Terrence Boyd von

"Hauptsache, wir sind Meister"

Der Rapid-Neuzugang weiß, was er will und hat das Zeug zum Publikumsliebling

Terrence Boyd - "Hauptsache, wir sind Meister" © Bild: GEPA/Ort

Terrence Boyd ist gekommen, um mit Rapid Titel zu gewinnen. Das hat der 21-Jährige Neuzugang klargestellt, als NEWS.AT ihn im Trainingslager mit seinem neuem Verein besucht hat. Aber wie tickt der US-Nationalstürmer und was kann er? Wir haben ihm in Windischgarsten zwischen Training und Rafting auf den Zahn gefühlt und einen sympathisch-zielstrebigen Kicker mit dem Zeug zum Publikumsliebling getroffen.

Herzlich willkommen in Österreich. Wie sehen die ersten Eindrücke aus?
Terrence Boyd: "Ich wusste vorher schon, dass Wien eine sehr schöne Stadt sein soll und das hat sich auch bestätigt. Die ein, zwei Mal wo ich jetzt trainingsfrei hatte, war ich in der Innenstadt. Es ist sehr lebhaft und sieht auf jeden Fall sehr schön aus."

Was hast Du vom österreichischen Fußball und speziell auch Rapid gewusst, bevor du hergekommen bist?
"Von der Liga wusste und weiß ich nicht so viel, nur die Basics. Ausschlaggebend für den Wechsel war ja auch der Name Rapid, weil es schon eine große Chance ist, für so einen Club zu spielen. Die Europa League ist ein Bonus. Es wäre schön, wenn wir es in die Gruppenphase schaffen."

Ist es ein logischer Karriereschritt, aus den zweiten Mannschaften deutscher Bundesligisten zu Rapid zu kommen?
"Logisch nicht. Gerade in meiner Situation ist es üblich, in die zweite Bundesliga zu wechseln, um Spielpraxis zu bekommen. Man wird ausgeliehen und kommt dann wieder zurück. Ich wollte es aber gleich richtig versuchen und es in einer ersten Liga schaffen. Nach dem, was ich jetzt von Rapid in Gesprächen mit Trainer und Manager gehört habe, denke ich, dass ich hier die besten Perspektiven habe. Es ist zwar ein Risiko für mich, ins Ausland zu gehen, aber ich denke, der Schritt wird der richtige gewesen sein."

Gab es Angebote aus Deutschlands zweiter Liga?
"Ja, ich nenne aber keine Namen. Ich hatte mich auch schon mit einem Trainer getroffen, bevor das mit Rapid überhaupt kam. Bei der Option zweite Liga oder Rapid war das für mich aber keine große Überlegung. Für mich stand sofort fest, dass ich zu Rapid gehe."
Hauptsache Meister
Durch den Abgang von Atdhe Nuhiu ist ja sogar mehr Platz im Rapid-Sturm geworden.
"Ich orientiere mich nicht an anderen Stürmern, ich mache einfach, was ich mache. Ob Spieler kommen oder gehen, muss nicht viel heißen. Ich sage immer: Konkurrenz macht einen Spieler stärker. Und von daher muss das nicht unbedingt gut sein für mich. Hauptsache, wir sind am Ende Meister."

Zwischen Deiner Heimat Bremen und Österreich bzw. Rapid gibt es ja eine fast historische Verbindung.
"Ja, mit Andi Herzog, stimmt. Ihn habe ich auch im Bremer Weser-Stadion gesehen, als ich sieben war. Ich glaube 1998 war‘s. Ist schon lustig, dass er im US-Team auf einmal mein Co-Trainer ist."

Die Entscheidung für die USA und gegen Deutschland war ganz bewusst?
"Ja, weil es eben mein Vaterland ist. Für mich ist das auch abgesehen vom Fußball das beste Land. Klar, Deutschland ist auch eine Option gewesen, aber die USA haben sich um mich bemüht, mich schon zur U-20 eingeladen. Dann bin ich gleich da geblieben. Da gab’s auch keine zweite Meinung von mir, dass ich noch überlegen hätte müssen. Ich bin stolz, für die USA spielen zu dürfen."

Du bist aber in Deutschland aufgewachsen, oder?
"Genau. Ein Jahr habe ich als Baby in New York gelebt, dann ist meine Mutter mit mir zurück nach Deutschland gegangen."

