Weltreise von

In den Krieg getrieben

Christoph Lehermayr © Bild: News/Ian Ehm

Wir leben in Zeiten, in denen man fürchten muss, dass der Dritte Weltkrieg mit einem Tweet des US-Präsidenten beginnt. Und das in Syrien, dem Land, das Donald Trump ziemlich lange ziemlich egal war. Trumps Desinteresse ließ seine Berater verzweifeln. Während Russland und Iran das Vakuum im Nahen Osten nutzten und Einfluss gewannen, wollte ihr Boss nur noch raus aus der Region. Auch Giftgasattacken ließen ihn anfangs ziemlich kalt. Bis sie ihm die grauenvollen Bilder der dabei getöteten Kinder zeigten. Trump war gerührt und ließ gegen Machthaber Assad losschlagen. Selbst die ihn sonst so schmähenden TV-Sender wie CNN klatschten plötzlich Beifall. Und der ständig nach Anerkennung lechzende Trump begriff, welch dienliche Waffe militärisches Handeln sein kann.

Ein Jahr später wollte Trump trotzdem weg aus Syrien. Zu hohe Kosten, zu kleiner Gewinn. Vor Tagen verkündete er den Rückzug und schockte Generäle wie Verbündete. Machthaber Assad war zu diesem Zeitpunkt kurz davor, die Islamisten in den Vororten von Damaskus nach Jahren der Belagerung zu besiegen. Deals für deren Abzug waren schon ausgehandelt, als es dort erneut zu einem Angriff mit Giftgas kam. Die Frage, wem ein solcher zu diesem Zeitpunkt nutzt, ist zynisch, angesichts der Eskalation aber leider angebracht. Gerade auch, weil es vor Ort keine unabhängige Berichterstattung gibt und Reporter riskieren würden, dass ihnen die "Rebellen" den Kopf abschneiden. Das Bildmaterial, das Trump auch dieses Mal vorgelegt wurde, stammt von den Weißhelmen. Das sind die unter den Islamisten tätigen Ersthelfer, die vom Westen finanziert werden. Schon früher warf man ihnen Inszenierung vor. Ein BBC-Mitarbeiter schreibt, dass sie aktuell Leichen arrangiert hätten. Doch solche Details sind Trump wohl kaum zumutbar. Mit "Bomb sie nieder" treiben ihn die US-Medien an, und er pariert auf Twitter, indem er dem "Tier Assad" und der Nuklearmacht Russland mit "smarten Waffen" droht.

Halt. Natürlich ist dem ruchlosen syrischen Machthaber der Angriff absolut zuzutrauen. Aber nun aus den von Saudi-Arabien finanzierten Islamisten-Brigaden seiner Gegner Engel zu machen, ist pure Heuchelei. Es gab einmal eine Zeit, da zählten Beweise, und der Zweifel war eine Tugend. Heute erscheint es so, als müsse alles nur noch einem vorgefertigten Bild von Gut und Böse, Schwarz und Weiß entsprechen. Besonders im Fall von Russland. Das belegte zuletzt ein anderer Giftangriff: der auf Doppelagent Skripal und dessen Tochter in England. Der Beweis der Täterschaft fehlt dort bis heute. Die Skripals befinden sich nun übrigens auf dem Weg der Besserung. Gehandelt wurde trotzdem. Vorsorglich und ohne jeden Zweifel.

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