Strippenzieher, Personalchef und Multitalent: Wilhelm Molterer im Porträt

Vizekanzler beendet Ära von Freund Schüssel

Der 13. Obmann der ÖVP heißt Wilhelm Molterer. Einen Monat vor seinem 52. Geburtstag stieg der oberösterreichische Bauernbündler zum obersten Schwarzen auf. Seine Kür ist die logische Folge einer Karriere, die ihn davor durch so ziemlich alle wichtigen Funktionen der Volkspartei geführt hatte. Der Allrounder war Minister, Generalsekretär und Klubobmann, ehe er im Jahr 2007 zunächst Vizekanzler und nun auch Parteiobmann wurde.

Molterer galt in der ÖVP schon seit Jahren als Kronprinz, mehr noch als Strippenzieher, Personalchef und Multitalent. Es gibt kaum einen Bereich, in dem der ob seines predigerhaften Redestils oft "Pater Willi" genannte Molterer nicht schlau ist. Jetzt gilt es für ihn, als Vizekanzler und Parteiobmann für die Volkspartei wieder Platz eins in der Wählergunst zu erobern. Zumindest die Partei vertraut ihm. Die 97 Prozent am Parteitag sind ein außergewöhnlich gutes Votum.

Wenn es im letzten Jahrzehnt in der Republik etwas Wichtiges auszuverhandeln gab, war Molterer immer im Zentrum. Ob es nun um Finanzen ging, um Soziales, die ÖBB oder was auch immer das Land gerade bewegte: der "Willi" musste ausrücken, um Brände aller Art zu löschen. Geholfen hat dem Vizekanzler dabei seine eiserne Disziplin und sein Fleiß. Molterer kennt sich aus, bei fast allem. Als er heuer sein erstes Budget zu erstellen hatte, staunten auch rote Regierungsmitglieder nicht schlecht, wo der neue Finanzminister nicht überall bis ins letzte Detail Bescheid wusste.

Kabarettisten orten guten Draht durch "Moltofon"
Seinen Ruf als "Personalchef" erarbeitete sich Molterer vor allem im ORF, in dem er als langjähriger Mediensprecher seinen Einfluss zu nutzen wusste, auch inhaltlich. Fast schon legendär wurde das von Kabarettist Alfred Dorfer erfundene "Moltofon". Freilich hat Molterer auch in der Privat- und in der staatsnahen Wirtschaft ein enges Netz an Vertrauten, ehemaligen Mitarbeitern und Freunden aufgebaut.

Beliebt ist Molterer deswegen nicht unbedingt, eher ein wenig gefürchtet, aber auch geschätzt. Beim künftigen VP-Obmann sei ein Handschlag diesen auch Wert, befinden selbst Molterer-Skeptiker in anderen Parteien. Seine öffentliche Rolle hat sich in den letzten Jahren zweifach gewandelt. Als Genuss (=Landwirtschafts)minister genoss er Publikumsapplaus, mit dem von Schüssel erzwungenen Rollenwechsel zum Klubobmann und "Zuchtmeister" wurde der Beifall deutlich weniger.

Molterer galt in der Ära Schüssel II ein wenig als das Symbol einer Machtverliebtheit der ÖVP. Nichts sollte hinter seinem Rücken geschehen, alle Strippen in seinen und Schüssels Händen zusammenlaufen. Der Knick kam mit der ORF-Direktorenwahl im August des Vorjahres, die für Medienchef Molterer und die Volkspartei gründlich daneben ging. Die Abwärtsspirale fand mit Platz zwei bei der Nationalratswahl am 1. Oktober 2006 ihren Höhepunkt.

Während die Partei in Trauer versank, begann für Molterer der logische Aufstieg. Zum großen Schnitt nach Schüssel war man nicht bereit, sein "jüngerer Bruder" die Ideal-Variante, als es darum ging, einen Mann für den undankbaren Posten des Vizekanzlers zu finden. Auch als Parteichef war wohl kaum einer weniger problemlos durchzusetzen als er.

Dass es Molterer selbst gar nicht so sehr ins Scheinwerferlicht drängt, ist dadurch belegt, dass er zum Wohl der Partei zu Gunsten des Nicht-Parteimitglieds Karl-Heinz Grasser auf Vizekanzleramt und Finanzministerium verzichtet und sich mit dem Innenressort beschieden hätte. Manche meinten damals in der ÖVP, der schmächtige Bartträger mit der oft missmutigen Mimik und dem Hang zum Predigen wäre wohl nicht im Stande, die Volkspartei wieder in lichte Höhen zu führen. Nicht anders zu erklären ist wohl auch, dass Molterer bis heute kleine klare Ansage gemacht hat, 2010 als Kanzlerkandidat ins Rennen zu gehen.

Wiewohl Molterer zum Hausmusik-Trio um Wolfgang Schüssel und Elisabeth Gehrer gehörte, glauben etliche, dass es dem cleveren Taktiker gelingen könnte, die Volkspartei ohne größere Schrammen aus dem ein wenig verstaubten konservativen Eck zu holen. Dieser Glaube rührt wohl auch aus seiner "revolutionären" Jugend, als er in der katholischen Studentenunion als Linksabweichler auffiel. In den 70ern forderte er die Abschaffung des Bundesheeres und die Verstaatlichung des Gesundheitswesens. Ein kurzfristiger Ausschluss aus der ÖSU war die Folge.

Das Politische liegt Molterer schon im Blut und das nicht nur, weil er mit seiner Geburt am 14. Mai 1955 fast ein Staatsvertragsbaby war. Sein Onkel, bei dem er in Sierning aufwuchs und der ihn später (für Bauernfamilien nicht unüblich) adoptierte, saß für die Volkspartei im Nationalrat. Die politische Karriere des jungen Molterer begann bei der Hochschülerschaft. Nach dem Studium der Sozialwissenschaften in Linz arbeitete der ehemalige Landesmeister im Leistungspflügen im Büro von Landesrat Leopold Hofinger. 1987 übersiedelte er nach Wien - der Heimathof in Sierning ist mittlerweile verpachtet - und wurde Sekretär von Landwirtschaftsminister Josef Riegler. Dessen Nachfolger Franz Fischler machte Molterer zum Büroleiter. 1990 kam er in den Nationalrat, wurde Generalsekretär und 1994 Landwirtschaftsminister. Im Februar 2003 mutierte er zum Klubobmann, im Jänner 2007 zum Finanzminister und Vizekanzler und jetzt auch noch zum ÖVP-Obmann.

Privat wird der neue Job für den Vielarbeiter nichts ändern und man wird wohl auch nicht mehr Privates über ihn erfahren. Molterer, verheiratet und Vater von zwei Kindern, hält sein Privatleben aus der Öffentlichkeit komplett heraus, ganz ähnlich wie Vorgänger Schüssel und wird das auch weiter so halten, wie er am Samstag versicherte.

(APA/red)