Telekom-Ausstieg sorgt für Reaktionen:
Deutschland nur noch "Radsport-Provinz"

Die Österreich-Rundfahrt verliert ihren Großsponsor Auch adidas zieht sich aus dem Radsport zurück

Telekom-Ausstieg sorgt für Reaktionen:
Deutschland nur noch "Radsport-Provinz"

Die Veranstalter der Österreich-Radrundfahrt 2008 müssen nach dem Ausstieg von T-Mobile einen neuen Großsponsor suchen. Nachdem der Mutterkonzern Deutsche Telekom sein Engagement im Radsport beendet hat, fehlt bei der 60. Auflage in Österreich einer der wichtigsten Geldgeber. Tour-Direktorin Ursula Riha zeigte sich überzeugt, dass sie Ersatz finden würde. "Die Jubiläumsrundfahrt sehe ich zurzeit nicht in Gefahr", erklärte Riha.

"Der Rückzug aus dem Team-Sponsoring ist für mich nachvollziehbar. Schade ist nur, dass dieser Rückzug weitere Kreise zieht und auch Veranstalter wie der der Österreich-Rundfahrt und Deutschland-Tour betroffen sind", betonte Riha via Aussendung. Derzeit wird am Streckenplan gearbeitet und nun auch intensiv nach neuen Partnern gesucht.

Nach dem Ende ihres Radsport-Engagements sucht die Deutsche Telekom vorerst kein Ersatz-Sponsoringfeld. "Es sei nicht daran gedacht, "jetzt kurzfristig in eine andere Sportart zu investieren", sagte Der Konzern habe ein starkes Standbein im Fußball und engagiere sich im Basketball. "Wir werden sicherlich einer der großen Sportsponsoren bleiben", betonte Althoff.

Ausstieg notwendig
Nach den jüngsten Doping-Enthüllungen sei der Ausstieg notwendig gewesen, so der Leiter des Konzern-Sponsorings, Stefan Althoff. "Wir möchten die Marke T-Mobile, Telekom nicht länger beschädigen lassen und glauben, dass der Radsport auch in Zukunft, zumindest die nächsten Jahre, noch eng mit dem Thema Doping in Verbindung gebracht wird." Der Vorsitzende des deutschen Bundestags-Sportausschusses fürchtet ähnliche Schritte auch in anderen Sportarten. "Ich glaube, dass sich andere Sponsoren überlegen werden, ob sie sich nicht aus der Unterstützung des Sports zurückziehen", sagte Peter Danckert. "Ich habe immer den Standpunkt vertreten, wir können nur einen doping- und manipulationsfreien Sport unterstützen mit Steuermitteln", bekräftigte der Politiker.

Danckert bekundete Verständnis für die Forderung, die Fördermittel für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) nach den jüngsten Vorgängen einzufrieren. Sollte sich bewahrheiten, dass das BDR-Präsidium schon früher von Unregelmäßigkeiten wusste, habe der Verband schwere Zeiten vor sich.

Auch adidas geht
Nach dem Rückzug der Deutschen Telekom hat nun auch der Sportartikelhersteller adidas das sofortige Ende seines Engagements beim T-Mobile-Team beschlossen. adidas werde seinen bis Ende 2008 laufenden Ausrüstervertrag nicht verlängern und "ab sofort nicht mehr als Ausrüster des Teams auftreten", erklärte das Unternehmen aus Herzogenaurach.

Dagegen prüfen die weiteren Co-Sponsoren Giant und Audi ihr Engagement bei der bisherigen T-Mobile-Mannschaft, die unter dem Namen "High Road" und unter dem bisherigen Team-Manager Bob Stapleton weiterfahren will. Dies teilten Europas größter Fahrradhersteller und der Auto-Konzern am Mittwoch mit.

Team besteht weiter
Doch zumindest in den kommenden beiden Jahren ist das Stapleton-Team finanziell bestens ausgestattet. Rund 25 Millionen soll die Telekom nach ARD-Informationen als Abfindung für die Auflösung des bis 2010 gültigen Kontrakts gezahlt haben. adidas und Audi sind vertraglich bis Ende 2008 an das Team gebunden. "Wir werden mit dem Team reden und uns in den nächsten Tagen äußern", kündigte eine Audi-Sprecherin an.

