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Die geheime Revolution
künstlicher Intelligenz

Technologie - Die geheime Revolution
künstlicher Intelligenz © Bild: iStockPhoto.com

Maschinen, die ohne menschliches Zutun lernen und handeln können, mögen für viele noch eine schwer greifbare Fiktion sein. Dabei ist künstliche Intelligenz längst in unserem Alltag angekommen und im Begriff die nächste gesellschaftliche Revolution einzuläuten.

Die Maschinen kommen – offenbar schon ganz gut ohne uns zurecht. Und lernen dabei schneller als ein Mensch es je könnte. In jüngster Zeit überschlagen sich die Meldungen zu neuen Errungenschaften auf dem Gebiet künstlicher Intelligenz (KI). Computersysteme entwickeln ohne menschliches Zutun eigenständig neue Programme oder bringen sich das Schachspielen auf Weltklasseniveau in wenigen Stunden selbst bei. Sie lernen zu laufen, zu lesen und beherrschen in kürzester Zeit Sprachen, für die ein Mensch Jahre benötigen würde.

© Shutterstock Künstliche Intelligenz wird gerne als Schreckgespenst gezeigt.

Dabei steht alles erst am Anfang. Künstlichen Intelligenzen wird die große Zukunft erst vorausgesagt. Anders als es Hollywood-Dystopien wie „Terminator“ einprägsam in Szene gesetzt haben, werden sie nicht darauf abzielen, Killer-Roboter zur Auslöschung der Menschheit zu entsenden. Sie sollen im Gegenteil Probleme lösen, die uns seit langem beschäftigen. Dazu zählt die Entwicklung und Verbesserung neuer Werkstoffe oder die Automatisierung des Personen- und Güterverkehrs, aber auch die Erkennung und Bekämpfung tödlicher Krankheiten.

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Das ausgelagerte Gehirn

Die mediale Berichterstattung über neue Fortschritte künstlicher Intelligenzen arbeitet dabei immer noch gerne mit veralteten Bildern. Der humanoide Roboter, der den Menschen in seiner Welt zunehmend ergänzt und ersetzt, mag auch durchaus plakativ sein. Tatsächlich aber bleibt die gegenwärtige Erscheinungsform künstlicher Intelligenzen trotz ihrer jüngsten Errungenschaften recht unspektakulär: Hinter bekannten Projekten wie Googles „DeepMind“ oder „Watson“ von IBM stecken lediglich Netzwerke aus Computersystemen.

© iStockPhoto.com Ein Geheimnis künstlicher Intelligenz: Vernetzung.

Künstliche Intelligenz benötigt per se also keinen Körper, sondern nur Rechenleistung in Form von Computern - und eine Internetverbindung. Als eine Art ausgelagertes Gehirn kann sie im Prinzip an jedes ausführende und auslesende Gerät angeschlossen werden. Im Zeitalter digitaler Vernetzung sind jetzt schon etliche Adressaten umsetzbar: Von Smartphones und Haushaltsgeräten über Autos und Flugzeugen bis hin zu Kraftwerken oder Fabriken.

Auferstanden von den Toten

Gerade die zunehmende Digitalisierung unserer Gesellschaft ist es umgekehrt auch, die KI aus dem Tiefschlaf geweckt hat und ihren technologischen Fortschritt wieder massiv antreibt. „Künstliche Intelligenz ist über die Jahre immer wieder für tot erklärt worden“, sagt Dr. Peter Knees, Experte für System Engineering an der TU Wien. „Man spricht in wissenschaftlichen Kreisen auch von ‚A.I. Winters‘, also Zeiten, in denen das Thema brach liegt und man keine Förderungen oder Forschungsgelder bekommt“.