Warst Du als geborener Bremer auch immer Bremen-Fan?
"Ich war schon immer Arsenal-London-Fan."

Kann Dein Vater mit Fußball überhaupt was anfangen?
Er war Boxer. Bei der Olympia-Qualifikation im März habe ich die Familie meines Vaters nach zehn Jahren wieder gesehen und habe sie zum Spiel eingeladen. Für sie war es das erste Mal, dass sie ein Fußballspiel gesehen haben. Mein Opa hat gesagt: „Ich schau mir das an und werde von dem komsichen Spiel wahrscheinlich nichts verstehen. Aber gib einfach dein Bestes.“ Sie nehmen das vielleicht nicht ganz ernst, weil natürlich Football, Basketball usw. die großen Sportarten sind.

Was hast du Du, seit Du in Österreich bist, über die Liga und die Clubs schon mitbekommen?
"Klar hab ich schon von Red Bull Salzburg gehört. Und natürlich auch von der Austria. Auf die Derbys bin ich schon sehr gespannt. Ich liebe solche Spiele. Salzburg hat vielleicht Geld, aber man kann das gut mit Dortmund und Bayern vergleichen. Dortmund hat auch nicht die Mittel, die Bayern hat, aber Dortmund ist zweimal in Folge Meister geworden, hat die letzten fünf Spiele gegen Bayern gewonnen. Ich denke, dass kann bei uns auch klappen. Wir sind ein sowas von junges Team. Alle sind hungrig, alle wollen noch viel in ihrer Karriere erreichen. Ich weiß nicht, wie es mit der Erfahrung bei uns aussieht. Aber wenn wir unser Spiel machen, dann können wir auf jeden Fall Meister werden."
Ich will Meister werden
Du bist also nicht der Typ, der mit einer guten Platzierung zufrieden ist?
"Ich bin jetzt zum Rekordmeister gekommen und da will ich Meister werden. Da gibt’s keine Frage. Klar, ich kann noch nichts über die österreichische Liga sagen, weil ich selber noch nicht gespielt habe. Da kann ich mir nicht anmaßen darüber zu reden, wie gut die Liga ist. Aber wenn ich beim Rekordmeister spiele, dann muss mein Ziel auch sein, Meister zu werden."

Du hast auch das Derby angesprochen. Kriegt man das als Neuer sofort mit, dass diese Spiele etwas Besonderes sind?
"Natürlich. Auch bei der Wohnungssuche haben sie mir gleich gesagt, dass ich auf jeden Fall in bestimmten Bezirken bleiben muss. Und auch, dass es gut wäre, wenn ich am ersten Tag nichts Violettes anziehen würde. Ich habe das auch bei Dortmund und Schalke schon mitbekommen. Mit so einer Rivalität sind das ganz andere Spiele, das hat immer Endspielcharakter. Ich liebe es auch, wenn man auswärts spielt und gehasst wird. So etwas pusht mich. Das ist geil."

Das erste Derby kommt ja schon in der dritten Runde – und zwar als Rapid-Heimspiel.
"Ja, da freue ich mich schon drauf."

Noch zu Dir persönlich. Hattest oder hast Du ein großes Vorbild im Fußball?
"Ich war früher ein großer Fan von Thierry Henry. Er war eine Tormaschine. Schnell und eiskalt. Aber jetzt habe ich kein Vorbild. Ich will selber eines werden."
Riesenfußballer Balotelli
Die große Diskussion Ronaldo oder Messi?
"Ich bin ein ganz anderer Spielertyp. Ich orientiere mich daher eher an Spielertypen, die mir ähnlich sind. Wen ich derzeit überragend finde ist Mario Balotelli. Egal, was für Scheiße er baut oder wie dumm der Junge angeblich sein soll, er ist trotzdem ein Riesenfußballer. Den schaue ich mir schon gerne an."

Wie klappt es mit der Sprache in Wien? Verstehst Du alles?
"Zu 90 Prozent. Nur manchmal, wenn übertrieben mit dem Kauderwelsch angefangen wird, wird es schwierig. Bei manchen Fans verstehe ich manchmal echt nichts und muss ein zweites Mal nachfragen. Schon lustig."

