Theaterkritik von

Land der Heuchler und Denunzianten

Martin Kusej inszenierte Arthur Millers „Hexenjagd“ als infernalischen Thriller am Burgtheater

Hexenjagd © Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Starke Theatertexte bedürfen keiner Aktualisierung. Wie gut, dass es Regisseure gibt, die der Kraft eines dramatischen Stoffes vertrauen, wie Martin Kusej. Er zeigt Arthur Millers „Hexenjagd“ als Stück über Vernaderer, unersättliche Kapitalisten, die sich die Religion zu Diensten machen, und ohnmächtige Widerstandskämpfer mit einem hervorragenden Ensemble.

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Die historischen Ereignisse der Stadt Salem/Massachusetts aus dem Jahre 1692 verdichtete Arthur Miller zu einem dreiaktigen Drama. Verfasst hat er es anno 1953 am Höhepunkt des Kalten Kriegs als Kommentar zur Kommunistenhetze in der McCarthy-Ära, während dieser in den USA Kommunisten als Staatsfeinde verfolgt und verhaftet wurden. Die Einwohner von Salem waren Nachkommen der ersten Einwanderer in den USA. Eine religiöse Diktatur sollte die Gemeinde in Schach halten. Jedwedes Vergnügen war untersagt. Als eine Gruppe von Mädchen beim ausgelassenen Tanz im Wald vom Pastor erwischt worden ist – auch dessen Tochter war dabei und fiel vor Schreck in eine lange Ohnmacht – versuchen sich diese zu retten, indem sie vorgeben, verhext worden zu sein und angesehene Bürgerinnen als Hexen denunzierten.
Es kommt zum Prozess. Hunderte Bewohner werden verhaftet. 19 Todesurteile wurden vollstreckt.

Hexenjagd
© Reinhard Werner/Burgtheater

Auf Martin Zehetgrubers mit überdimensionalen schwarzen Kreuzen befrachteter Drehbühne gibt Kusej den Auftakt mit dem rituellen Spiel der Teenager, das einem Höllenszenario von Hieronymus Bosch gleicht. Szene für Szene – nur mit wenigen, zu wenigen Strichen – zeigt Kusej die Geschichte eines immer mehr um sich greifenden Wahns. Und das ist die Stärke dieser Aufführung. Kusej verzichtet auf mögliche Aktualisierungen wie Trumps Wahlsieg in den USA oder Vergleiche mit den Machtspielen rechter Parteien. Er zeigt, was Miller erzählt hat und erreicht damit eine unmittelbare Nähe zur Gegenwart. Jeder kann jeden bezichtigen, mit Luzifer im Bund zu stehen. John Hale, ein Pastor und Teufelsexperte, soll Aufklärung schaffen. In dessen Gestalt zieht Florian Teichtmeister bis zur Pause als überragende Gestalt in seinen Bann. Er zeigt einen Beamten, der seine Pflicht tut, aber an seinem Tun zweifelt. Kusej lässt jeden Satz Teichtmeisters im Raum stehen, verleiht dem Gesagten Gewicht, das dauert zwar, sorgt aber für die dem Stück inhärente Beklemmung. Diese Methode wird auch im zweiten Teil praktiziert, der sich mit Michael Maertens als Danforth, oberste juristische Instanz, und Ignaz Kirchner als dämonischen Richter Hathorne, in einen packenden Gerichtsthriller wandelt. Weshalb diese Spannung, jedoch durch die Entblößung der als Zeugin aussagenden Mary Warren (Marie-Luise Stockinger) sinnfrei gedehnt wird, erschließt sich nicht.

Hexenjagd
© Reinhard Werner/Burgtheater

Aber das ist auch schon das einzige, das man gegen diese Produktion vorbringen könnte. Gespielt wird hervorragend. Philipp Hauß brilliert als um seine Macht bangender Reverend Parris. Steven Scharf zeigt den Bauern John Proctor, der den Betrug aufdecken will und dabei selbst verurteilt wird, bodenständig als glaubwürdigen, realistischen, geradlinigen Typen. Neben Florian Teichtmeister fasziniert Michael Maertens als unerbittlicher Rechtssprecher. Ignaz Kirchner, Dörte Lyssewski als denunziertes Opfer und Barbara Petritsch als dämonische, gequälte Sklavin sorgen für Spannung. Andrea Wenzl zeigt Abigail als rachsüchtige Verführerin mit Zurückhaltung. Das präzise geführte Ensemble ergänzt sehr gut. Diese Aufführung zeigt, wie man passioniertes Theater auf dem Stand der Zeit machen kann.

Hexenjagd
© Reinhard Werner/Burgtheater

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