Gastkommentar von

Stinkefinger gegen Zeigefinger

Hannes Swoboda: Zeit für einen Handschlag zwischen Griechenland und Deutschland

Zwei Finger bzw. deren symbolische Verwendung verdeutlichen mehr als Worte das Verhältnis zwischen der EU und Griechenland. Die EU zeigt seit Jahren mit belehrendem Zeigefinger auf Griechenland. Besonders hat sich dabei der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hervorgetan. Er fordert: Am deutschen Wirtschaftswesen soll Südeuropa genesen. Dabei sollte gerade Deutschland – angesichts seiner Vergangenheit und der Schuldennachlässe,
von denen es selbst profitierte – mehr Sensibilität zeigen.

Sensibilität ist aber auch nicht die Stärke seines griechischen Pendants, Varoufakis. Sein Stinkefinger, den er der EU und Deutschland zeigt, zeugt angesichts der finanziellen Bedürfnisse Griechenlands weder von Sensibilität noch von Geschick. Statt des Stinkefingers wäre ein alternatives Reformprogramm angezeigt. Da Irland – wenn auch mit einer ganz anderen Ausgangsposition – Erfolge der Sparpolitik aufzuweisen hat – und in geringerem Ausmaß auch Spanien –, wird Varoufakis dort nicht viel Solidarität erwarten können. Und das gilt erst recht für Länder wie die Slowakei mit geringeren Pensionen als in Griechenland.

Dennoch sollte die EU zuerst einmal das Ergebnis der Wahlen akzeptieren. Über die Wählerinnen und Wähler von Syriza hinaus gab es berechtigten Unmut über die sozial weitgehend unverantwortlichen Leistungskürzungen. Hinzu kommt die Art, mit der die Troika beinahe als Vertreter einer Besatzungsmacht auftrat. Ja, Reformen sind absolut notwendig, z. B. der Kampf gegen Vetternwirtschaft, Korruption und überbordende Bürokratie. Und gerade diesbezüglich könnte die EU viele Verbündete in Griechenland selbst finden. Statt Stinkefinger und Zeigefinger wären zwei zum Handschlag ausgestreckte Hände angebracht.

Kommentare