Josefstadt von

"Terror": Im Zweifel
für die Angeklagte?

Julia Pölsler inszenierte Ferdinand von Schirachs Gerichtsstück mit einem formidablen Damen-Ensemble

Josefstadt - "Terror": Im Zweifel
für die Angeklagte? © Bild: © Jan Frankl

Ein deutscher Kampfpilot schießt ein Passagierflugzeug mit 164 Insassen ab. Es gibt keine Überlebenden. Die Maschine wurde auf ein ausverkauftes Stadion während eines Länderspiels zugesteuert. Zuvor hatte der Lufthansa-Pilot die Entführung gemeldet. Der Kampfpilot wird festgenommen, denn er hat gegen Befehl und Gesetz gehandelt.

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Ferdinand von Schirach, der selbst einige Jahre als Strafverteidiger praktiziert hat, macht die Verhandlung zum packenden Theaterstück. Der österreichische Filmregisseur Julian Pölsler hat an den Kammerspielen Schirachs Gerichtsthriller ausschließlich mit Schauspielerinnen besetzt. Das weist den grandiosen Personenführer Pölser aus. Denn er inszeniert damit das Publikum auf eine gewisse Art gleich mit. Denn die Besucher sind Schöffen. Sie stimmen über schuldig oder nicht schuldig ab. Ferdinand von Schirach geht es um die Frage, ob man Leben gegen Leben aufwiegen darf. Pölsler geht noch einen Schritt weiter und fragt, nach der Objektivität des Einzelnen. Würde man anders reagieren, wenn die Angeklagte ein Mann wäre?

Terror von Ferdinand von Schirach
© Erich Reismann Photography Julia Stemberger (Vorsitzende), Susa Meyer (Nelson, Staatsanwältin), Alexandra Krismer (Christine Lauterbach), Gioia Osthoff (Wachtmeisterin)

Walter Vogelweider hat eine schlichte, dunkle Bühne geschaffen, die Ähnlichkeit mit Gerichtssaal suggeriert, aber dennoch die Theatersituation bestehen lässt. Das entspricht auch Ferdinand von Schirachs Text. Er hat vor allem die Plädoyers des Staatsanwalts und des Anwalts so gehalten, dass sie wenig emotionalisieren. Im Gegenteil, eher würde man nach jedem einzelnen für die gegnerische Seite stimmen. Und das spricht keineswegs gegen die Darstellerinnen Susa Meyer (Staatsanwältin) und Martina Stilp-Scheifinger (Anwältin), sondern für den Autor, der die Zuschauer als genauen Beobachter und Entscheidungsträger fordert.

Julia Stemberger als Richterin und Pauline Knof als Angeklagte Lara Koch haben sich durch ihr ausdrucksstarkes Spiel und ihre Bühnenpräsenz ins Zentrum des Ensembles manövriert.
Am Ende stimmten bei der Premiere 223 Besucher die Angeklagte frei, 123 plädierten für schuldig.
Ferdinand von Schirachs Unternehmung, zum Nachdenken anzuregen, hat ihr Ziel erreicht.

© Erich Reismann Photography Julia Stemberger

P. S. Die Rezensentin hat für schuldig plädiert. Wenn Sie wissen wollen, weshalb, lesen Sie jetzt weiter. Wenn Sie sich aber die Spannung für den Theaterabend, und ein unvoreingenommenes Urteil gewährleisten wollen, setzten Sie Ihre Lektüre erst nach Ihrem Theaterbesuch fort.

Denn die Rezensentin begründet ihr Urteil keineswegs emotional, sie ließ sich auch nicht von den eher wenig überzeugenden Plädoyers der Staatsanwältin und der Anwältin beeinflussen, weder von der Zeugin, (Alexander Krismer), deren Gatte im Flugzeug umgekommen war und der ihr noch per SMS mitgeteilt hat, man würde versuchen den Terroristen zu überwältigen, sondern hörte genau auf die Worte der Angeklagten. Und die waren genug. Denn Lara Koch beteuerte, dass sie jederzeit wieder so handeln und jederzeit wieder Zivilisten töten würde, wenn sie damit eine größere Menge von Menschen retten könnte, auch wenn es dem Gesetz widerspricht. Ihr Argument: Wer ein Flugzeug besteigt, müsse damit rechnen, abgeschossen, also getötet zu werden. Ähnlich argumentiert man in patriarchalischen Gesellschaften in Bezug auf Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen werden. Selber schuld, warum steigt sie denn allein in den Bus, oder warum geht sie denn allein spazieren? Im Falle Lara Koch aber gilt es zu fragen: Weshalb sollen Menschen, die ein Flugzeugt besteigen, kein Recht auf Schutz haben, und jene, die ein Stadion besuchen schon?
Urteilen Sie selbst.

Sehen Sie hier den Trailer zum Stück: