Buch-Kritik von

Das größere Wunder

Der neue Roman von Thomas Glavinic überzeugt auf ganzer Linie.

Thomas Glavinic © Bild: www.pertramer.at/Ingo Pertramer

Zwei Jahre nach „Unterwegs im Namen des Herren“ meldet sich Thomas Glavinic mit einem neuen Roman zurück. Heute erscheint „Das größere Wunder“. Wunder ist es allerdings keines, dass dem Autor damit etwas Wunderbares gelungen ist.

Aufmerksame Glavinic-Leser kennen ihn bereits aus „Das Leben der Wünsche“ und „Die Arbeit der Nacht“: Jonas ist wieder da. Der Lieblings-Protagonist (und eine Art Alter Ego?) des österreichischen Autors hat auch in „Das größere Wunder“ wieder die Hauptrolle über. Dabei handelt es sich allerdings nicht um „idente Figuren im eigentlichen Sinn“, wie Glavinic in einem Interview erläutert, denn Jonas hat jedes Mal einen anderen Beruf, eine andere Lebensgeschichte. Dennoch ist es die Figur, über die der Schreiber am meisten zu sagen habe, die ihn am meisten beschäftige.

Das größere Wunder von Thomas Glavinic
© Hanser Verlag

Jonas also. Der „Das größere Wunder“-Jonas wird früh erwachsen. Gezwungenermaßen. Denn sein körperlich behinderter Bruder Mike ist bei der alkoholsüchtigen Mutter auf den gesunden Zwilling angewiesen. Doch die Rettung für die Brüder naht schon im Kindesalter in Form von Picco. Picco ist der nicht ganz auf legalem Wege stinkreich gewordene Großvater von Jonas bestem Freund Werner. Der Mann befreit die Zwillinge aus der Obhut der Alkoholikerin und nimmt sie bei sich auf. Von nun an leben Jonas und Mike im Paradies, es fehlt ihnen an Nichts. Und es kommt noch besser: Es gibt keinerlei Einschränkungen, Regeln oder Grenzen für die drei Kinder. Alles ist erlaubt, nichts ist verboten. Sie müssen selbst lernen, was falsch und was richtig ist und wie sie ihr Leben führen wollen.

Dies ist die eine Achse, anhand der Thomas Glavinic das Leben von Jonas aufrollt. In jedem zweiten Kapitel hingegen befindet sich der Protagonist in der Todeszone am Mount Everest. Er will den höchsten Berg der Welt erklimmen, koste es was es wolle.

Wenn man alles hat

Aus diesen zwei Blickwinkeln kommt man als Leser Jonas näher. Und findet sein Leben interessant und aufregend. Auf die indirekte Frage, wie man sein Leben gestaltet, wenn man alles hat, findet Thomas Glavinic andere Antworten, als es zum Beispiel Sofia Coppola in ihrem aktuellen Film „The Bling Ring“ tut. So wird Jonas trotz aller Freiheiten nicht zum Ich-bezogenen Dieb, sondern zu einem selbstbewussten aber sympathischen Weltenbummler, der im Gegenteil eher gibt statt nimmt.

Dennoch zeigt Jonas vor, dass es auch für die, die zumindest auf materieller Ebene alles haben, nicht einfach ist, den Sinn des Lebens, seine Erfüllung zu finden. Und so macht sich Jonas auf die Suche, die Suche nach seinem Ich, nach seiner Berufung. Diese Suche führt ihn von Rom nach Oslo, von Havanna nach Tokio und von Jerusalem in die tödlichen Höhen des Mount Everest.

Geschickt rollt Glavinic in „Das größere Wunder“ diese Lebensgeschichte von zwei Enden auf, denn schnell ist beim Lesen klar, dass beides zu einem gemeinsamen Ende zusammenführt. Dennoch bleibt es bis zum Ende spannend, was Jonas auf den Berg führt. Noch dazu alleine.

Vom Kindheitssommer in tödliche Höhen

Jeder der beiden Aspekte alleine lässt einen das Buch bereits ungern aus der Hand legen. Schnell verliebt man sich in die schöne Geschichte über das abenteuerliche und grenzenlose Heranwachsen dreier Kinder, die ein wenig den Geschmack der eigenen Kindheit in Zeiten von unbeschwerter Sommerferien hat. Dazwischen vermittelt die realistisch geschilderte Darstellung der Mount-Everest-Expedition – acht Jahre lang arbeitete und recherchierte Glavinic für den Roman - das Gefühl, als stünde man selbst neben Jonas in den eisigen Everest-Lagern.

„Das größere Wunder“ ist ein schöner sowie spannender Roman über die Angst, das Überwinden dieser, die Liebe (entgegen der Akündigung jedoch weniger die romantische Liebe als die zur Familie), das Bergsteigen, die Kindheit, das Erwachsenwerden und das Erwachsen sein. Kurz gesagt: Ein größerer Roman über nicht weniger als das Wunder Leben.

Info:
Thomas Glavinic - "Das größere Wunder"
Erscheinungsdatum: 26. August 2013
Hanser Verlag, 528 Seiten, 16,99 Euro
ISBN 978-3-446-24433-7

Thomas Glavinic liest aus "Das größere Wunder" am 29. August im Rahmen des "O-Töne"-Festivals im Wiener Museumsquartier (20.30 Uhr). Eintritt ist frei.

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