»Künstliche Intelligenz ist immer wieder für tot erklärt worden«

Der aktuelle Hype um „Deep Learning“ und neuronale Netzwerke befeuert jetzt eine Technologie, für die der österreichische KI-Pionier Sepp Hochreiter schon Anfang der 1990er Jahre Grundlagenforschung betrieben hat. „Neuronale Netzwerke oder Bilderkennungs-Systeme gibt es schon lange. Im Unterschied zu damals liefert die Digitalisierung jetzt auf einmal in Hülle und Fülle Daten dafür“, sagt Knees. „Es war auf einmal der Moment da, wo Big Data nicht mehr auszuweichen und die Schaffung von Modellen notwendig war, die mit großen Datenmengen überhaupt umgehen können. Neuronale Netzwerke haben sich da als Lösung angeboten.“

© iStockPhoto.com Gesteigerte Rechenleistung fördert die Entwicklung.

Ein wesentlicher Technologietreiber für künstliche Intelligenz ist zudem die enorme Steigerung der Rechenleistung von Computerchips. Traditionelle Prognosen wie das Moore‘sche Gesetz halten dafür bis jetzt noch stand. Dieses Gesetz besagt im Wesentlichen, dass sich die Rechenleistung bei sinkenden Kosten alle zwei Jahre verdoppelt. Provokante Theorien wie die des Google-Visionärs Ray Kurzweil sehen für die Zukunft vor, dass die reine Rechenkapazität bis zum Jahr 2049 ein Ausmaß annehmen soll, mit der ein Rechner für 1.000 US-Dollar die gesamte Gehirnleistung der Menschheit abbilden können wird. Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt freilich genauso wenig beweisen, wie es sich widerlegen lässt; künstliche Intelligenz profitiert aber in jedem Fall von dieser Entwicklung.

So lernt die Maschine

Die Verfügbarkeit großer Datenmengen und schneller Computer reichen alleine nicht aus, um von künstlicher Intelligenz sprechen zu können. Die wesentliche Grundlage um bei Maschinen überhaupt von Intelligenz sprechen zu können ist - ähnlich wie beim Menschen - die Fähigkeit zu lernen. Derzeit gängige Systeme haben mit Gehirnen freilich wenig zu tun. Selbst neuronale Netzwerke, die biologisch inspiriert sind, beruhen auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen und auf der statistischen Modellierung von Daten. „Man hat gewissermaßen eine Beschreibung der Welt und einen Zielzustand“, sagt Knees. „Und nun versucht man ein Modell zu entwerfen, das diese Veränderung quasi abbilden kann.“

Lernende Systeme werden nur zu Beginn mit einem Set an grundlegenden Befehlen vorprogrammiert. Aufgrund von Analyse und Beobachtung entscheidet der Computer dann selbst, welche Informationen und Ergebnisse als Grundlage für die nächste Analyse gespeichert werden. Diese Schritte werden beliebig wiederholt. So kann der Gedanke künstlicher Intelligenz Gestalt annehmen, weil das nichts mehr mit der Intelligenz desjenigen zu tun hat, der die erste Ebene programmiert hat.

Bis zur Intelligenzexplosion?

Gegenwärtig stehen künstliche Intelligenzen erst am Beginn, dem Menschen Konkurrenz zu machen. In zugeschnittenen Einzeldisziplinen oder Aufgaben übertreffen sie menschliche Höchstleistungen, auf mehreren Gebieten gleichzeitig sind und bleiben sie aber eine Null. Anders als in den 1960er-Jahren fokussiert sich die Forschung derzeit auch nicht mehr auf die Erschaffung eines allgemeinen Problemlösers, sondern versucht, dem Menschen maßgeschneiderte Lösungen künstlicher Intelligenz für konkrete Problemstellungen zur Seite zu stellen.

© iStockPhoto.com/Maxiphoto Intelligenter als der Mensch: Eine Frage der Zeit.

