Fakten von

"Das ist echt eine Mafia"

Der gesperrte Ex-Tennisprofi Daniel Köllerer über Spielmanipulationen im Tennis

GOLF, TENNIS - GTM Trophy 2015 © Bild: GEPA pictures

Der Zeitpunkt war gut gewählt: Pünktlich zum Auftakt der Australian Open ließen die BBC und das Onlinemedium Buzzfeed mit Enthüllungen aufhorchen, wonach 16 der weltweit besten 50 Tennisprofis in den vergangenen zehn Jahren in Spielabsprachen verwickelt gewesen sein sollen. Die Informationen basieren auf geheimen Unterlagen, Namen wurden noch keine genannt.

Teil der BBC-Reportage ist auch der Österreicher Daniel Köllerer, der aufgrund seiner Wutausbrüche einst als Bad Boy bekannt und die Nummer 55 im Profitennis war. Im Jahr 2011 wurde der heute 32-Jährige wegen angeblicher Spielmanipulationen lebenslang gesperrt. In der BBC berichtet Köllerer nun, als Aktiver selbst drei Mal von der Wettmafia angesprochen worden zu sein. News erreichte Daniel Köllerer in der Dominikanischen Republik.

Herr Köllerer, in der BBC-Reportage erklärten Sie, in Ihrer Karriere insgesamt drei Mal – nämlich in Moskau, in Chennai und in Paris – Angebote zur Spielmanipualtion erhalten und abgelehnt zu haben. Wie darf man sich das vorstellen? Wie sind diese Anbahnungsversuche abgelaufen?
Zwei Mal telefonisch, ein Mal wurde ich persönlich angesprochen.

Kamen diese Kontaktpersonen gleich zur Sache?
In Chennai war das so: Ich sollte gegen Nikolay Davydenko spielen. Der Anrufer – ich geh mal davon aus, dass es vom Akzent her ein Russe war – fragte, ob ich fit bin. Ich sagte: Ja, ich bin fit. Er sagte, er biete mir 50.000 Dollar, wenn ich verliere. Ich sagte: Nein. Er sagte: "To be sure, you get 25.000 before the match and 25.000 after the match." Ich antwortete: "No, I don’t want." Er meinte: Denk darüber nach. Vielleicht kannst du mehr bekommen, wenn du mehr magst. Ich sagte: Nein, ich will weder 50.000 Dollar noch will ich mehr haben. Dann hat er okay gesagt – und aufgelegt. Ich habe das dann gleich dem Tennis-Supverisor gemeldet.

Und die beiden weiteren Versuche sind ähnlich abgelaufen?
Ja. In Moskau wurde ich persönlich angesprochen, beim Abendessen. Das habe ich auch gleich gemeldet. Anfang des Jahres müssen Profispieler immer einen einseitigen Vertrag mit der ATP unterzeichnen: Darin steht unter anderem, dass man derartige Angebote sofort melden muss. Ebenso, wenn man den Verdacht hat, dass Insiderinformationen rausgegangen sind. Tut man das nicht, und kommt später heraus, dass man davon gewusst hat, kann auch das zu einer zweijährigen Sperre führen. So hat der Zettel damals ausgeschaut.

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Warum kommen die aktuellen Enthüllungen über mutmaßliche Betrügereien im Tennis für Sie nicht überraschend?
Ich habe immer wieder Gespräche im Tenniszirkus mitbekommen oder mitgehört: Da hat der eine Spieler gesagt, ihn zipft’s da an, er verliert morgen, er fährt heim morgen und will sich auf das nächste Turnier vorbereiten. Aber ich war halt nicht der Typ, der sofort schreit: Entschuldigung, ich weiß was! Nicht nur, weil ich der Bad Boy der ATP war, Schläger zerstört und Schiedsrichter geschimpft habe; ich muss nicht irgendjemandem in den Hintern kriechen, damit ich andere Spieler verpfeife. Das bin ich nicht und das tu ich nicht. Jeder muss selbst wissen, was er tut. Wenn der eine dopt, dann soll er dopen. Und wenn der andere absichtlich seine Partien mit weniger Motivation spielt, weil er heimfahren will, dann ist das seine Geschichte – und mir verdammt egal. Das hat mich kalt gelassen, da hab ich natürlich nichts gesagt. Wenn es aber um Manipulation ging und es mich selbst betroffen hat, dann habe ich mich so verhalten, wie es in dem Wisch stand, den ich unterschreiben musste. Sonst haben sie mich selbst am Krawatt’l. Also: dass Manipulationen zunehmen, war mir klar.

Warum?
Ein anderes Beispiel: Als ich noch aktiv war, ist ein Wettanbieter an meinen Manager herangetreten und wollte mich sponsern. Dann haben wir bei der ATP angefragt und es hieß: Nein, wir dürfen keine Gelder von Wettanbietern annehmen. Und komischerweise, wie’s der Teufel will: drei Monate später spiele ich das ATP-Turnier in Zagreb. Über dem Center-Court hängt ein riesengroßer TV-Würfel. Und oben läuft auf allen Seiten exakt die Werbung von jenem Wettanbieter, von dem ich ein tolles Angebot hatte. Ich war so zornig, ich kann das gar nicht in Worte fassen. So korrupt sind die. Wir dürfen kein Geld nehmen, aber sie selbst lassen nichts aus. Das ist echt eine Mafia, das ist ganz ganz schlimm.

