"The Tree of Life" von

Unvollkommene Perfektion

Bildgewaltiger Cannes-Sieger mit Brad Pitt und Sean Penn -

"The Tree of Life" - Unvollkommene Perfektion © Bild: Filmladen Filmverleih

Schauplatz Cannes 2011: Zunächst ausgebuht, so dass sich Regisseur Terrence Malick nicht einmal der Presse stellen wollte, dann gewann er mit seinem Film "The Tree of Life" sogar die Goldene Palme.

"Wo warst du, als ich die Erde gründete?" Mit dieser Frage aus dem Buch Hiob des Alten Testaments, die dem Film "The Tree of Life" vorangestellt ist, begeben wir uns unter der Regie von Terrence Malick auf eine spirituelle und bildgewaltige Reise durch die Ursprünge und die Essenz der menschlichen Existenz. Als Angelpunkt dient eine texanische Familie in den 50er Jahren, von der Kindheit der drei Söhne unter dem gestrengen Vater bis hin zur Trauer nach dem Tod eines der drei Jungs. Der Gewinner der diesjährigen Goldenen Palme von Cannes startet am Freitag (17. Juni) regulär in den österreichischen Kinos.

Keine Konventionen
Es ist nicht ganz leicht, dem zweieinhalbstündigen philosophischen Werk des öffentlichkeitsscheuen US-Regisseurs in wenigen Zeilen gerecht zu werden. Terrence Malick hält sich in seiner fünften Regiearbeit (nach "Badlands" 1973, "Days of Heaven" 1978, "Der schmale Grat" 1998 und "The New World" 2005) an keine Konventionen, bricht nach einem Teil des Familiendramas mit dem bisherigen Erzählfluss, um sich in ausufernden Bildern des teils brodelnden, teils beschaulichen Universums - durchaus sinnbildlich für die väterliche Gewalt und die mütterliche Gnade - zu ergehen, nur um sich am Ende sogar ins Jenseits vorzuwagen.

In Cannes hat der Film die Kritiker gespalten, Buh-Rufe bei der Pressevorführung aufgrund mancher als religiös bis esoterisch wahrgenommenen Szenen wechselten sich mit hymnischen Kritiken und Verweisen auf Meisterwerke wie Stanley Kubricks "2001 - A Space Odyssey" (1968) ab. Das Schöne ist, dass beide Reaktionsstränge auf Malicks experimentelle Filmarbeit mit Brad Pitt, Sean Penn und Jessica Chastain durchaus nachvollziehbar sind. Pitt (auch Co-Produzent) spielt den gestrengen Vater, Chastain die gütige Mutter, Penn den erwachsenen Sohn in der Gegenwart, der sich an seine ambivalente Kindheit erinnert.

Szenen erst am Set erarbeitet
Die Todesnachricht, die die Familie O'Brien in tiefe Trauer stürzt, eröffnet gleich zu Beginn den Raum für existenzielle Fragen, die sich - unterlegt mit der Musik von Berlioz, Ligeti und des Franzosen Alexandre Desplat, der die Filmmusik komponierte, und mit Chorälen von Bach, Mozart, Mahler, Smetana und Holst - schließlich durch den gesamten Film ziehen. Trotz der Universalität wirkt der Film auch stets sehr privat, was wohl nicht zuletzt an der intimen Atmosphäre am Set lag. "Kaum ein Moment ist geplant", hatte Chastain in Cannes erzählt, die meisten Szenen wurden erst am Set erarbeitet.

Möglicherweise liegt es daran, dass gerade die recht plotarme Inszenierung der Familie sich am wohlbekannten Einfamilien-Drama der 50er Jahre abarbeitet, ohne den so zwiespältigen Bildern des Amerikanischen Traums etwas signifikant Neues hinzuzufügen. Da wirken die kosmischen Visionen des Urknalls und der Entstehung der Welt im Vergleich doch ungleich stärker, sind die Trickaufnahmen des Spezialeffekt-Künstlers Douglas Trumbull um einiges erstaunlicher als die improvisierten Familienszenen, die von Kameramann Emmanuel Lubezki mit natürlichem Licht und Handkamera gefilmt wurden.

Perfektion im Unvollkommenen
Natürlich kann im Nachhinein auch diskutiert werden, ob Malick nicht besser beraten gewesen wäre, die Dinosaurier aus der letzten Schnittfassung zu eliminieren, ebenso wie so manche redundante Szene in der Rückblende auf die Kindheit. So verliert das so umfassend angelegte, fragmentarische Werk im zweiten Teil doch deutlich an Kraft und Rätselhaftigkeit, wenn sich die Verbindungslinien nach und nach erschließen. Das sah wohl auch die Jury in Cannes so, die den Film als "in seiner Bandbreite und seinen Absichten die beste Wahl" bezeichnete. Aber schließlich ging es auch nie um Perfektion, wie schon Brad Pitt in Cannes über Malick sagte: "Er ist ein Unperfektionist. Er findet die Perfektion in der Unvollkommenheit."