Wie war der Kontakt zu den Rapid-Fans bisher?
"Positiv. Lustig ist aber, dass mich ungefähr 30 Prozent der Fans auf Englisch ansprechen. Da hört man schon lustige Sachen. Aber soweit ich das bisher mitbekommen habe, sind das überragende Fans. Sehr leidenschaftlich. Wir sind bei jedem Freundschaftsspiel super von ihnen empfangen worden. Im Spiel gegen Dundee habe ich zum ersten Mal die Rapid-Viertelstunde erlebt, als alle angefangen haben, zu klatschen. Ich habe mich gefragt, was da los ist."

Die Sache mit dem Englisch kann Dir in Österreich als Nationalspieler aber auch passieren.
Ja, das mit Alaba habe ich gehört. Das ist schon seltsam. Gerade Alaba, der Fußballer des Jahres in Österreich geworden ist. Den könnte man schon kennen.

Hast Du schon mit Österreichern im Fußball zu tun gehabt?
"Marco Djuricin ist ein sehr guter Freund von mir. Ein überragender Fußballer. Ich hoffe, dass er jetzt den Durchbruch bei Hertha auch schafft. Stefan Petrovic und aus St. Pölten Richard Strebinger, der jetzt bei Werder Bremen dritter Tormann geworden ist, waren auch mit mir im Hertha-Internat. Was ich von der Jugend her sehe, wird Österreich in den nächsten Jahren Freude haben mit dem Nationalteam."

Du bist ja noch ein sehr junger Spieler. Gibt es trotzdem schon Gedanken über ein Karriereziel oder einen Karrieretraum?
"Spieler werden an Titeln gemessen. Das ist auf jeden Fall ein Ansporn. Ich will mir einfach einen Namen machen. Ich will, dass man in 50 Jahren über Terrence Boyd redet und sagt: „Das war ein echt geiler Stürmer.“ Ich will mir etwas aufbauen. Ich will einfach so viele Tore wie möglich schießen in meinem Leben und so viel wie möglich rausholen."
Beidfüßig und kopfballstark
Wie würdest Du dich als Spieler charakterisieren? Was bist Du für ein Spielertyp?
"Ich beschreibe mich eigentlich nicht gerne selber, das müssen andere beurteilen. Aber ich bin ein klassischer Mittelstürmer. Defensiv bin ich der Erste, der attackiert, der die Verteidiger zu Fehlern im Spielaufbau zwingt. Offensiv versuche ich immer den Torabschluss zu suchen. Ich gebe alles, dass ich irgendwie zu Toren oder Vorlagen kommen. Ich bin kopfballstark und beidfüßig."

Wie sieht es außerhalb des Fußballs aus? Wer ist der Typ Terrence Boyd?
"Der Typ ist eigentlich sehr faul. Meistens bin ich zuhause, liege auf der Couch und schaue mir US-Serien an. Ich zieh mir immer die ganzen Staffeln durch, bis ich nicht mehr weiß, was ich machen soll. Jetzt bin ich gerade wieder bei „Prince of Bel-Air“. Das ist auf Englisch sehr lustig. Aber ich gehe auch gern ins Kino, gehe gerne Shoppen, gerne ins Cafe."

Wie hast du den Club bisher wahrgenommen? Wie sehen die ersten Eindrücke aus?
"Ich muss nur Fußball spielen, der Rest wird gemacht. Das Auto organisiert der Club, die Wohnung auch – es kümmern sich alle sehr gut um mich."

Das klingt nach dem idealen Wechsel.
"Das wird man am Ende der Saison sehen. Aber ich glaube schon, dass es die richtige Entscheidung war. Weil bis jetzt habe ich gar nichts zu bereuen. Das ist alles sehr positiv hier bei Rapid."

Zur Person:
Terrence Boyd, geboren im Februar 1991, ist der Sohn eines US-Amerikaners und einer Deutschen und in Bremen aufgewachsen. In der Saison 2008/2009 wechselte Boyd ins Nachwuchssystem von Hertha BSC und erzielte in 44 Einsätzen für die Amateure 15 Tore. In der Saison 2011/2012 spielte Boyd dann für die zweite Mannschaft Borussia Dortmund, wo er in 32 Spielen 20 Tore erzielte. In der Bundesliga kam er zu keinem Einsatz, wurde aber im Oktober 2011 gegen Köln erstmals in den Profi-Kader berufen. Seine Premiere im US-Nationalteam gab der Stürmer im Februar 2012, als er beim 1:0-Sieg gegen Italien eingewechselt wurde.