"Terrorgefahr war nie größer als derzeit": Scotland Yard warnt vor neuen Anschlägen

Vor allem Busse & Bahnen gelten als mögliche Ziele

Es war ein beunruhigender Auftritt, den der Antiterror-Chef von Scotland Yard in London hinlegte. Nur wenige Tage vor dem Jahrestag der blutigen Anschläge vom 7. Juli 2005 warnte Peter Clarke, dass die Terrorgefahr nie größer gewesen sei als derzeit. Die Erkenntnisse der Geheimdienste ergäben ein "sehr, sehr beunruhigendes Bild". Zwar hätten die Behörden seit den Selbstmordanschlägen vor einem Jahr drei bis vier mögliche neue Angriffe abgewehrt, doch die Gefahr bestehe weiter. In 70 Fällen werde derzeit in Großbritannien mit Verdacht auf Terrorismus ermittelt. Zum entspannten Zurücklehnen gebe es also keinerlei Anlass, warnte Clarke seine Landsleute.

Doch dieser Warnung bedarf es eigentlich gar nicht. Gerade jetzt kurz vor dem Jahrestag ist die Erinnerung an das schreckliche Geschehen allen präsent. Vier islamistische Selbstmordattentäter hatten sich praktisch zeitgleich am 7. Juli 2005 an verschiedenen Punkten der Londoner U-Bahn und in einem Bus in die Luft gesprengt. Sie rissen 52 Menschen mit in den Tod, verletzten Hunderte - und erschütterten das Sicherheitsgefühl von Millionen Briten.

Beunruhigend war aus Sicht der Ermittler vor allem, dass es sich bei den Tätern um "ganz normale junge Männer" handelte. Der 30-jährige Mohamed Sidique Khan, der 22 Jahre alte Shahzad Tanweer und der mit 18 Jahren jüngste im Bunde, Hasib Hussain, waren zwar alle pakistanischer Herkunft und moslemischen Glaubens. Aber die in Großbritannien geborenen Männer waren in ihrer Heimatstadt Leeds im Norden des Landes nie als extremistisch aufgefallen. Der 19-jährige Germaine Lindsay wiederum war erst vier Jahre vor der Tat zum Islam konvertiert. Der Sohn einer Jamaikanerin war verheiratet und junger Familienvater.

Alle vier Täter lebten ein scheinbar ganz normales Leben - ebenso wie Millionen andere Männer mit moslemischen Glauben in Großbritannien. Unter ihnen oder anderen Fehlgeleiteten mögliche Attentäter herauszufiltern, erscheint bei allen Bemühungen der Geheimdienste so gut wie unmöglich. Zwar warten Clarke zufolge rund 60 Verdächtige derzeit wegen Terrorismusverdachts auf ihren Prozess, "doch die Zahl der Fälle scheint immer weiter zu steigen". Dies lasse Geheimdienste und Behörden an den Grenze ihrer Möglichkeiten kommen.

Allein im Zusammenhang mit den Anschlägen vor einem Jahr wurden 13.353 Menschen befragt, 29.500 Hinweise überprüft und 6000 Stunden Aufnahmen von Überwachungskameras ausgewertet. Das Ergebnis: Die vier Männer handelten offenbar allein, finanzierten ihr insgesamt 12.000 Euro teures Vorhaben allein und bastelten auch die 2,5-Kilo-Bomben selbst. Und sie suchten sich mit U-Bahn und Bus offenbar bewusst besonders anfällige Ziele, die auch heute noch als am meisten gefährdet gelten.

"Unter Sicherheitsaspekten ist der Schwachpunkt öffentlicher Verkehrsmittel, dass sie für jedermann offen sind", formulierte es unlängst Tim O'Toole, Londons Transportchef. Mehr als eine Milliarde Menschen nutze beispielsweise jährlich die U-Bahn der britischen Hauptstadt, sie könnten unmöglich alle kontrolliert werden.

Zwar werden als Konsequenz aus den Anschlägen derzeit beispielsweise alle 12.000 Überwachungskameras in den Zügen und U-Bahnhöfen auf den neuesten Stand gebracht. Und es wird an einem eigenständigen Kommunikationssystem für die Rettungskräfte gearbeitet, die bei den Anschlägen vor einem Jahr nicht miteinander in Kontakt treten konnten, weil das Handynetz der Hauptstadt kollabierte. Alles in allem fühlen sich die Verantwortlichen inzwischen laut O'Toole besser gerüstet. "Die magische Schutzformel aber hat noch niemand gefunden."

(apa/red)