Tatort Web: Sexuelle Belästigung statt Chat:
Jedes zweite Mädchen ist bereits betroffen

30 Prozent der Opfer erleiden emotionale Schäden

Tatort Web: Sexuelle Belästigung statt Chat:
Jedes zweite Mädchen ist bereits betroffen

Minderjährige kommen im Internet oft zum ersten Mal mit dem Thema Sexualität in Berührung. Dieser Kontakt passiert jedoch - vor allem bei Mädchen - in vielen Fällen unfreiwillig. Jede zweite Chatterin zwischen zehn und 19 Jahren gab bei einer Studie der Universität Köln aus dem Jahr 2005 an, bereits gegen ihren Willen online nach sexuellen Dingen gefragt worden zu sein. Unter dem Titel "Tatort Internet - Sexuelle Gewalt in den neuen Medien" beschäftigt sich das Deutsche Jugendinstitut mit dem Thema.

"Das Problem ist, dass sich die Betroffenen selten an Erwachsene wenden", erklärt Soziologin Catarina Katzer. Angst vor Konsequenzen und das eigene Schamgefühl hielten Mädchen davon ab, Hilfe zu suchen.

Emotionale Probleme als Konsequenz
Die große Gruppe der betroffenen Mädchen sei keineswegs homogen, erklärt Katzer. Etwa 30 Prozent leiden bereits nach vergleichsweise leichten Formen der Belästigung wie indiskreten Fragen unter schweren, emotionalen Problemen. 63 Prozent haben sich hingegen an den Umgang gewöhnt und empfinden Belästigungen nicht als besonderes störend. Etwa sieben Prozent der Mädchen werden von den Forschern sogar als "frühreife Abenteurerinnen" bezeichnet. Diese Gruppe würde oft Opfer schwerer Übergriffe (z.B. Aufforderung zu sexuellen Handlungen vor der Webcam) und sei mit einem Durchschnittsalter von 13,2 Jahren besonders jung. Neugier an dem "Erwachsenenthema" Sexualität führe diese Mädchen auf der Suche nach dem "sexuellen Kick" vermehrt in Porno-Chatrooms.

Zweifelhafte sexuelle Normen im Web
Das Internet könne demnach als "Medium sexueller Selbsterfahrung" gesehen werden, allerdings unter kritischer Beobachtung, meint Katzer. Die Möglichkeit, dass der erste Kontakt mit der Thematik Sexualität sowie die ersten Erfahrungen über das Internet stattfinden, könne negative Auswirkungen auf die Vermittlung sexueller Werte und Normen haben.

Medienkompetenz der Erzieher zu gering
"Es geht uns darum zu zeigen, dass zumindest ein Drittel der betroffenen Mädchen durch diese Erfahrungen schwer belastet ist", so Katzer. Eltern und Lehrer stünden in der Pflicht, Aufklärung zu betreiben. "Deren Medienkompetenz ist aber leider sehr gering. Es ist schwierig, den Kindern das Medium näher zu bringen und zu erklären, wenn diese den Erwachsenen eigentlich weit voraus sind", ergänzt die Soziologin. Durch ein Internetportal soll Betroffenen in Zukunft anonym Hilfe geboten werden. "Die Mädchen müssen lernen, dass diese Perversionen nicht normal sind und Zwischenfälle gemeldet werden müssen", so Katzer. (pte/red)