Thomas Glavinic von

Der Gottes-Streiter

Der Literaturstar auf aberwitziger Marienwallfahrt - und im Interview mit NEWS

Thomas Glavinic - Der Gottes-Streiter © Bild: APA/Artinger

Radikale literarische Grenzgänge, euphorisierende Verkaufszahlen, Kritikerkontroversen: Der Steirer Thomas Glavinic, 39, hat sich unter die feinsten deutschsprachigen Adressen geschrieben. Am 29. August erscheint „Unterwegs im Namen des Herrn“, das aberwitzig komische Protokoll einer Marienwallfahrt in den Gnadenort Medjugorje. Zur Erholung mengte er sich an schließend in Split in einem grenzwertigen Lokal unter bewaffnete und bezechte Kroaten.

NEWS: Wollten Sie mit der Wallfahrt etwas aufarbeiten?
Glavinic: Nein, das hatte in erster Linie mit Neugier zu tun. Der Glaube an sich ist ein faszinierendes Thema, auch und gerade für einen ungläubigen Menschen wie mich.

NEWS: Glauben Sie an gar nichts?
Glavinic: Ich glaube daran, dass alles vorläufig ist und dass wir in unserem Leben nur von Hypothesen ausgehen. Ich bin ja Pastafari.

NEWS: Die tragen doch Nudelsiebe auf den Köpfen. Wo haben Sie Ihres?
Glavinic: Das Tragen religiöser Symbole sollte eine private Angelegenheit sein, und es ist eine der vielen inakzeptablen staatskatholischen Zumutungen, dass man sein Kind in der Schule vom Religionsunterricht eigens abmelden muss. Und wie kommt mein Sohn dazu, allein in einer anderen Klasse zu sitzen, während seine Mitschüler beten? Und wieso bezahle ich diesen Unterricht mit? In der Schule und im Kindergarten hat das Kreuz nichts ver loren. Auch der Nikolaus nicht. Der sieht im Übrigen ja auch schon aus wie Teil einer Religionsparodie.

NEWS: Auch Ihr Buch klingt parodistisch. War die Reise so komisch?
Glavinic: Diese Reise war für mich hauptsächlich unangenehm. Die meisten Menschen, denen ich in Medjugorje begegnet bin, waren eher das Gegenteil dessen, was sie zu sein vorgaben. Christen sind für mich Menschen, die für andere offen sind, lieben und einem mit Verständnis und Sympathie begegnen. Solche Menschen habe ich dort jedoch kaum getroffen. In Medjugorje sieht man Leute, die den Eindruck machen, als ob sie mit einem Knüppel eins übergezogen bekommen hätten. Die spinnen in sich hinein und haben kein besonders ausgeprägtes Interesse an ihren Mitbrüdern und Mitschwestern im Glauben.

NEWS: Sind diese Leute leicht verhetzbar?
Glavinic: Offenbar kann man einigen von ihnen viel Unsinn erzählen. Aber Lynchmob ist das keiner, dazu sind sie zu passiv. Auch zum Lynchen braucht man eine gewisse Energie – und die Menschen, die ich dort getroffen habe, hatten davon nicht viel. Die würden sich höchstens in einer Gebetsliga zur Heiligsprechung des einen oder anderen Kaisers engagieren. Ich bezweifle aber, dass sich viele von ihnen auf die Straße stellen und Obdachlose versorgen würden. Das hat mich so überrascht.

NEWS: Dann haben Sie in einem lebensgefährlichen Lokal in Split die raueren Seiten des Lebens kennen gelernt. Waren die angenehmer?
Glavinic: Ich weiß wirklich nicht, ob das ein gutes Zeichen ist, aber offenbar fühle ich mich unter gewaltbereiten Mafiosi noch immer wohler als unter Glaubensfanatikern.

NEWS: Sind die gefährlicher als Mafiosi? Religiöser Fanatismus ist doch meist Treibstoff ungeheurer Bösartigkeiten. Von bin Laden bis Breivik.
Glavinic: Mich fasziniert, dass jemand wie Breivik so kurzsichtig ist und nicht erkennt, dass er das Geschäft derer erledigt, die er angeblich so hasst. Dieser Anschlag hätte ja auch von al-Qaida verübt werden können. Die Problematik des Glaubens beruht ja darauf, dass sich jemand auf eine absolute Wahrheit beruft. Und jemand, der glaubt, dass er absolut Recht hat, ist nun einmal nicht ungefährlich. Ich bin ja geradezu grundsätzlich fürs Zweifeln.

NEWS: Sind Gläubige denn eine Bedrohung?
Glavinic: Im Allgemeinen natürlich nicht – es soll jeder glauben, was er möchte. Aber auf einer gewissen Ebene empfinde ich jemanden wie Andreas Laun oder früher Kurt Krenn durchaus als Bedrohung. Kaum jemand redet momentan darüber, dass nicht nur im Islam, sondern auch im Namen des Christentums unzählige Menschen getötet worden sind. Und das betrifft ja nicht nur die Vergangenheit. Wie viele Abtreibungsärzte sind denn schon in den USA erschossen worden? Aber wenn jemand seinen privaten Trost daraus zieht, daran zu glauben, dass da oben jemand existiert, der über ihn wacht, dann soll er das tun. Ich verstehe so ziemlich alles, was einen durch die Nacht bringt. Auf dieser Ebene sehe ich keinen großen Unterschied zwischen Fußball, religiösem Glauben oder Drogen. Das alles hat den gleichen Sinn – nämlich durch die Nacht zu kommen, auf das Tageslicht zu warten und nicht zu verzweifeln.

NEWS: Was hilft Ihnen?
Glavinic: Unglücklicherweise bin ich noch nicht auf viel gestoßen. Wenn ich an einem Roman arbeite, bin ich tendenziell stabil. Ein Roman gibt mir auch keine Antworten, er hält mich immerhin in psychischer Stabilität.

