Spitzentöne von

Ein Theater ist
keine Tanzschule

Heinz Sichrovsky © Bild: NEWS

Die Ereignisse um das Volkstheater eskalieren, Rita Thiele, an dieser Stelle schon im September favorisiert, gelangt in die Schlagzeilen. Die Paulus Manker souverän dominiert

Dass sich der Name der deutschen Dramaturgin Rita Thiele zuletzt in die österreichischen Schlagzeilen vorgearbeitet hat, erstaunt nicht. Eher wundert man sich über den langen Verzug. Hatte doch die nicht einflusslose Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek schon in der News-Ausgabe vom 14. September 2018 ihre beiden Spitzenkandidaten für die anstehende Neubesetzung der Volkstheaterdirektion bekannt gegeben: Paulus Manker war das und eben Rita Thiele, 1954 in Essen geboren, Anno Peymann Dramaturgin am Burgtheater und heute Vizedirektorin hinter Karin Beier am Hamburger Schauspielhaus. Am folgenden 11. Jänner gab die europaformatigvVernetzte Theaterfrau dann via News allgemein gehaltene Eckdaten einer erfolgreichen Theaterdirektion österreichischer Eigenart bekannt. News zog damals aus Thieles vorhergegangenen Bewerbungen - etwa für das Grazer Schauspielhaus - und den Wünschen von Kulturstadträtin Kaup-Hasler weitere Schlüsse: Mit weniger Premieren, einem hochkarätigen Ensemble, ebensolchen Gästen und einem Netz sprachraumweiter Koproduktionspartner müsste dem leer gespielten Haus zu helfen sein. Vor allem aber, erklärte Rita Thiele damals, könne man an einem schwer unterdotierten Haus wie dem Volkstheater nicht reüssieren. Und: Im Teambetrieb, tunlichst mit einer Regisseurin und einer Dramaturgin, arbeite es sich kommoder. All das fiel einem wieder ein, als kürzlich die Findungskommission ihre Aktivitäten für das Himmelfahrtskommando aussetzte: Das Haus sei unterdotiert und brauche jährlich drei Millionen mehr, aufzubringen von Stadt und Bund. Internationale Bewerber hätten sich aus diesem Grund zurückgezogen. Nun brächte die Stadt gern zwei Millionen auf, aber Kunstminister Blümel will sich mit der verbleibenden Million nicht beteiligen. Also nur zwei oder gleich drei Millionen von der Stadt? Das klingt aufbringbar, ist es aber nicht: Die subvention für das Haus wird vertragsgebunden ausgeschüttet, Stadt wie Bund dürfen nur erhöhen, wenn der jeweils andere mitzieht. Deshalb hatte die Wiener Kulturverwaltung vorhergegangene finanzielle Grausamkeiten des Bundes mit Würgen akzeptiert: Bricht man den Vertrag, ist das Ministerium aller Verpflichtungen ledig und das Haus bankrott. Einfach wird es also nicht, Rita Thiele samt Team nach Wien zu holen, wie es sich die Stadträtin vorgenommen haben soll. Statt Ende April will man nun mit Glück vor dem Sommer zum Ergebnis gelangt sein. Womit sich die Aufmerksamkeit auch duf Elfriede Jelineks zweite erste Wahl richtet: Als das Volkstheater für 2006 zur Disposition stand, erklärten sich Peter Zadek, Claus Peymann, Elfriede Jelinek, Gert Voss, Michael Haneke wnd Christoph Schlingensief - also Die Elite - für den genialen, aber auch im Umgang verhaltensradikalen Paulus Manker. Die Kulturpolitik entschied damals für Michael Schottenberg Und tat keinen Fehlgriff. Nur: jetzt könnte es mit einem inspirierten, erfahrenen Profi nicht mehr getan sein. Ein Bruchunternehmen erfordert womöglich Abbruchmaßnahmen und Wiederaufbau. Wie Mankers in Fachkreisen seit längerem umgehendes Konzept es vorsieht: Nach dem für "Alma" erfundenen und im vergangenen Sommer mit Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" fabulös weiterentwickelten Verfahren soll sas Haus ausgeräumt und von der Unterbühne bis zum Schnürboden, vom Eingangsbereich bis in die Pausenfoyers bespielt Werden. Das Ganze ist seriös durchgerechnet (Manker ist auch ein ausgewiesen brillanter Produzent). Dass ihn die Findungskommission nicht einmal angehört hat, ist ein Skandal. Es steht nämlich, auch wenn das den Erfordernissen des Neuen Theaters der Zimperlichkeit entspräche, nicht die Tanzschule Elmayer zur Rettung an.

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