Streitbarer "General" Lemerre leitet Team:
Europameister 2000 führt "Adler Karthagos"

Lemerre führte Tunesien 2004 zum Afrika-Cup-Sieg Seither "Großoffizier des nationalen Verdienstordens"

Streitbarer "General" Lemerre leitet Team:
Europameister 2000 führt "Adler Karthagos"

Er steht zwar nur an der Seitenlinie und ist doch das bekannteste Gesicht der tunesischen Nationalelf - zumindest aus europäischem Blickwinkel. Seit dem Jahr 2002 lenkt der Franzose Roger Lemerre die Geschicke der "Adler Karthagos", bei einem breiten internationalen Publikum führte er sich aber als Erfolgscoach der französischen Nationalmannschaft ein, mit der er 2000 den EM-Titel holte.

Es war der bisher größte Triumph Lemerres, der nach dem WM-Sieg 1998 Frankreichs Team von Aime Jacquet übernommen hatte. Als Assistent Aimets war der Mann aus der Normandie freilich auch an diesem Titel beteiligt und erwies sich als des schweren Erbes würdig: 2000 führte er Zidane und Co. zum ersten und bisher einzigen EM-Titel.

Schon damals galt Lemerre als Charakterkopf, freilich auch als schwieriger, ja dickköpfiger Typ, dem schon mal Gefühlskälte und ein rauer Kasernenton unterstellt wurde. Eigenschaften, die dem 66-Jährigen nicht zuletzt nach dem blamablen Vorrunden-Aus bei der WM 2002 in Japan und Südkorea doppelt zur Last gelegt wurden.

Drei Spiele, ein Punkt und kein Tor - die verheerende Bilanz einer überalterten französischen Elf ohne echte Führungsspieler bedeutete auch das Aus für Lemerre, der sich um herbe mediale Kritik nicht sorgen musste. Die Medien rächten sich wohl auch ein bisschen dafür, dass Lemere ein äußerst unterkühltes Verhältnis zur Presse pflegte und pflegt. Zu einem Rücktritt sah sich der gedemütigte Coach dennoch - oder eben deswegen - nicht veranlasst. Es war schließlich der Verband, der ihm die Entscheidung abnahm und ihn im Juli 2002 vor die Tür setzte.

Von Frankreich nach Tunesien
Vom Trainergeschäft hatte Lemerre aber keineswegs die Nase voll. Wohl hatten ihm die gallischen Hähne den Rücken gekehrt, die Adler Karthagos nahmen den Fußballexperten dennoch erfreut unter ihren Schwingen auf. Der streitbare Coach, der in den frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts für eine Saison schon das erfolgreiche afrikanische Clubteam Esperance Tunis trainiert hatte, folgte dem Ruf aus Tunesien erneut und nahm noch im Herbst ein Zwei-Jahres-Engagement an.

Prompt führte der von den Spielern "General" Getaufte die Nordafrikaner 2004 mit einer sehr europäischen Spielweise zum Gewinn des Afrika-Cups und avancierte damit zum ersten Trainer, der auf zwei Kontinenten jeweils den Titel gewann. Tunesiens Fußball-Volk lag seinem neuen König zu Füßen, Staatspräsident Ben Ali ernannte den Trainer gar zum "Großoffizier des nationalen Verdienstordens".

"Mit Leib und Seele Tunesier"
Schon vor der WM 2006 in Deutschland, für das sich Tunesien relativ problemlos qualifizierte, wurde der Vertrag Lemerres bis zum Jahr 2008 verlängert - durchaus unüblich im afrikanischen Fußball. Die großen Hoffnungen, das erste Mal in der WM-Historie des Landes die Vorrunde zu überstehen, konnte der Franzose deswegen aber auch nicht erfüllen - ein Unentschieden gegen Saudi-Arabien blieb das höchste der Gefühle.

Von Medienschelte ist Lemerre denn auch im frankophonen Zehn-Millionen-Einwohner-Land am Mittelmeer nicht verschont geblieben. Davon lässt sich der alte Fuchs freilich schon längst nicht mehr irritieren. "Ich bin mit Leib und Seele Tunesier", schwärmte er vor der WM in einem Interview.
(apa/red)