Krieg in Syrien von

Wie geht es
mit Aleppo weiter?

Aktuelle Entwicklung: Evakuierung wurde unterbrochen

Aleppo Evakuierung © Bild: APA/AFP/OMAR HAJ KADOUR

Syriens Machthaber Assad spricht von einem Sieg über die Rebellen in Aleppo. Für die Zivilisten im umkämpften Teil der Stadt ist der Kriegshorror jedoch nicht vorbei. Einige tausend Menschen konnten das Gebiet am Donnerstag zwar verlassen, laut UN sitzen aber noch mindestens 50.000 Bewohner in der Stadt fest.

Seit Beginn des Syrien-Krieges im Frühjahr 2011 sind geschätzt mehr als 310.000 Menschen getötet worden. 2015 mischte sich Russland in den Krieg ein und flog Luftangriffe gegen syrische Rebellen, durch die laut Angaben der oppositionsnahen "Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte" binnen eines Jahres 3.800 Zivilisten - knapp ein Viertel davon Kinder - in Syrien ums Leben gekommen sein sollen.

»"Aleppo ist die Hölle"«

In Aleppo, der zweitgrößten syrischen Stadt, hat sich der Horror dieses Krieges verstärkt gezeigt. Allein im November sollen fast 600 Zivilisten getötet worden sein - der Großteil durch Luftangriffe. Die Bewohner im umkämpften Osten der Stadt leben seit Beginn der Kämpfe in ständiger Angst und ohne eine ausreichende Versorgung mit Trinkwasser, Lebensmitteln und Medizin. Westliche Staaten haben der humanitären Katastrophe bisher nur zugeschaut. "Aleppo ist die Hölle! Wir haben alle versagt: Syrien und Russland, weil sie die Menschen bombardieren. Der Westen, weil er seit Jahren nicht eingreift", sagte Ex-Nato-General Hans-Lothar Domröse gegenüber der Zeitung "Bild". Und auch der UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland gibt in einer Aussendung der Vereinten Nationen zu: Er bedauere es, dass die UN nicht helfen konnte, als die Zivilisten von Aleppo die Hilfe am meisten gebraucht hätten.

Wie soll es weitergehen?

Die Gefahr einer humanitären Katastrophe ist mit der Eroberung durch die Truppen Assads nicht gebannt: Abgesehen von den Menschen, die weiter in Ost-Aleppo eingeschlossen sind, sind 700.000 Zivilisten in der kriegsgefährdeten Gegend um Aleppo verstreut, ebenfalls ohne dass internationale Hilfsorganisationen Zugang zu den Menschen bekommen würden.

Am Donnerstag ist der mittlerweile sechste Versuch angelaufen, die in Aleppo ausharrenden Zivilisten in Sicherheit zu bringen. Rund 6.000 Menschen, darunter auch etliche Rebellen-Kämpfer, konnten aus der Stadt herausgebracht werden. Doch rund 50.000 Menschen sind laut UN weiterhin in der Stadt gefangen und die Evakuierungen wurden mittlerweile wieder unterbrochen, weil die Rebellen laut syrischem Regime die Abmachungen verletzt haben sollen. Das syrische Staatsfernsehen berichtete darüber, dass die Rebellen versucht hätten, Gefangene im Zuge der Evakuierung mitzunehmen. Die Vereinten Nationen teilten außerdem mit, dass in den syrischen Städten al-Waer, Homs, Foua, Kefraya, Madaya, und Shia, Evakuierungen verhindert werden würden. Die schiitischen Dörfer Foua und Kefraya zählen zu den von den Rebellen kontrollierten Gebieten.

Wie internationale Medien berichten, sollen das syrische Regime und der Iran gefordert haben, dass die vollständige Evakuierung von Ost-Aleppo nur dann erfolge, wenn gleichzeitig die beiden von den Rebellen kontrollierten Städte evakuiert werden könnten.