NEWS: Sind Leute, die Stabilität im Kloster suchen, zu feig fürs Leben?
Glavinic: Ich maße mir nicht an, darüber zu urteilen – jedem das Seine. Aber ich finde es nicht richtig, sich im Kloster zu vergraben, denn das hilft ja auch niemandem. Wenn jemand Gott dienen will, soll er oder sie hinausgehen und die Welt besser machen, Bedürftigen helfen und nett zu den Mitmenschen sein. Ich bemühe mich, nach dem Grundsatz zu leben, in die Welt mehr Positives als Negatives einzubringen. Das Kreuz ist dafür eine zu einfache Antwort. Ich will mir nicht mit Antworten helfen, ich möchte mit meinen Zweifeln und meinem Unbehagen leben.

NEWS: Wenn Sie es nicht mehr aushalten?
Glavinic: Nun, für mich ist eher der Selbstmord ein möglicher Ausweg als die Flucht in die Antworten. Und nein, ich möchte nicht als Pflegefall enden. Leben sollte man, so gut es geht, schmerzfrei. Eine Bekannte von mir ist mehr oder minder bei Bewusstsein an einem Lungenemphysem erstickt. Man gab ihr nicht genug Sedativum, weil das zum Tod führen hätte kön- nen – und das ist ja hierzulande verboten. Also für mich ist so etwas eine Bestialität. Wenn man so etwas erlebt, merkt man wieder, dass man sich in unserer Welt besser nicht allzu sehr auf fremde Hilfe verlassen sollte. Das macht mir mehr Angst als das, was nach dem Tod ist.

NEWS: Beschäftigen Sie sich deshalb mit Marienerscheinungen? Glavinic: In meinem Buch geht es doch dar um, dass ein Teil von mir sich ja auch wünscht, wie Don Camillo mit Jesus sprechen zu können. Das macht diese Don-Camillo-Filme ja so tröstlich. Wenn Jesus zu Don Camillo spricht, könnte er auch zu uns sprechen. Es gibt ihn, wir sind gerettet. Natürlich wünsche ich mir, dass jemand zu mir sagt, alles wird gut – aber das wird nicht passieren. Auf meiner Reise hatte ich mitunter Angst, dass mir die Muttergottes tatsächlich erscheint. Mich würde es auch interessieren, einmal in einem Spukschloss zu übernachten. Oder nein, lieber nicht!

NEWS: Glauben Sie an Gespenster?
Glavinic: Ich fürchte mich eher davor, dass es sie gibt! Mir machen Dinge, die ich nicht kontrollieren kann, Angst. Und derartige Erscheinungen kann man ja wirklich sehr schlecht kontrollieren.

NEWS: Was können Sie nicht kontrollieren?
Glavinic: Ich habe Angst, dass ich meine Emotionen nicht kontrollieren kann oder meine Prinzipien plötzlich aufgebe und betrunken mit dem Auto in eine Mauer fahre. Das ist schon vielen Menschen passiert, die man grundsätzlich für vernünftig gehalten hat. Es ist wichtig, zu wissen, was man ist und wofür man empfänglich ist. Dann kann man sich im Griff haben – na ja, über weite Strecken vielleicht.

NEWS: Christentum und Marxismus scheiterten beide an der Umsetzung.
Glavinic: Menschen sind äußerst problematische Lebewesen. Wir sollten uns keinen Illusionen hingeben. Wenn eine Partei wie die FPÖ dreißig Prozent haben kann, sagt das über die Menschen in Österreich sehr viel aus.

NEWS: Was?
Glavinic: Dass dreißig Prozent davon nicht besonders schlau sind, was die Sache aber nicht besser macht. Mich ärgert, dass man FPÖ-Wähler ständig exkulpiert, als wüssten sie nicht, wofür die FPÖ steht. Das ist kein akzeptabler Protest gegen die Regierung, ob die nun gut arbeitet oder nicht. Es ist einfach unappetitlich, die FPÖ zu wählen.

NEWS: Gibt die Verurteilung von Uwe Scheuch Hoffnung? Glavinic: Das ist ein Lichtpunkt. Aber es wäre doch absurd, wenn Scheuch als Einziger ins Gefängnis wandert – und die politische Kaste Österreichs kann weitermachen wie bisher. Im Grunde genommen hat Wolfgang Schüssel das Land vollkommen versaut. Er ist Ausgangspunkt all dessen, was wir bis in die Gegenwart hinein seit zehn Jahren erleben. Ohne ihn hätte es diese Politverrottung nicht gegeben, nicht in dieser Form, denn er hat die FPÖ in die Regierung geholt, das gilt es, niemals zu vergessen. Das Land ist korrupt wie lange nicht mehr.

NEWS: Kann die FPÖ wieder in die Regierung kommen?
Glavinic: Ja, natürlich. Jeder vergisst, dass die ÖVP 25 Jahre an der Macht ist und das auch bleiben will. So etwas gibt es doch sonst nur in Ländern wie Kuba. Demokratie lebt vom Wechsel, doch der findet in Österreich nicht statt. Deshalb verstehe ich auch, dass die Leute sagen, es muss etwas geschehen, es muss sich etwas ändern. Aber es ist doch keine Alternative, die FPÖ zu wählen. Manchmal denke ich auch, Rot-Blau müsste kommen, damit die ÖVP aus der Regierung fällt. Aber schon beim Gedanken an Rot-Blau packen mich erhebliche Fluchtgedanken. Ein nicht geringes Problem der österreichischen Politik besteht darin, dass unsere Grünen in ihrer Respektabilität und im Personal bei weitem nicht mit denen in Deutschland vergleichbar sind.