Syrien von

Opposition wählt Chef

Ghassan Hitto führt Übergangsregierung an. Syrisches Regime beschießt Libanon.

Demonstranten in Syrien © Bild: APA/EPA/MAYSUN

Die syrische Opposition hat den langjährigen Manager Ghassan Hitto zu ihrem Übergangsregierungschef gewählt. 35 von 49 Mitgliedern der Nationalen Koalition hätten nach 14-stündigen Beratungen für Hitto gestimmt, teilte ihr Vertreter Hischam Marwa in der Nacht zum Dienstag in Istanbul mit. Hitto soll Ministerpräsident für die Gebiete im Norden und Osten Syriens werden, die unter Kontrolle der Rebellen stehen.

An den Gesprächen in Istanbul nahmen rund 70 Mitglieder der Nationalen Koalition teil. Mehrere von ihnen verließen die Beratungen jedoch noch vor der Wahl, ein Zeichen für die Spaltungen innerhalb des größten Oppositionsbündnisses. Dennoch nannten mehrere Vertreter Hitto einen "Konsens-Kandidaten", der auf Zustimmung sowohl beim islamistischen wie auch beim liberalen Lager stoße.

Für den Posten des Übergangspremiers gab es insgesamt zwölf Kandidaten. Hittos größter Rivale, der frühere Landwirtschaftsminister Assaad Mustafa, der einst unter Bashir al-Assads Vater Hafis amtierte und später zu den Rebellen überlief, erhielt sieben Stimmen. Zwei weitere Favoriten, darunter der Wirtschaftsexperte Ussama al-Kadi, zogen ihre Kandidatur zurück. Erst danach begann die Wahl.

Hitto studierte in den USA

Hitto wurde 1964 in Damaskus geboren, verbrachte aber einen großen Teil seines Lebens in den USA, wo er Mathematik und Informatik studierte. In Texas engagierte er sich zudem jahrelang für die Islam-Schule Brighter Horizons Academy. Zuletzt arbeitete er als führender Manager in einer texanischen Telekommunikationsfirma. Im November kündigte er seinen Job, um sich dem Aufstand gegen Präsident Bashar al-Assad anzuschließen. In einem kurzen Auftritt nach seiner Wahl kündigte Hitto an, so rasch wie möglich ein Regierungsprogramm vorzulegen.

Eine der ersten Aufgaben des neuen Übergangsregierungschefs wird es sein, die Aufständischen vor Ort für sich und sein Kabinett zu gewinnen. Nach Angaben eines Vertreters des Oppositionsbündnisses wird der Premier voraussichtlich schon bald nach Syrien reisen und die Chefs der verschiedenen Rebellengruppen treffen. Der Militärchef der Freien Syrischen Armee, Selim Idriss, versicherte der Übergangsregierung bereits seine Unterstützung zu.

Laut dem Sprecher der Nationalen Koalition, Chaled al-Saleh, sollte die Regierung der Aufständischen früher oder später ebenfalls ihren Sitz innerhalb Syriens haben. "Ein Kabinett, das per Internet oder Skype regiert, kann nicht funktionieren", sagte er.

Die regierungsfreundliche syrische Zeitung "Al-Watan" kritisierte die Wahl eines Regierungschefs der Aufständischen als "verrückt und verwirrt". Damit zeige die Nationale Koalition, dass sie völlig realitätsfern sei und keine Ahnung von der Lage vor Ort in Syrien habe.

USA bestätigen syrischen Luftangriff im Libanon

Die USA bestätigten unterdessen den ersten Angriff syrischer Kampfflugzeuge auf libanesisches Gebiet. Das Außenministerium bezeichnete den Zwischenfall als "bedeutende Eskalation". "Wir können bestätigen, dass Regimeflugzeuge und Helikopter Raketen auf den Norden des Libanon abgefeuert haben", sagte Sprecherin Victoria Nuland am Montag vor Journalisten. "Diese Art von Souveränitätsverletzungen sind absolut inakzeptabel", so Nuland. Zuvor war noch unklar, ob die Flugzeuge tatsächlich libanesisches Gebiet getroffen hatten oder ob die Einschläge auf syrischer Seite erfolgt seien. In Sicherheitskreisen war die Rede von vier Geschossen, die in einem nicht bewohnten Gebiet an der Grenze zum Libanon eingeschlagen seien.

Der Angriff im Libanon ereignete sich den Sicherheitskreisen zufolge in der Nähe der Stadt Arsal im Bekaa-Tal. Verletzt oder getötet wurde nach ersten Angaben niemand. Die Bewohner der Stadt unterstützen in ihrer Mehrheit die seit zwei Jahren gegen den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad kämpfenden Rebellen. Syrien hatte vor vier Tagen mit Angriffen auf Rebellen gedroht, die in dem Nachbarland Zuflucht suchen.

Der Libanon hat sich im syrischen Bürgerkrieg für neutral erklärt. Er fürchtet jedoch, in die Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern Assads hineingezogen zu werden. Seit Beginn des Aufstands gegen den Machthaber vor zwei Jahren sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen mehr als 70.000 Menschen getötet worden. Der Libanon war von 1976 bis 2005 von syrischen Truppen besetzt.

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