Wann die Evakuierungen wieder aufgenommen werden und was mit den verbliebenen Zivilisten bis dahin passiert, ist zurzeit unklar. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde der Transport von Kranken und Verletzten bis auf weiteres von russischen Truppen gestoppt. Und selbst wenn endliche alle Zivilisten aus Ost-Aleppo herausgebracht worden sind, stellt sich die Frage, wer diesen Menschen Schutz und humanitäre Hilfe gewähren kann. Denn selbst die Vereinten Nationen haben eingestanden, dass sie nur beschränkt Zugang zu den Menschen haben, da sie sich in gewissen Gebieten nicht frei bewegen könnten.

5 Monate Belagerung überlebt

Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" teilte unterdessen in einer Aussendung mit, wie es den in Sicherheit gebrachten Menschen geht: "Medizinisches Personal vor Ort, mit dem Ärzte ohne Grenzen in Kontakt ist, hat berichtet, dass die ankommenden Menschen, die fünf Monate Belagerung Ost-Aleppos hinter sich haben, in einem prekären Gesundheitszustand sind", heißt es. Ärzte in Ost-Aleppo, die von "Ärzte ohne Grenzen" unterstützt werden, seien in Sicherheit und würden sich an der Evakuierung der Kranken und Verwundeten beteiligen.

Die Organisation hat eine erste Lieferung von 17 Kubikmetern Medikamenten und medizinischen Hilfsgütern an das Krankenhaus in Aqrabat entsendet, das Dorf liegt rund eine Autostunde entfernt von Aleppo. Hier wird ein Großteil der Verwundeten, die aus Ost-Aleppo herausgebracht wurden, behandelt. Die Evakuierung soll laut dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz mehrere Tage dauern, wie "Ärzte ohne Grenzen" mitteilte. "Heute haben neuerliche Sicherheitsvorfälle die Evakuierung gestoppt, als Busse mit Zivilisten in Alrashdeen beschossen wurden und zurück nach Ost-Aleppo mussten."

Kein Ende in Sicht

Der Krieg in Syrien ist mit dem Fall Aleppos keineswegs vorbei. Denn Machthaber Assad sitzt nur mithilfe seiner Verbündeten wie Russland oder dem Iran derzeit in Aleppo einigermaßen gefestigt im Sattel. Am 27. Dezember wollen Russland, der Iran und die Türkei in Moskau beraten, wie es nach der fast völligen Rückeroberung Aleppos weitergehen soll.

Putin hat zumindest offiziell davon gesprochen, dass der nächste Schritt eine vollständige Waffenruhe für ganz Syrien sei. Und auch die EU versucht nun diplomatisch einzugreifen: In der Abschlusserklärung des EU-Gipfels fordern die 28 EU-Regierungen, dass die Kriegsparteien sofortige Hilfe für die Menschen in Aleppo und den Zugang internationaler Beobachter ermöglichen müssten. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel warf Syriens Verbündeten Russland und Iran eine Mitschuld an Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung vor. Diese müssten geahndet werden, verlangte die Kanzlerin. Dem UN-Sicherheitsrat warf Merkel Versagen vor. Angesichts der Kriegsgräuel will die EU alle verfügbaren diplomatischen Kanäle nutzen, um die Not der Menschen zu lindern.

Die USA halten auch an ihrem diplomatischen Kurs fest. US-Außenminister John Kerry forderte eine dauerhafte Waffenruhe im syrischen Aleppo und sofortigen Zugang für Hilfskräfte. Er teile den Ärger, den die meisten Menschen angesichts der Attacken auf Frauen, Kinder und Hilfskräfte empfänden, sagte Kerry am Donnerstag in Washington. Es gebe keinerlei Rechtfertigung für die Brutalität, die das syrische Regime, die Russen und die Iraner über die vergangenen fünf Jahre an den Tag gelegt hätten.
Wie effektiv die diplomatischen Bemühungen von USA und EU am Ende sind, bleibt abzuwarten.

Im Video: Weltweit: Friedliche Proteste für Aleppo

© Video: Zoomin

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