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Künstliche Intelligenz:
Was bringt die Zukunft?

Technologie - Künstliche Intelligenz:
Was bringt die Zukunft? © Bild: GettyImages/iStock

Künstliche Intelligenz macht derzeit rapide Fortschritte. Und dem Menschen Konkurrenz. Welche tiefgreifenden gesellschaftlichen Konsequenzen lernende Computer nach sich ziehen, ist allerdings noch kaum jemandem bewusst. News hat sich mit dem renommierten deutschen Zukunftsforscher Sven G. Jánszky darüber unterhalten, wie künstliche Intelligenz unser Leben verändern wird.

Ist der Hype um künstliche Intelligenz Ihrer Ansicht nach gerechtfertigt?
Sven G. Jánszky: Auf jeden Fall, der strategische Wert künstliche Intelligenz für die kommenden Jahre ist von großer Bedeutung. Für Entscheidungsfindungen, für den Wandel von Geschäftsmodellen, ja für ganze Gesellschaften. Künstliche Intelligenz zählt sicherlich zu den Top-Technologien, die die nächsten Jahre bestimmen werden.

Kann man heutzutage wirklich schon von künstlicher Intelligenz sprechen oder handelt es sich eher um ein Vorgreifen auf die Zukunft?
Das ist tatsächlich eine Definitionsfrage. Wenn ich als Zukunftsforscher heute über künstliche Intelligenz spreche, dann meine ich damit etwas, was noch nicht da ist. Dann meinen Zukunftsforscher beispielsweise neuronale Netze, die langsam an menschliche Intelligenz herankommen. Und dann irgendwann ab dem Jahr 2050 möglicherweise auch menschliche Intelligenz überschreiten.

Rein aus dem technischen Wortsinn ist auch das, was heute schon am Markt verfügbar ist, auf gewisse Art künstliche Intelligenz. Wie beispielsweise die Timeline auf Facebook zusammengestellt wird, Suchanfragen bei Google geclustert werden oder Selbstfahr-Assistenten bei Autos heute schon teilweise funktionieren. Einfache Entscheidungen werden jetzt schon autonom getroffen.

Das Aufgabengebiet wird also sukzessive an menschliche Fähigkeiten adaptiert?
Ja, es nähert sich an und wird dann über menschliche Fähigkeiten hinausgehen. In dieser künftigen Entwicklung gehen wir davon aus, zwei Phasen zu haben: Einmal nähert es sich an menschliche Intelligenz an. Das werden wir dadurch spüren, dass immer mehr Jobs – auch angelernte Expertenjobs – von Computern übernommen werden können. Weil es schneller geht, weil es kostengünstiger ist. In der zweiten Phase werden sich dann mithilfe künstlicher Intelligenz schon Probleme dieser Welt lösen lassen, auf die man bisher keine Antworten gefunden hat.

»Computer intelligenter zu machen als Menschen, das ist unvermeidbar«

Technikfokussierte Experten an der Universität kritisieren dabei mitunter ein projiziertes Wunschdenken, eine Art Sehnsucht, Probleme aus Bequemlichkeit an etwas Intelligenteres abzugeben. Glauben Sie wirklich, dass das eine unvermeidbare Entwicklung ist?
Unvermeidbar ist es natürlich nicht. Theoretisch kann man alles gestalten oder steuern. Dass aber die technische Möglichkeit bestehen wird, Computer intelligenter zu machen als Menschen, das ist unvermeidbar. Da sehe ich kein einziges Signal, das dagegen sprechen würde.

Natürlich können Menschen diese Möglichkeiten nicht würdigen oder wollen Entscheidungen nicht abgeben. An dieser Stelle müssen sich Zukunftsforscher fragen, wie wahrscheinlich dieses Szenario sein wird. Diese Einschätzungen der Wahrscheinlichkeiten beziehen wir nicht aus unserem eigenen Empfinden, sondern wir reden mit den Entwicklern, Experten und Opinion Leadern dieser Technologien. Und wenn man mit diesen Menschen redet, dann sind sie sich total sicher, dass das kommen wird.

Es wird für den Menschen einen wahnsinnigen Nutzen haben: Er wird länger leben, er wird länger gesund leben, er wird wohlhabender sein, er wird in den Weltraum fliegen können. Der Nutzen wird so groß sein, dass er die Risiken überwiegen wird.

Was passiert mit uns eigentlich, wenn wir unser gesamtes Umfeld automatisieren? Machen wir uns überflüssig?
Zu diesem Thema gibt es zwei Denkrichtungen unter Zukunftsforschern und Technologie-Vordenkern. Die einen sagen, dass Automatisierung dazu führen wird, dass sich der Mensch um seine Menschlichkeit besinnt und möglicherweise auf Spiritualität fokussiert. Neben seinem Umfeld lebt der Mensch dann salopp formuliert in einer Art von geschützten „Reservaten“. Das ist freilich nicht die netteste Vorstellung, weil sie den Menschen nicht die vollen Möglichkeiten, die volle Freiheit gibt, die man heutzutage zumindest glaubt zu haben.