Dem millionenschweren Kalifornier Stapleton ist trotz der ersten Sponsoren-Rückzieher nicht bange. "Wir haben genug Mittel, um die nächsten zwei Jahre weiter zu fahren, ohne einen neuen Sponsor dabei zu haben", sagte der Team-Manager. Politiker aller im deutschen Bundestag vertretenen Parteien äußerten Verständnis für die Entscheidung der beiden Sponsoren. Viele bezeichneten den Rückzug als "überfällig" und "konsequent".

Deutschland wird "Radsportprovinz"
"Ich bin erstmal froh, dass es weitergeht. Das ist das Wichtigste. Wir müssen jetzt nach vorne blicken. Alles Weitere muss ich erstmal sacken lassen", sagte Linus Gerdemann, der im Juli nach seinem Tour-Etappensieg, der ihm für einen Tag das Gelbe Trikot gesichert hatte, als neuer Vertreter der "sauberen Generation" gefeiert wurde. Mit Bernhard Eisel trifft der Telekom-Ausstieg auch einen österreichischen Fahrer direkt. Deutschland droht angesichts der Doping-Enthüllungen zur Radsport-Provinz zu werden. Die Problemsportart habe sich nicht durch die Aussagen des Doping-Kronzeugen Patrik Sinkewitz, "sondern durch Suizidversuche selbst auf die Intensivstation gebracht", sagte Christian Frommert, der Kommunikations-Chef von T-Mobile. Der Anti-Doping-Spezialist Werner Franke kündigte weitere Enthüllungen an.

Auch der neue Platzhirsch, das von Hans-Michael Holczer geleitete Team Gerolsteiner, kämpft nach dem Ausstieg des Mineralwasser-Herstellers zum Ende der kommenden Saison ums Überleben über das Jahr 2008 hinaus. Bei Gerolsteiner sind die beiden Österreicher Bernhard Kohl und Peter Wrolich engagiert.

Riis wehmütig
Der ehemalige Telekom-Tour-de-France-Sieger Bjarne Riis bezeichnete den Ausstieg als "überraschend". Der Däne, der in diesem Jahr permanentes Doping mit dem Ausdauermittel EPO zugegeben hat, sagte in der dänischen Zeitung "Berlingske Tidende": "Ich bin überrascht. Natürlich wird man ein bisschen wehmütig. Aber sie werden wohl ihre Gründe haben." Riis meinte weiter, es sei "schon eine unglückliche Entwicklung", wenn nach Telekom auch andere Hauptsponsoren wie die niederländische Rabobank und der IT-Konzern CSC bei seinem eigenen Rennstall "den Sport verlassen". Erfolgreiche Ex-Stars aus dem CSC-Team des Dänen wie der Italiener Ivan Basso und der US-Amerikaner Tyler Hamilton waren ebenfalls in Doping-Affären verwickelt.

Betroffenheit in Italien
Die Radsportnation Italien hat mit Betroffenheit auf den Ausstieg der Deutschen Telekom aus dem Profi-Radrennsport reagiert: "Dies ist ein Schock", schrieb die "Gazzetta dello Sport" am Mittwoch auf ihrer Titelseite. Die größte Sporttageszeitung des Landes, die zugleich Ausrichter des Giro d'Italia ist, sieht das "Ende einer Ära" gekommen. Für den internationalen Radrennsport sei der Ausstieg des deutschen Konzerns ein herber Verlust.

"Der Sponsor flieht vor dem Doping", titelte die Zeitung "L'Unione Sarda". Auch "Il Secolo XIX" zeigte Verständnis für die Entscheidung der Telekom, deren Image durch die Dopingskandale geschädigt worden sei. Der deutsche Fernsehsender ARD will von der Tour de France trotz des Ausstiegs der Telekom aus dem Radsport und weiterer Doping-Enthüllungen berichten. Nach ARD-Informationen soll sich Telekom mit rund 25 Millionen Euro herausgekauft und damit vom allzu schmuddelig empfundenen Radsport-Image befreit haben.
(apa/red)