Syrien-Konflikt von

"Heuchelei" mit Syrien

Orient-Experte Scholl-Latour nennt noch ganz andere abscheuliche Regime beim Namen

Syrien-Konflikt - "Heuchelei" mit Syrien © Bild: Reuters/MacMatzen

"Das Regime in Damaskus ist eine abscheuliche Diktatur. Aber es ist auch nicht schlimmer als andere", erklärte der deutsche Orient-Experte Peter Scholl-Latour in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" (Online-Ausgabe). "Ist Saudi-Arabien denn ein demokratisches Regime? Ein Land, in dem jeden Freitag Köpfe abgeschlagen und Frauen gesteinigt werden - was in Syrien nicht passiert! Ähnliches gilt für andere Länder. Wer redet über die blutige Unterdrückung der Schiiten in Bahrain? Wer redet darüber, dass die Saudis die Freiheitsbewegung in Bahrain mit Panzern niedergewalzt haben? Kein Mensch! Diese Tugend-Attitüde gegenüber Syrien ist deshalb blanke Heuchelei".

"Syrien ist von Feinden umgeben, die geschworen haben, (Präsident Bashar) Assad zu Fall zu bringen. Es ist ja bezeichnend, dass die Hochburgen der Aufständischen in der Nähe der Grenzen liegen, über die Waffen ins Land kommen", sagte Scholl-Latour. Das Assad-Regime sei zumindest "das letzte säkulare System in der islamischen Welt". "Da sollten sich nicht nur die Syrer überlegen, ob sie nach einem etwaigen Umsturz etwas Besseres bekämen". Für die christliche Minderheit, sie macht zehn Prozent aus, wäre Assads Sturz "die Katastrophe. Viele müssten fliehen. Es wundert mich schon, dass sich die Christen im Westen offenbar keinen Deut um das Schicksal ihrer syrischen Schwestern und Brüder scheren".

Die Aufstandsbewegung sei völlig zersplittert. "Und machen wir uns keine Illusionen: Eine freie Wahl in Syrien brächte nicht die demokratischen, westlich orientierten Kräfte an die Macht, sondern Islamisten wie die Muslimbrüder. Die in Syrien übrigens weitaus radikaler sind als etwa in Ägypten", so Scholl-Latour. "Beim besorgten Blick auf Syrien allein verliert man leicht den geheimen Masterplan aus dem Auge: Der große Drahtzieher ist Saudi-Arabien". Es wolle das Regime der Alawiten, dieser "abscheulichen Ketzer", stürzen. Regionalstrategisch wollten die Saudis eine "schiitische Achse" vom Iran über die schiitisch dominierten Provinzen des Irak bis zur Hisbollah im Libanon zerschlagen - und dem Iran so den Zugang zum Mittelmeer abschneiden. Diesem Ziel wären sie mit einem von ihnen gelenkten Salafisten-Regime in Damaskus sehr nahe. "Letztlich geht es also gar nicht um Syrien selbst, sondern um den Konflikt mit dem Iran."