Terror von

Stell dir vor, es gibt eine
Terrormiliz und keiner macht mit

Terror - Stell dir vor, es gibt eine
Terrormiliz und keiner macht mit © Bild: Gerhard Westrich / laif / picturedesk.com

Zwei Tage vor dem Berliner Terror besuchte Katharina Possert den Weihnachtsmarkt und späteren Anschlagsort. Die Mutter beschreibt ihre Gefühle und wie sie jetzt um eine Haltung ringt.

Zwei Tage vor dem Berliner Attentat war ich auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Meine 92-jährige Großmutter aus Tirol ist zu Besuch. Berlin im trüben Winter ist kein schöner Ort, aber der funkelnde, glitzernde Ku 'damm ist stattlich. Wir essen Currywurst und trinken Glühwein, ich fahre mit meiner zweieinhalbjährigen Tochter Ringelspiel -und poste ein Foto davon auf Facebook. Die Gedächtniskirche und die Buden drumherum sind ein friedlicher und trotz des Trubels seltsam stiller, schöner Ort. Eine urbane Idylle.

Mit einem Attentat in Berlin hatte ich die ganze Zeit gerechnet. Trotzdem war ich erschüttert, als es passierte.

Schräge Abgeklärtheit

Am Abend danach war ich auf einer Firmenweihnachtsfeier, hatte mich richtig hingezwungen. Obwohl man sich mantramäßig vornimmt, sich die Freude am Leben "von denen" nicht nehmen zu lassen, saß ich wie ein depressiver Zombie in der Ecke. Mir war nur zum Heulen zumute. Ich bin wohl eher der Typ für eine offensive Trauerbewältigung, dieses Wenig-darüber- Reden oder auch Gar-nicht-darüber-Reden in den Tagen danach in Berlin, das fand ich fast bizarr. Die Medien haben die Berliner gelobt, wie sie unbeeindruckt weitermachen, dem Terror keinen Raum für Angst und Panik geben. Ich fand diese fast abgeklärte Stimmung unmittelbar nach dem Attentat bedrückend und schräg.

Unsere westliche Gesellschaft hat kaum brauchbare Traditionen oder Rituale, um mit Trauer umzugehen. Nicht mit privater Trauer, aber offenbar auch nicht mit kollektiver Trauer. Wir machen das alle so irgendwie, vor allem aber mit uns alleine aus. Ich frage mich, warum sind die Berliner so dermaßen gelassen? Ist es wirklich dieser vernünftige, bewusste Anti-Terror-Trotz, stumpfe Abgeklärtheit (hat uns die 24/7-Live-Berichterstattung vom München-Attentat schon so abgehärtet?) oder ist es vielleicht ein Stück weit auch die Unfähigkeit, Gefühle dieser Art überhaupt zu äußern? Mir kommt Israel in den Kopf: Dieses verstörende Nebeneinander von widerstandsfähiger Lebensfreude und dem gleichzeitig vollen Bewusstsein darüber, dass es jederzeit aus sein kann.

Mit Abstand ist es jetzt für mich gerade einfach nur traurig, zu akzeptieren, dass auch wir nicht in Frieden leben werden. Ein kleiner naiver Teil von mir dachte lange Zeit, dass es vielleicht doch noch irgendwie zu schaffen wäre: Gerechtigkeit, Stabilität und Frieden auf der Welt.

Richtig wählen, richtig reisen, die richtigen Petitionen unterschreiben, korrekt einkaufen, sinnvoll spenden, sich informieren, sich sozial engagieren. Tun, was man eben tun kann.

"Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin." Dieser Spruch der Friedensbewegung aus meiner Kindheit wirkt heute merkwürdig, aus der Zeit gefallen. Meine Generation -ich bin in den späten 70ern geboren - hatte diesbezüglich wohl bisher einfach saumäßiges Glück. Wenn es um Terrorangst geht, werden oft Statistiken bemüht, um die Leute mit harten Fakten zur Vernunft zu schütteln. Die reale Gefahr, einem Anschlag zum Opfer zu fallen, mag zwar in den 70ern und 80ern genauso groß oder sogar größer gewesen sein als jetzt -ich finde es dennoch müßig, diesen Vergleich zu strapazieren. Spanien hatte die ETA, England die IRA und Deutschland die RAF. Jedes Land hatte seinen eigenen Terror und dieser wiederum seine eigenen Interessen, mit denen man zum Teil auch noch heimlich sympathisierte. Die Welt war nicht so vernetzt und ineinander verwachsen. Brüssel, Paris, Berlin: Es macht keinen Unterschied mehr. Die Basken mit ihren Themen waren -so stelle ich mir vor - weit weg. Geografisch wie emotional.

