Syrien von

Über Tausend Giftgasopfer

Laut Oppositionsberichten starben mehr als 1.300 Menschen bei Nervengasangriff

Gasmaske auf Autositz © Bild: Reuters/Fiala

Bei massiven Angriffen mit Kampfflugzeugen, Raketen und Artillerie soll im Umland von Damaskus am Mittwoch Giftgas eingesetzt worden sein. War am Anfang noch von etwas über zweihundert Toten die Rede, hat sich die Zahl nach Oppositionsangaben mittlerweile auf 1.300 Opfer erhöht. Die Angriffe erfolgten nach Angaben verschiedener Oppositionskräfte in der Region Ghuta nahe der syrischen Hauptstadt. Die syrische Regierung dementiert zwar nicht, Angriffe in der östlich von Damaskus gelegenen Region Ghuta geflogen zu sein, weist den Einsatz von Giftgas jedoch zurück.

"Mehr als 650 Tote sind das Ergebnis einer tödlichen Attacke mit Chemiewaffen in Syrien", teilte die Syrische Nationale Koalition im Kurznachrichtendienst Twitter mit. Der Oppositionspolitiker George Sabra sprach in Istanbul sogar von 1.300 Toten. Der internationalen Gemeinschaft warf er vor, sich durch Schweigen zu dem Chemiewaffenangriff vom Mittwoch zum Komplizen des syrischen Regimes zu machen.

90 Prozent der Opfer seien durch Nervengas umgekommen, der Rest durch Bomben und andere Waffen, berichtete eine andere Oppositionsgruppe. "Eine riesige Zahl von Menschen war dem Gas ausgesetzt", erklärte die Organisation. Die Zahl der Toten sei beständig gestiegen. Die Menschen seien erstickt, da es mangels Medikamente keine Möglichkeit gegeben habe, ihnen zu helfen.

Opfer mit Schaum vor dem Mund

Im Internet tauchten zahlreiche Amateur-Videos und Fotos auf. Ein Film, der angeblich im Viertel Kafr Batna aufgenommen wurde, zeigte ein Zimmer mit mehr als 90 Leichen, darunter viele Kinder sowie einige Frauen und ältere Männer. Die Haut der Toten wirkte kreidebleich, Verletzungen waren jedoch nicht zu sehen.

Die Kliniken im Osten von Damaskus meldeten mindestens 213 Tote, wie die Krankenschwester Bayan Baker von der Notfall-Sammelstelle Douma berichtete. "Unter den Opfern sind viele Frauen und Kinder", sagte sie. "Sie kamen mit geweiteten Pupillen, kalten Gliedmaßen und Schaum im Mund hier an - die Ärzte sagen, dies seien die typischen Symptome von Nervengas-Opfern."

UN-Team soll untersuchen

Eine unabhängige Bestätigung für die Vorwürfe gab es dafür zunächst nicht. Die syrische Armee wies in einer im Fernsehen verlesenen Stellungnahme Giftgasangriffe zurück, die Vorwürfe seien "unlogisch und fabriziert". Die sonst umfassend aus Syrien berichtende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London sprach lediglich von schweren Bombardements mit hunderten Toten, erwähnte jedoch keine Giftgasangriffe.

Experten zeigten sich über den Zeitpunkt der Angriffe überrascht, da sich gegenwärtig ein UN-Team im Land befindet, das angebliche Chemiewaffeneinsätze durch Rebellen und Regime untersuchen soll. Dieses war erst vor drei Tagen in ein wenige Kilometer entferntes Hotel in Damaskus gezogen. "Es wäre sehr seltsam, wenn die syrische Regierung ausgerechnet in dem Moment zu solchen Mitteln greifen würde, wenn die Beobachter im Land sind", sagte der ehemalige schwedische Diplomat Rolf Ekeus, der in den 90er-Jahren ein Team von UN-Waffeninspektoren im Irak geleitet hatte. "Zumindest wäre es nicht sonderlich schlau".

Syrien hat Chemiewaffen-Vertrag nicht unterzeichnet

"Die erwähnte hohe Anzahl Verletzter und Getöteter klingt verdächtig. Es klingt wie etwas, das man untersuchen sollte", erklärte der Chef des UNO-Expertenteams, Ake Sellström. Zugleich betonte er jedoch, dafür ein offizielles Ansuchen eines UNO-Mitgliedes zu benötigen. Deutschland, Großbritannien, Frankreich, die Türkei und Saudi-Arabien forderten die UN-Inspektoren in Damaskus auf, die Anschuldigungen zu untersuchen. Saudi-Arabien forderte zudem eine Krisensitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen. Die EU-Außenbeauftragte Catherin Ashton betonte, "dass jeder Einsatz von chemischen Waffen in Syrien, von welcher Seite auch immer, völlig inakzeptabel wäre."

Der syrische Informationsminister Omran al-Soabi verpasste den Ambitionen der internationalen Gemeinschaft am Mittwoch einen Dämpfer. Kurzfristig angesetzte Inspektionen der angeblich betroffenen Region Ghuta seien nicht möglich, dafür brauche es zuvor die Genehmigung der syrischen Regierung, sagte er gegenüber dem russischen Sender Russia Today. Möglicherweise seien die Rebellen selbst für die Angriffe verantwortlich, wie "zuvor schon in Aleppo", fügte er hinzu.

Syrien zählt zu den wenigen Ländern, die den internationalen Vertrag zum Verbot von Chemiewaffen nicht unterzeichnet haben. Der Westen geht davon aus, dass das Land über große Lager von Senfgas, Sarin und VX-Nervengas verfügt. Frühere Giftgas-Vorwürfe hatte die syrische Regierung bestritten und mit der Aussage gekontert, es seien die Rebellen, die chemische Kampfstoffe einsetzten. Der Westen geht jedoch nicht davon aus, dass die Aufständischen Zugriff auf Chemiewaffen haben.

Westerwelle fordert Aufklärung

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle hat eine rasche Aufklärung des Vorwurfs der syrischen Opposition gefordert, wonach das syrische Regime 1.300 Menschen durch den Einsatz von Giftgas getötet habe soll. Die Vorwürfe seien "sehr gravierend", sagte Westerwelle am Mittwoch nach einem Treffen der EU-Außenminister in Brüssel. Inspekteure der Vereinten Nationen müssten uneingeschränkten Zugang zu den betroffenen Gebieten bekommen.

Westerwelle betonte, er wolle nicht darüber spekulieren, was es bedeuten würde, wenn sich die Vorwürfe der syrischen Opposition bestätigen sollten. "Wenn das stimmt, kann man die Worte gar nicht finden, die die Ernsthaftigkeit beschreiben."

UNO-Dringlichkeitssitzung

Der UNO-Sicherheitsrat wird noch am Mittwoch in einer Dringlichkeitssitzung über die Giftgasvorwürfe gegen das syrische Regime beraten. Die Sitzung soll um 21.00 Uhr MESZ beginnen. Zahlreiche westliche Staaten, darunter die ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates Frankreich, Großbritannien und die USA hatten zuvor eine Untersuchung der Vorwürfe durch ein sich bereits in Syrien befindliches Team von UNO-Chemiewaffenexperten gefordert.

Bei einem massiven Angriff mit Nervengas-Raketen östlich von Damaskus soll das syrische Regime nach Angaben der Opposition am Mittwoch hunderte Menschen getötet haben. Die syrische Armee weist die Vorwürfe zurück, Russland bezeichnet die Vorfälle als "Provokation" vonseiten der Opposition.

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