Fakten von

Teuflische Machenschaften

Steuerhinterziehung, Bilanzfälschung und jahrelange Konkursverschleppung

Fakten - Teuflische Machenschaften © Bild: GEPA pictures

Neun Jahre nach dem Zusammenbruch des einstigen Fußballmeisters GAK liegt dem Staatsanwalt ein 2070-seitiges Gutachten vor. Es zeugt von Steuerhinterziehung, Bilanzfälschung und jahrelanger Konkursverschleppung

Wer dieser Tage die Homepage des Grazer Athletiksport Klub 1902 ansteuert, der möchte im ersten Moment meinen, alles wäre so wie zu den besten GAK-Zeiten. Von einer „Hand am Meisterteller“ ist da zu lesen, und davon, dass viele Fans glaubten, der Meistertitel wäre „nur noch abzuholen“.

Überlegen führt der Fußballtraditionsklub derzeit die Tabelle an, doch die Gegner heißen nicht mehr Rapid, Austria, Red Bull oder Sturm, sondern Eggersdorf, Kainbach oder Kalsdorf II. Willkommen in der steirischen Unterliga, in der sechsten Leistungsstufe, die vom kommerziellen Kick auf professioneller Ebene zumindest so weit entfernt ist wie ein Richard Lugner vom Bundespräsidentenamt.

Es ist etwas mehr als zehn Jahre her, da feierte der GAK auf nationalen und internationalen Bühnen seine größten Erfolge. National einen Meistertitel, zwei Cupsiege und einen Supercup-Erfolg, international ein viel beachtetes 1:0 beim großen FC Liverpool an der berühmten Anfield Road in der Qualifikation für die Champions League. Anfang 2007 krachte das Vereinskonstrukt dann unter einer Schuldenlast von rund 15 Millionen Euro zusammen. Konkurs, Abstieg, harte Landung in der Bedeutungslosigkeit. In einem Anflug von Größenwahn hatten zahllose Vereinsverantwortliche ein finanzielles wie bilanzielles Luftschloss erbaut, dessen Ausmaß erst jetzt, neun Jahre nach der Insolvenz, endgültig ermittelt sein sollte.

Es geht um Untreue, Förderbetrug, Lizenzbetrug und Konkursverschleppung. Um Schwarzgeldzahlungen, Bilanzfälschung und geheime Konten, die von Funktionären der „roten Teufel“, wie GAK-Teams in sportlichen Hoch-Zeiten genannt wurden, für diabolische Deals zur Steuerhinterziehung im großen Stil gebraucht worden sein sollen. Im Februar dieses Jahres hatte die Staatsanwaltschaft Graz den Strafakt an die Wiener Korruptionsstaatsanwaltschaft weitergeleitet. Nunmehr ist auch das Gutachten vollendet, das der renommierte Sachverständige Thomas Keppert im Auftrag der Anklagebehörde erstellt hat.

In der Scheinwelt

News liegt die Expertise des ehemaligen Bawag-Gutachters Keppert vor. Sie wurde in rund vier Jahren erstellt, umfasst 2070 Seiten plus Beilagen, reicht bis Mitte der 1990er-Jahre zurück und belegt die Scheinwelt, in der GAK-Präsidenten gelebt haben müssen. Denn: Laut dem Sachverständigen war der GAK bereits seit August 2001 zahlungsunfähig, hatte die Insolvenz bei Gericht jedoch erst im März 2007 angemeldet. Wörtlich heißt es im Gutachten: Es „muss daher aus betriebswirtschaftlicher Sicht festgehalten werden, dass der Verein längstens mit Ablauf des 3. August 2001 (…) nicht mehr in der Lage war, seine fälligen Schulden zu entrichten.“

Hat der GAK knapp sechs Jahre lang den Konkurs verschleppt? Hat der GAK seine Erfolge nur dank gefälschter Bilanzen und willfähriger Wirtschaftsprüfer gefeiert?

„Keine Finanzbuchhaltung“

Um diesen Fußball-Kriminalfall in seiner Gesamtheit zu verstehen, bedarf es eines historischen Rückblicks. Mitte der 1990er-Jahre steigt der GAK wieder in die 1. Division der Bundesliga, die höchste Spielklasse, auf. Peter Svetits, ab 1995 Klubmanager, übernimmt 1998 auch das Präsidentenamt. Zuvor gab es, wie aus dem Gutachten hervorgeht, bei dem Grazer Profiklub nicht einmal eine Schuhschachtel-Buchhaltung: Laut einer damals durchgeführten Lohnsteuerprüfung existierte beim GAK zumindest für die Jahre vor 1996 „keine Finanzbuchhaltung“. Erst Ende der Neunzigerjahre, als die Bundesliga das Lizenzierungsverfahren etabliert, legt auch der GAK den Wettbewerbshütern Zahlen vor. Falsche Zahlen. Heute steht laut Gutachter fest: Kaum ein Jahresabschluss, den der GAK bis zu seinem Bundesliga-Aus im Jahr 2007 auf den Tisch legte, entsprach auch nur annähernd der Wirklichkeit. Fast nur Fantasieprodukte, testiert von Wirtschaftsprüfern, die nun ebenfalls rechtliche Konsequenzen fürchten müssen.

Doch schon damals, Ende der 1990er-Jahre, wurde auf dem Transfermarkt kräftig eingekauft: Fußballstars, die sich der GAK unter normalen wirtschaftlichen Umständen niemals hätte leisten können; ausgestattet mit streng geheimen Sideletter- Verträgen, zusätzliche Schwarzzahlungen, bar und unversteuert.

All das fällt den einstigen Verantwortlichen jetzt auf den Kopf. Im Gutachten heißt es: Es liegen „umfangreiche Unterlagen
vor, die den Verdacht begründen, dass sich der Verein jedenfalls seit dem Jahr 2000 wesentlich durch die Verschweigung (unterlassene Meldung) von Lohnabgaben gegenüber dem Finanzamt Graz finanziert hat. Durch diese Hinterziehungen waren die Lohnabgaben zwar bereits fällig, aber aus den Büchern des Vereins nicht zu ersehen. Schon durch die Verschweigung dieser Verbindlichkeiten kam es jedenfalls zu einer wesentlich geschönten Darstellung der wirtschaftlichen Lage im Rechnungswesen des Vereins.“

Im Jahr 2001 übernimmt ein honoriger Herr aus der Wirtschaft das Präsidentenamt: Rudolf Roth, erfolgreicher Ölhändler, Honorarkonsul, einstiger GAK-Torhüter. Peter Svetits zieht sich auf die Position des Sportdirektors zurück. Doch auch Roth räumt bei seinen Fußballern in den roten Dressen nicht mit den unsauberen Finanzpraktiken auf. Ein Kardinalfehler.

Der Sachverständige stellt fest: „Eine Bereinigung dieser Verhältnisse wurde anlässlich der Ablöse des Beschuldigten Svetits als Präsident nicht vorgenommen. Es fand im bzw. nach Mai 2001 weder eine Feststellung sämtlicher in den Vorperioden nicht gemeldeten, aber noch nicht verjährten Lohnabgaben statt, noch wurden diese bei den zuständigen (allenfalls begleitet von Selbstanzeigen) nachgemeldet. Vorgenommen wurde nach Beginn der Ära Mag. Roth, soweit ersichtlich, nur eine Adaptierung einzelner Dienstverträge der Profifußballer.“ Es kommt noch schlimmer: Unter Roth sollen laut Gutachten im Juni 2001 „Schattenkonten“ für den GAK eingerichtet worden sein, die nie in der offiziellen Buchhaltung aufschienen. Gespeist wurden diese dunklen Kanäle teilweise mit Krediten, um weitere Schwarzzahlungen an Fußballer zu leisten. Der Sachverständige behauptet: „Die Auszahlungen über die nicht in der Finanzbuchhaltung erfassten ,Schattenkonten‘ betragen im Zeitraum2001 bis 2004 gesamt € 3,2 Mio.“

Was bei erster Durchsicht des Gutachtens sonst noch auffällt? Der GAK soll laut der vorliegenden Expertise mit falschen Bilanzen nicht nur Finanzamt und Bundesliga betrogen haben, sondern auch die steirische Landesregierung, die auf Basis von Fantasiezahlen hohe Förderungen gewährte; alleine bei der Steuerhinterziehung geht es um vier bis fünf Millionen Euro. Darüber hinaus ist unklar, was mit einem der beiden 10-Millionen-Schilling-Schecks (umgerechnet rund 726.000 Euro) passierte, die Frank Stronach an Peter Svetits für den GAK übergab – nur einer fand Eingang in die Buchhaltung. Svetits behauptet, er hätte mit dem zweiten Scheck Vereinsschulden bezahlt. Der Gutachter hat seine Angaben geprüft – und bezweifelt diese.

Die Ex-Präsidenten Rudolf Roth und Peter Svetits haben alle Vorwürfe stets bestritten, für sie und alle anderen Beschuldigten im Strafverfahren gilt ausnahmslos die Unschuldsvermutung. Svetits sagt auf Anfrage nur, er habe das Gutachten noch nicht durchgelesen, eines sei ihm aber bereits aufgefallen: „Die Zahlungsunfähigkeit soll im August 2001 vorgelegen sein. Ich bin bereits im Mai 2001 als Präsident ausgeschieden.“ Rudolf Roth erklärt im News-Gespräch zu den Vorwürfen: „Ich kann überhaupt nichts dazu sagen.“ Er habe das Gutachten noch nicht gelesen.

Die Wiener Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft wird nun auf Basis des vorliegenden Gutachtens entscheiden, ob spät, aber doch strafrechtliche Konsequenzen zu ziehen sind. Der Ermittlungsaufwand war jedenfalls enorm: Allein das 2070-seitige Gutachten hat knapp über eine Million Euro gekostet.

Die vielen verbliebenen Fans des GAK sehnen derweilen den Meistertitel herbei. In der Unterliga zwar, aber dafür – mit Sicherheit – ehrlich erworben.

fleckl.rainer@news.at

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