Die zweite Denkrichtung ist eine ganz andere und ich persönlich halte diese Entwicklung für wahrscheinlicher. Der Mensch hat im Zuge der Evolution seinen Körper ständig angepasst an die sich verändernden Umwelten. Und das wird er über das digitale Zeitalter hinaus auch weiter tun. Für die nächsten Jahrzehnte wird der Mensch versuchen diese Intelligenz der Technologie mit sich selbst zu verbinden, um letztendlich auch damit mithalten zu können.

»Es gibt eine klare Grenzlinie zwischen dem, was wir bisher gesehen haben und dem, was wir ab jetzt sehen werden«

Das heißt der Mensch verbessert sich beispielsweise in Form von digitalen Implantaten?
Richtig. Diese Implantate sind gar nicht schlimm. In Deutschland gibt es ja schon rund 4.000 Menschen, die mit ähnlichen Implantaten leben. Das sind Chips, die können Körperdaten messen und aufgrund von unmittelbarem Feedback zu einer gesünderen Lebensweise führen.

Der zweite Use-Case, den es heute schon gibt, ist das Erteilen von Zugangs- oder Nutzungsberechtigungen. Chips im Finger ermöglichen das Öffnen von Türen oder ersetzen Karten beim Bezahlen an der Kasse.

Die heurige Consumer Electronics Show in Las Vegas war ja auch schon komplett auf künstliche Intelligenz fixiert. Wird schon ernst gemacht oder ist alles nur spielerische Vorbereitung auf das, was kommt? Was sind die nächsten großen Schritte, die kurz bis mittelfristig folgen werden?
Ich würde das, was wir heute schon sehen, als den Startpunkt betrachten. Für mich gibt es eine klare Grenzlinie zwischen dem, was wir bisher gesehen haben und dem, was wir ab jetzt sehen werden. Technisch gesprochen war es bisher so, dass diese angeblichen künstliche Intelligenzen von Algorithmen getrieben und vorprogrammiert war. Das, was jetzt beginnt, und was es in kleinen Anwendungsbereichen gibt, aber noch lange nicht ausgereift ist, sind die neuronalen Netze.

Stellen Sie sich ein Gitternetz vor: Von einer obersten Ebene führen Gitterlininen in eine zweite Ebene, dann in die dritte, vierte, fünfte, usw. Nur die oberste wird mit einem Algorithmus vorprogrammiert und der Computer entscheidet aufgrund von Analyse und Beobachtung selbst, welche Informationen, Ergebnisse in die zweite Lage hineingeschrieben wird. Diese Schlussfolgerungen ergeben dann die Grundlage für die dritte Ebene, usw. Das Schema ist dem menschlichen Hirn nachempfunden und lernt auch dementsprechend ähnlich. Das ist dann tatsächlich irgendwann künstliche Intelligenz, weil das nichts mehr mit der Intelligenz desjenigen zu tun hat, der die erste Ebene programmiert hat.

Wie werden wir in Zukunft von KI profitieren?
In der ersten Phase wird all das, was wir tun, wesentlich schneller, effizienter und kostengünstiger werden. Das finden Menschen gut, weil sie sich plötzlich unbezahlbare Dinge leisten können, zum Beispiel Weltraumflüge zum Vergnügen oder künstliche Herzen für ein längeres Leben.

Im zweiten Schritt werden wir Dinge tun können, was die Menschheit immer schon tun wollte, aber aufgrund ihrer Limitation einfach nicht geschafft hat. Beispielsweise Wasserentsalzungsanlagen bauen, damit jeder Fleck der Erde genügend Trinkwasser hat oder künstlich soviel Nahrung produzieren, dass jeder genug zu essen hat. So viel Energie zu produzieren, dass die Energieversorgung schlichtweg keine Frage mehr ist.

»Dystopien sind nur für Autoren und Filmemacher das bessere Geschäft«

Das sind alles wunderbare Utopien. Halten Sie im Gegensatz dazu auch Dystopien für wahrscheinlich? Also wie etwa im Film "Terminator", wo eine künstliche Intelligenz Killer-Roboter entsendet, um die Menschheit auszulöschen?
Ich halte das für sehr, sehr unwahrscheinlich. Theoretisch natürlich immer denkbar, deshalb verkauft sich das Zeug auch so gut, für Autoren und Filmemacher ist das das bessere Geschäft. Wenn wir aber ein bisschen was aus der Historie lernen dürfen, dann muss man sich vor Augen führen, dass mit jedem großen technologischen Sprung immer Dystopien und die Warnung, dass die Welt gleich untergeht, einhergehen. Das tatsächliche Ergebnis war aber immer, dass der Fortschritt auf lange Sicht eine Verbesserung gebracht hat.