Die Gefahr, die Flüchtlingsdebatte mit dem Terrorthema zu vermischen, ist natürlich groß. Man muss sich richtig konzentrieren, es nicht zu tun, und bewusst die Dinge auseinanderklauben. Die Weltlage ist so wahnsinnig kompliziert, eine schnelle, einfache Analyse gibt es nicht. Wir dürfen nicht aus Bequemlichkeit jenen Parteien in die Arme laufen, die behaupten, es sei einfach.

Was sollen wir machen?

Ich merke, wie wir alle um eine Haltung ringen. Betonbarrikaden um Weihnachtsmärkte herumbauen und den Polizisten Schnellfeuerwaffen geben wird jedenfalls nicht helfen. Was will man gegen jemanden unternehmen, der wie zu Silvester in Istanbul das Wachpersonal vor einem Club erschießt, dann wahllos auf Gäste zielt und insgesamt 39 Menschen tötet? Man kann diesen Terroristen nur die Grundlage entziehen. Das Motiv, sich einer hasserfüllten Truppe von Mördern anschließen zu wollen.

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Stell dir vor, es gibt eine Terrormiliz und keiner macht mit. Auch nicht passiv, indem er sich fürchtet.

Auf dem Rückflug vom Weihnachtsurlaub in der Heimat versuche ich meiner Tochter zu erklären, was diese Landkarte auf dem kleinen Bildschirm, die die Flugroute anzeigt, zu bedeuten hat. Dass wir in Wien wegfliegen und uns das Flugzeug in nur einer Stunde nach Berlin bringt, wo wir zu Hause sind. Ich schaue mir die Topografie an, auf der Karte sieht alles gleich aus. Mal mehr Berge, mal weniger. Man möchte meinen, die Welt sei ein homogener Ort. Afrika ist auf dieser Karte nur einen Steinwurf entfernt. Es ist ein reiner Zufall, dass wir hier geboren sind und nicht dort.

Ich habe großes Mitgefühl mit den Menschen, die jetzt unter Generalverdacht stehen, nur weil sie optisch den Terrortätern gleichen. Es ist schockierend, dass wir im Jahr 2017 über "Racial Profiling" diskutieren, also das häufigere Kontrollieren von Menschen wegen ihres Aussehens. Ich merke es an mir selber, in Menschenmengen, zum Beispiel am Flughafen: Ist das ein suspekter Typ da drüben mit dem Rucksack? Schaut der nervös oder wartet der nur auf seine Freundin? Ich habe mir vorgenommen, alle Menschen, die aussehen wie die Männer, die momentan die Weltpresse füllen, offensiv anzulächeln.

Ich wohne in Berlin-Kreuzberg, da werde ich richtig viel lächeln müssen. Das wird meine kleine Alltags-Maßnahme gegen den Terror. Alleine um meiner Tochter zu zeigen, dass wir allen Menschen erst mal positiv begegnen. Wir Großstädter lächeln uns alle sowieso viel zu wenig an.

Ich will nicht in die Falle tappen. Sie dürfen unsere Gesellschaft nicht spalten, die Angst darf uns nicht schwächen, aber die Empathie mit den Opfern des Terrors sollte uns trotzdem nicht abhandenkommen. Genauso wenig, wie uns die Empathie mit Menschen abhandenkommen darf, die im Krieg -einen Steinwurf weit weg -alles verloren haben und die auch nichts anderes wollen als Frieden und Sicherheit für sich und ihre Kinder. Die Vorstellung einer gleichgültigen Gesellschaft finde ich genauso gruselig wie den Gedanken an den aufkeimenden Rassismus.

Cool bleiben, aber nicht gefühlskalt werden. Irgendwie so.

© Knut Koops

Zur Verfasserin: Katharina Possert ist Filmproduzentin und lebt mit ihrer Familie seit 2009 in Berlin. Die Grazerin wohnt im Stadtteil Kreuzberg, wo jeder dritte Bewohner Migrationshintergrund hat. Die Gentrifizierung, also der Zuzug von besser Gebildeten und besser Verdienenden, beginnt dies zu verändern.

Kommentare

parteilos melden

Stell dir vor, jeder denkt realistisch und lässt nur Menschen in sein Land die keiner Relgion hörig sind?
Stell dir vor, jeder denkt realistisch und lässt nur Menschen in sein Land die auch Arbeit finden können?
Stell dir vor, jeder denkt realistisch und lässt nur Menschen in sein Land die unsere Werte für sich selbst übernehmen wollen?

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Menschen wo durch eine potentielle Gefahr ausgeht, dürfen nicht ins Land gelassen werden, auch nur wenn nur ein Bruchteil von Gefahr zu erkennen ist. Die meisten vergessen, wir haben eine Verantwortung unserer selbst, und darf nicht fahrlässig abgehandelt werden.
"Stell dir vor, es gibt eine Terrormiliz und keiner macht mit. Auch nicht passiv" selten so was blödes gelesen.

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