Zur zukünftigen Entwicklung gibt es unterschiedliche Ansichten. Wie von Wissenschaftsphilosoph Max Tegmark in seinem aktuellen Werk „Leben 3.0“ beschrieben, gehen populäre Ansätze davon aus, dass künstliche Intelligenz zwei weitere große Abschnitte durchlaufen wird: In einer nächsten Phase soll sie sich als allgemeine künstliche Intelligenz ebenbürtig auf eine Stufe mit der Intelligenz des Menschen stehen. Danach soll eine Phase der Superintelligenz eintreten, in der die Menschheit schon Jahre benötigen würde, um die KI-Handlungen weniger Minuten nachvollziehen zu können. Die Rede ist dabei auch von einer Intelligenzexplosion. So interessant diese Ansätze sein mögen, sind sie sehr spekulativ: Tegmark selbst verweist darauf, dass Experten noch nicht exakt sagen können, wann und ob diese Phasen überhaupt eintreten werden.

»Auf lange Sicht wird sich der Mensch mit künstlicher Intelligenz verbinden«

Der renommierte deutsche Zukunftsforscher Sven G. Jánszky hält eine Verschmelzung des Menschen mit künstlicher Intelligenz für wahrscheinlicher. „Der Mensch hat seinen Körper im Zuge der Evolution ständig angepasst an die sich verändernden Umwelten“, sagt Jánszky. „Auf lange Sicht wird er sich mit künstlicher Intelligenz verbinden und dann gäbe es sowieso keinen Unterschied“.

KI im Alltag

Von solchen und ähnlichen Szenarien sind wir heute weit entfernt. Erste Formen künstlicher Intelligenz haben sich allerdings längst in unser Leben eingeschlichen, ohne dass wir es vielleicht gemerkt haben. „Wie die Timeline auf Facebook zusammengestellt wird, Suchanfragen bei Google zusammengestellt werden oder Selbstfahr-Assistenten bei Autos heute schon funktionieren, ist auf gewisse Art künstliche Intelligenz“, sagt Jánszky. Bewertungs- und Preisgestaltungssysteme auf Online-Plattformen wie Amazon oder eBay stehen ebenfalls unter der Kontrolle intelligenter Optimierungsverfahren.

© Shutterstock Definitionssache: Künstliche Intelligenz ist längst im Alltag angekommen.

Sprach-Assistenten wie Apples Siri oder Amazons Alexa geben uns ein Gefühl, mit künstlicher Intelligenz direkt in Interaktion treten zu können. Auch hinter ihnen und dem Versprechen großer Konzerne auf verbesserte Lebensqualität stecken aber natürlich das Sammeln von Daten und die Hoffnung auf schnelles Geld. „Derzeit am meisten tut sich bei personalisierter Werbung und bei personalisiertem Content, weil der sich ehrlicherweise auch am schnellsten monetarisieren lässt“, sagt TU-Experte Knees. „Andere Dinge müssen erst beweisen, dass sie funktionieren, in der Werbung lässt sich das jetzt schon einfach umsetzen.“

»Der Wandel von künstlicher Intelligenz zu normaler Informatik ist schon über Jahre zu beobachten«

Im Alltag angekommen neigt künstliche Intelligenz als Begriff letztlich dazu, sich mit der Zeit zu verflüchtigen. Kaum jemand würde heute noch auf die Idee kommen, bei der simplen Verwendung der Google-Suche in Ehrfurcht vor künstlicher Intelligenz zu erstarren. Und genauso wird es sich mit weiteren Trends verhalten wie Handy-Chips, die derzeit unter dem KI-Label nichts anderes machen als spezielle Anwendungsgebiete zu beschleunigen. „Der Trend, den man schon über Jahre hinweg beobachten kann, ist der Wandel künstlicher Intelligenz zu normaler Informatik“, sagt TU-Experte Knees. „Am Anfang ist es noch vielleicht ein bisschen magisch, aber in dem Moment, wo man es durchschaut und optimiert hat, geht es in den Alltag über und wird zum Grundverständnis, um überhaupt den nächsten Schritt machen zu können.“ Kein Grund zur Aufregung also. Alles normal.