Auf kurze Sicht, da darf man nicht drum herum reden, gibt es bei solchen Entwicklungen immer Gewinner und Verlierer. Jobs werden ersetzt und Menschen müssen etwas Neues lernen. Eine verantwortungsvolle soziale Gesellschaft muss das lösen und diesen Menschen auch die Möglichkeit geben sich weiterzuentwickeln. Auf lange Sicht werden Menschen aber freier, gesünder, länger, selbstbestimmter und friedlicher leben. Wenn man die grundlegenden Fakten hernimmt, zeigen alle Indikatoren eigentlich in eine positive Richtung und ich sehe überhaupt kein einziges Signal, dass sich das ändern soll.

Und all diese genannten Konsequenzen sollen dann auf die Nutzung künstlicher Intelligenz im Alltag zurückzuführen sein?
Das ist in erster Linie als Schlussfolgerung aus der Historie technologischen Fortschritts und der Automatisierung zu verstehen. Aber in den nächsten Jahren basiert die Prognose, dass das so weitergeht, tatsächlich zum großen Teil auf künstlicher Intelligenz. Zu anderen kleineren Teilen auf weiteren Errungenschaften im Bereich der Genetik oder der Quantencomputer.

Kann man künstliche Intelligenz eigentlich als die letzte große Erfindung des Menschen bezeichnen?
Das kann man so noch nicht sagen. Es kann natürlich sein, dass sich Bereiche zeigen, in denen künstliche Intelligenz unterlegen bleibt. Ich würde die menschliche Innovationsfähigkeit auf gar keinen Fall mit der künstlichen Intelligenz abschließen lassen. Ich denke wie gesagt, dass sich der Mensch auf lange Sicht mit künstlicher Intelligenz verbinden wird und dann gäbe es sowieso keinen Unterschied.

»Erst aus Kulturtechniken lassen sich Regulierungen ableiten, die sinnvoller sind als wenn Regierungen den Finger drauf legen«

Sehen Sie Interessenskonflikte beim Betreiben von künstlicher Intelligenz? Insbesondere im Hinblick darauf, dass derzeit nur wenige Großkonzerne das Schicksal künstlicher Intelligenzen lenken.
Sie sprechen da einen ganz wichtigen Punkt an. Nun ist aber die Frage, wo die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass künstliche Intelligenz missbraucht wird. In der Hand von Staaten oder in der Hand von Unternehmen? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Ein Staatsapparat hat meiner Ansicht nach immer mit Macht zu tun, selbst ein demokratischer. Ein Unternehmen hat weniger mit Macht zu tun, sondern mit dem Bestreben, dem Kunden einen Nutzen zu bringen, für den er bezahlt. Ich persönlich halte den staatlichen Missbrauch also theoretisch gesprochen für wahrscheinlicher als unternehmerischen.

Bedarf es eines Regulativs für das Betreiben künstlicher Intelligenz?
Selbstverständlich. Wir bekommen diese Grenzen aber nur durch eine gesellschaftliche Debatte gesetzt. Ganz viele Menschen müsse erst einmal Ahnung haben davon, worüber wir hier gerade reden. Und das ist ehrlicherweise noch absolut nicht der Fall. Erst mit dem Wissen darüber entstehen Kulturtechniken im Umgang damit. Und erst daraus lassen sich Regulierungen ableiten, die sinnvoller sind als wenn Regierungen den Finger drauf haben und darüber entscheiden.

© Roman Walczyna

Zur Person: Sven Gábor Jánszky (45) ist Zukunftsforscher und Chairman des größten Zukunftsforschungsinstituts in Europa „2b AHEAD ThinkTank“. Seine Studien und Trendanalysen zu den Lebens-, Arbeits-und Konsumwelten der Zukunft und seine Strategieempfehlungen zu Geschäftsmodellen der Zukunft bilden die Basis für die Zukunftsstrategien vieler Unternehmen. Der Zukunftsforscher lehrt an verschiedenen Universitäten. Seine Trendbücher „2025 –So arbeiten wir in der Zukunft“ und „2020 –So leben wir in der Zukunft" prägen die Zukunftsstrategien verschiedener Branchen. Mit seinen Management-Strategiebüchern „Rulebreaker–Wie Menschen denken, deren Ideen die Welt verändern“ (2010) und „Die Neuvermessung der Werte“ (2014) wurde er zum Sprachrohr der Querdenker und disruptiven Innovatoren in der deutschen Wirtschaft. Sein aktuelles Buch "Das Recruiting Dilemma" erklärt den rasanten Wandel des Arbeitsmarktes hin zur Vollbeschäftigung, dem Niedergang der Langzeitfestanstellung und der Auflösung von Personalabteilungen.

Sven Gábor Jánszky lebt mit seiner Frau und drei Kindern in einem kleinen Dorf bei Leipzig. Er war Vize-Jugend-Mannschafts-DDR-Meister im Schach 1988. Er bestieg vier Mal den Kilimandscharo und lief in New York seinen 19. Marathon.