Kritik von

Deutsche Romantik
von ihrer schönsten Seite

Kritik - Deutsche Romantik
von ihrer schönsten Seite © Bild: APA/HERBERT NEUBAUER

Christian Thielemann gastierte mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Wiener Musikverein

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Wenn das Publikum für mehr als 15 Minuten stehender Ovationen im Saal bleibt, obwohl das Programm nicht unbedingt aus absoluten „Reißern“ des Wiener Konzertrepertoires bestand, zeigt, dass einer der Beliebtesten am Pult gewirkt hat: Christian Thielemann. Mit seiner Sächsischen Staatskapelle Dresden gastierte er für zwei Abende im Wiener Musikverein. Das Programm war ausschließlich der Romantik gewidmet. Den Auftakt für den zweiten Abend gab Carl Maria von Webers „Jubel-Ouvertüre“, op. 59, die er für das 50-jährige Regierungsjubiläum von Friedrich August I. komponiert hatte. Wie man Jubel wirklich musiziert, konnte man bei Thielemann hören. Filigranarbeit war das am Pult. Grandios, wie er aus der Partitur am Ende die englische Hymne intonierte, die im 17./18. Jahrhundert der deutschen Adelsfamilie aus Hannover galt, die auch Könige von England und Irland waren.

Bei Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert in e-Moll, op. 64, einem der zentralen Werke der Geigenliteratur, war Frank Peter Zimmermann der Solist. Takt für Takt arbeitete er sich durch die drei Sätze. Thielemann trug ihn auf Händen, doch durch die Soli musste er sich allein durchkämpfen. Hart, schroff absolvierte er die. Erst im Allegretto erhellte er sein düsteres Spiel mit tänzelnden Weisen. Seine Virtuosität spielte er am besten in den raschen Tempi aus. Das wurde auch bei der Zugabe, dem Presto aus der Violinsonate in g-Moll, BWV 1001 hörbar.

Bei Robert Schumanns 4. Symphonie in d-Moll, op. 120 waren die Sachsen mit Thielemann ganz in ihrem Element. Dramatisch, getragen mit einer gewissen, aber wohldosierten Schwere zu Beginn machte Thielemann die Melancholie Ton für Ton hörbar. Jedes Thema arbeitete er feinst nuanciert heraus, ließ seine Solisten brillieren, vor allem die Hörner und die Flöten. Mit der „Oberon“-Ouvertüre von Carl Maria von Weber als Zugabe schloss Thielemann den Kreis fulminant.

Am 13. April eröffnet Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden die Salzburger Osterfestspiele mit Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“. Das Festival hatte er 2013 aus prekärer Lage nach dem Abgang der Berliner und Simon Rattle übernommen und zu jenem Glanz geführt, den es unter seinem Gründer, Herbert von Karajan hatte. Ab 2020 übernimmt dann der pensionierte Münchener Operndirektor Nikolaus Bachler die kaufmännische Direktion, ab 2022 die Gesamtdirektion. Das wurde mit Thielemann nicht abgesprochen. Für eine „künstlerische Zusammenarbeit“ kann Thielemann aber „kein Vertrauensverhältnis erkennen“, ließ er im Interview mit News wissen. Zu Ostern aber lässt sich an der Salzach eines erkennen: wie einst zu Karajan, fährt man heute zu Thielemann nach Salzburg. Was aber, wenn man dort nicht alles unternimmt, damit er bleibt?