Könnten auch die weltbesten Spieler in Manipulationen verwickelt sein?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Spieler aus den Top-4 ein Match manipuliert. Dass einer so dumm ist, das glaube ich einfach nicht. Diese Leute sind zigfache Multimillionäre und würden ihre ganze Repuation, ihre Glaubwürdigkeit, ihr ganzes Image auf’s Spiel setzen. Für die absoluten Topspieler sind 500.000-Dollar-Beträge lächerlich, so etwas spürt ein Roger Federer ja nicht einmal. Warum sollte der eine Partie für 500.000 absichtlich verlieren, wenn er 40 Millionen auf dem Konto hat? Das ist ja lächerlich, für den ist das ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Trotzdem meinen Sie, dass die ATP Spieler schützt. Wie kommen Sie darauf?
Ich bin fest davon überzeugt: Die ATP schützt eher Spieler, die für die Tour wichtig sind als Spieler wie mich. Ich war einfach für die ATP-Tour nicht wichtig. Ich hatte drei, vier positive Aufreger, spielte das längste Dreisatz-Match in der Geschichte des Tennis, das war’s aber auch. Ansonsten war ich der ATP verdammt egal. Ob da jetzt der Köllerer spielt oder der Hans Maier aus Hintertupfing, das war denen wurscht.

Sind Sportfunktionäre Teil des Problems? Im Doping-Bereich etwa - Stichwort Leichtathletik und Russland – scheint es, dass Verbände lieber zudecken anstatt aufzuklären, um ihre Sportart auch im Hinblick auf Sponsoren möglichst skandalfrei zu halten?
Auf den Punkt gebracht: Wenn die ATP einen Djokovic, einen Murray, einen Federer oder einen Nadal sperrt, dann ist das wie Selbstmord. Sie würden den Sport selbst killen. Ich habe einmal, als ich Wien trainiert habe, bei einer Gastfamilie gewohnt. Der achtjährige Bub hatte eine ganze Wand mit Tennisspielern tapeziert, am meisten taugte ihm Rafael Nadal. Ich sagte: Was wäre, wenn ich dir sagen würde, dass der Nadal vielleicht Sachen nimmt, damit er länger laufen kann? Der Bub sagte: "Nein, nein, nein." Auf einmal sind die Gerüchte in der Zeitung gestanden, und der kleine Bub hat die Poster von der Wand gerissen. So denken nämlich kleine Kinder. Schon der kleine Bub meinte, er fände das nicht fair, wenn jemand schummelt. Wenn Federer oder Nadal irgendwie nur etwas damit zu tun hätten, kann das Tennis einpacken. Dann ist das Business bankrott. Da hängen auch die Sponsoren, die großen Ausrüster, die Hersteller dran.

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Ist Tennis jene Sportart, in der relativ gefahrlos manipuliert werden kann, weil es – im Gegensatz zum Fußball – nicht mehrere bestochene Spieler bzw. Mitwisser braucht?
Es ist nirgendwo einfacher als im Tennis. Außer, du bist Fußballer und bekommst viel Geld angeboten, damit du dir eine Rote Karte holst.

Sie wurden 2011 lebenslang gesperrt. Nun verlangt ATP-Chef Chris Kermode Beweise, um mutmaßlich involvierte Spieler "sanktionieren zu können“. Haben Sie den Eindruck, dass mit zweierlei Maß gemessen wird?
Kermode meint jetzt, auf Basis von Vermutungen und Gerüchten könne man keine Ermittlungen aufnehmen. In meinem Fall konnte man trotzdem eine lebenslange Sperre aussprechen. Natürlich wird mit zweierlei Maß gemessen, da sind wir wieder beim Bauernopfer. Wir opfern lieber einen, der uns original nichts bringt als einen Topstar. Nur darum geht’s. Entweder ich bin schuldig oder nicht. So wie’s bei mir war – lebenslang gesperrt, aber die 100.000-Dollar-Geldstrafe lassen wir am Ende wieder weg – passt das ja hinten und vorne nicht zusammen.

Auch im Doping scheint es, als würden nur selten Spitzenleute aus dem Verkehr gezogen.
Wie lange hat der Radverband alles zugedeckt, damit Lance Armstrong geschützt wird? Oder, nächste Frage: Wie viele Bauernopfer sind gefallen, um Armstrong zu decken? Natürlich wäre es für mich eine Genugtuung, wenn sich jetzt etwas bewegt. Weil das, was ich im Jahr 2011 nach meiner Sperre erlebt habe, das wünsche ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind. Mein Haus wurde mit Orangen beworfen, es war völlig verdreckt, als würde das größte Schwein dort wohnen. Ich bin mit meiner kleinen Tochter in Linz auf der Straße spazieren gegangen – die Kleine war drei Wochen alt –, da haben mich Menschen bespuckt und gesagt: "Bei dir wär’s besser, du würdest verrecken; Leute wie dich brauchen wir hier nicht in Österreich!" Ich dachte mir: Was wollt ihr? Ich habe nichts getan. Ich bin ohne Beweise lebenslänglich gesperrt worden.

Werden Sie gegen die Sperre noch einmal vorgehen?
Das geistert angesichts der aktuellen Entwicklungen durch meinen Kopf. Wenn der ATP-Chef sagt, ohne Beweise kann man gegen keinen Spieler vorgehen, dann müsste das auch für mich gelten. Vielleicht kann ich in Österreich und Deutschland wieder Preisgeldturniere spielen. Oder Liga. Das wäre einer meiner größten Träume. Denn das Schönste, was ich bisher in meinem Leben hatte, waren Spiele, bei denen ich meine kleine Tochter dabei hatte.

Wie weit hat sich Ihr Leben nach der lebenslangen Sperre verändert?
Ich habe meine Ausbildungen zum Investment-Banker gemacht. Und bin in dem Business so erfolgreich, dass ich schön davon leben kann. Leider Gottes ist die Beziehung zur Mutter meiner Tochter drauf gegangen. Aber wir verstehen uns sehr gut. Für mich ist das Wichtigste, dass es meiner Tochter gut geht.

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