noch etwas Anderes sorgt in der Nachbarschaft für Unruhe. Bei starkem Wind, weht es Staub aus dem Hafen herüber. "Es ist noch immer nicht geklärt, ob dort alles verseucht ist und wir nun täglich Schafstoffe einatmen müssen", klagt Frau Song. In dem explodierten Gefahrgutlager waren schließlich rund 700 Tonnen giftiges Natriumzyanid und Hunderte Tonnen andere gefährliche Chemikalien gelagert. Viele Nachbarn hätten bereits gegen die Behörden demonstriert und seien daraufhin von Polizisten eingeschüchtert worden.

Frau Song will aber noch lange nicht nachgeben. Sie hat ein Nachbarschaftskomitee gegründet, das gemeinsam einen Beschwerdebrief an Präsident Xi Jinping schrieb. "Wenn wir keine Antwort kriegen, fahren wir eben nach Peking und protestieren dort", betont Frau Song. Eine lange Reise ist es nicht: Der Schnellzug von Tianjin bis in Chinas politisches Machtzentrum benötigt gerade mal 30 Minuten.

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